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Karl
Baier Der
Mensch als Person und Anātman. Überlegungen zu einer Grundfrage im
buddhistisch-christlichen Dialog
Volker
Zotz gewidmet Einleitung Josef
Pieper, ein bedeutender christlicher Philosoph unseres Jahrhunderts,
suchte vor vielen Jahren ein buddhistisches Kloster in Hongkong auf, um
dort an Meditationsübungen teilzunehmen. Er berichtet in seiner
Autobiographie über die erste Unterweisung, die ihm bei dieser
Gelegenheit der "Präsident der Lotosgesellschaft" erteilte.
"In der großen Meditationshalle des fast menschenleer
erscheinenden Klosters nötigte er mich, auf einer Pritsche Platz zu
nehmen; und schon während ich mich niederließ, redete er in monotoner
Wiederholung auf mich ein, ich sei niemand und ein Nichts; you are
nobody, you are nothing. Unbemerkt war ein junger Mönch in den Raum
getreten; er hörte zu und lachte, wobei er eine makellose Reihe
blitzend weißer Zähne zeigte; aber das alles geschah, wie auf einem
Bild, nur für die Augen; man vernahm keinen Laut. Ich begann, ein wenig
ermüdet, bereits den verführerischen Sog des „Nichtseins“ zu spüren;
doch dann, es war wirklich so etwas wie Notwehr im Spiel, schlug ich mit
der flachen Hand klatschend auf die Pritsche und rief: „Ich bin
durchaus ein Jemand; denn Gott hat mich erschaffen!“ – was der Präsident
der Lotos-Gesellschaft wieder mit seinem schwer zu deutenden Gelächter
quittierte."[1] Die
Verständnis-Schwierigkeiten, die in dieser Anekdote zu Tage treten,
sind nicht Piepers Problem allein, sondern rühren an einen
Themenbereich, der in der Begegnungsgeschichte von Buddhismus und
Christentum immer wieder Kontroversen hervorruft. Das Jemand-Sein, das
Pieper für sich reklamiert steht für ein Verständnis des Menschen als
Person[2],
das oft als unvereinbar mit den buddhistischen Lehren von der shūnyatā
(Pali suññatā), meist übersetzt als "Nichts, Leerheit"
sowie vom Nicht-Selbst (Sanskrit anātman, Pali anattā, auch übersetzt
als Nicht-Ich, Nicht-Substantialität, Ich- bzw. Selbstlosigkeit)
betrachtet wird. Michael von Brück und Whalen Lai sprechen zurecht
davon, dass das Thema Personalität/Impersonalität ein Grundproblem
darstellt, das sich im buddhistisch-christlichen Dialog als äußerst
komplex erwiesen hat. "Im Buddhismus ist die Leere von anattā
bedingt durch das philosophische Umfeld, und die Geschichte der
buddhistischen Philosophie legt die simple Reduktion auf einen
Impersonalismus keineswegs nahe, zumal erst einmal geklärt werden müsste,
was mit Personalität eigentlich gemeint ist. Da wir es hier mit einer
subtil differenzierenden sowie widersprüchlichen Begriffsgeschichte zu
tun haben (...) bedarf es zunächst einer interkulturellen Hermeneutik
des Personbegriffs, bevor theologische Urteile gefällt werden können."[3] Mit
der vorliegenden Arbeit möchte ich einen Beitrag zu einer solchen
"interkulturellen Hermeneutik" liefern. Sie erarbeitet einige
Grundzüge der Bedeutungsgeschichte von "Person" und "Anātman",
weist auf bereits geschehene Rezeptionsvorgänge hin und zielt auf die
weitere Ermöglichung von beidseitigen Lernprozessen im Dialog von
Buddhisten und Christen. Die
mannigfaltigen Bedeutungen des Wortes Person Die
Bedeutung der Personalität des Menschen ist zwar derzeit im
christlichen Denken unumstritten. Bis heute ist aber, worauf auch M. v.
Brück und W. Lai in dem obigen Zitat hinweisen, ihr Verständnis
durchaus nicht einheitlich. In der gegenwärtigen Philosophie und
Theologie koexistieren unterschiedliche, mitunter sogar unvereinbare
Auffassungen darüber, worin das personale Sein des Menschen besteht.
Auch wenn man von den philosophisch-theologischen Person-Theorien zunächst
einmal absieht und sich dem umgangsprachlichen Gebrauch von
"Person" zuwendet, trifft man auf eine mehrfache Bedeutung.
"Person" steht etwa für beliebige Menschen, insofern sie zählbare
Individuen sind, z.B. wenn wir sagen, dass ein Zugabteil sechs Personen
Platz bietet. In der Rede von der "Amtsperson" und der "Privatperson"
meint "Person" eine bestimmte Position im sozialen Raum, der
gemäß wir jeweils anders auftreten und handeln. Schon seit der ältesten
erhaltenen griechischen Grammatik wird der Terminus "Person"
auch als sprachwissenschaftliche Kategorie verwendet. Der Begriff der
Rechtsperson hat seine eigene, komplizierte Begriffsgeschichte, die sich
an manchen Stellen mit philosophischen Entwicklungen kreuzt. Ich
kann im Folgenden nicht weiter auf die verschiedenen
Bedeutungsschattierungen von "Person" im Common sense, im
sozialen und rechtlichen Bereich sowie den diesen Sphären zugeordneten
Wissenschaften eingehen, sondern behandle von einem katholisch geprägten
Vorverständnis aus einige Grundzüge der Theologie und Philosophie der
Person, die in Europa von christlichen und jüdischen Denkern entwickelt
wurden.[4] Die
Gotteslehre, die im Hinblick auf Personalität und Impersonalität
ebenfalls ein heikles Problem im buddhistisch-christlichen Dialog bildet,
steht nicht im Brennpunkt meines Gedankengangs. Ich ziehe sie – von
einigen Nebenbemerkungen abgesehen – nur heran um bestimmte Aspekte
des Personbegriffs herauszuarbeiten, die für die Geschichte des Verständnisses
der menschlichen Personalität wichtig geworden sind. Die weitgehende
Beschränkung meines Themas
auf den anthropologischen Bereich stellt insofern eine Abstraktion dar,
als die Frage nach dem Personsein des Menschen von der Frage nach dem
letzten Grund der Wirklichkeit nicht getrennt werden kann. Zum
Ausgangspunkt meiner Überlegungen nehme ich die Bedeutung, die die Rede
vom Menschen als Person in der Theologie und in lehramtlichen Aussagen
unseres Jahrhunderts erlangt hat. Es folgt ein Abriss der Geschichte des
Personbegriffs. Bei der Behandlung des personal-dialogischen Personverständnisses
werde ich eine Übereinstimmung zwischen dieser Weise
die Person zu denken und der buddhistischen Philosophie der Kyôto-Schule
aufzeigen. Ein letztes Kapitel widmet sich der Anattā-Lehre im ältesten
Buddhismus und ihrer Umdeutung in den frühen Schulen der buddhistischen
Philosophie. Die
Karriere des Personbegriffs im katholischen Denken des 20. Jahrhunderts
und ihre Bedeutung für die Buddhismus-Rezeption Die
Personalität des Menschen als Grundgedanke der christlichen
Anthropologie wurde und wird im 20. Jahrhundert nicht nur durch die
verschiedensten theologischen Entwürfe, sondern auch durch wichtige
lehramtliche Dokumente unterstrichen. So sagt die Pastoralkonstitution Gaudium
et Spes (1965) des 2. Vaticanums, in der die Anthropologie des
Konzils am ausführlichsten thematisiert wird, von der Aufgabe der
Kirche in der heutigen Welt: "Es geht um die Rettung der
menschlichen Person, es geht um den Aufbau einer menschlichen
Gesellschaft."[5]
Beides bedinge sich gegenseitig: "Wurzelgrund nämlich und Ziel
aller gesellschaftlichen Institutionen ist und muss auch sein die
menschliche Person, die ja von ihrem Wesen selbst her des
gesellschaftlichen Lebens durchaus bedarf."[6] Die Anerkennung der Personalität des Menschen gilt in
den Konzilstexten und auch in späteren lehramtlichen Verlautbarungen
als Fundament der christlichen Anthropologie und Ethik und als
Kennzeichen einer Gesellschaftslehre, die im Namen der Person sowohl
individualistische wie auch kollektivistische Konzepte des
gesellschaftlichen Lebens kritisiert.[7] Das
war nicht immer so. Im vergangenen Jahrhundert wurde von der Person in
den Dokumenten des Lehramts und in der Theologie in anthropologischer
Hinsicht nicht viel Aufhebens gemacht.[8]
Der Hauptgrund hierfür lag darin, dass in der damaligen Philosophie ein
von Kant, Fichte und Hegel geprägter, idealistischer Personbegriff
vorherrschte, demgegenüber die katholische Theologie aus verschiedenen
Gründen große Vorbehalte hatte. Erst nach der Jahrhundertwende konnte
der Mensch als Person zu einem Hauptthema werden, weil die
philosophische Reflexion auf das Personsein u.a. durch Max Scheler und
später durch die personal-dialogischen Denker und die christliche
Existenzphilosophie aus diesem idealistischen Kontext herausgelöst
wurde. Ein
am Personalen orientiertes Denken spielte in der Folge eine wichtige
Rolle bei der Überwindung der festgefahrenen neuscholastischen
Theologie und Philosophie, die besonders seit den dreißiger Jahren
durch eine Reihe von Theologen v.a. aus dem französischen
("Nouvelle théologie") und deutschsprachigen Bereich (Przywara,
die Gebrüder Rahner, Balthasar) angebahnt wurde. In der Gnadentheologie
etwa wurde das neuscholastische "Zwei-Stockwerk-Denken", das
Natur und Gnade abstrakt und ungeschichtlich gegenüberstellte,
kritisiert und im Gegenzug dazu Gnade zunehmend als ein Geschehen der
personalen und (heils-)geschichtlichen Beziehung zwischen Gott und
Mensch verstanden.[9] Diese
Wende hatte Konsequenzen für die christliche Rezeption des Buddhismus.
In der neuscholastischen Theologie waren bis zur Jahrhundertmitte die
Kategorien Natur und Übernatur (Gnade) und davon abgeleitet der Begriff
der natürlichen Religion im Gegensatz zur übernatürlichen
Offenbarungsreligion für die Interpretation des Buddhismus und anderer
nichtchristlicher Religionen leitend. Innerhalb dieses Verständnishorizontes
wurde dann vor allem die Frage diskutiert, wie weit die Gotteserkenntnis
im Rahmen der sogenannten natürlichen Religion reichen kann. Diese
Denkweise wird im Vorfeld des 2. Vaticanums mit guten Gründen zunehmend
in Frage gestellt und gilt seit der Nachkonzilszeit allgemein als überholt.
Die Auseinandersetzung dreht sich nunmehr hauptsächlich um die
Personalität bzw. Impersonalität des Menschenbildes und der religiösen
Erfahrung im Christentum und im Buddhismus. Ein
gutes Beispiel für die veränderte Sichtweise ist das ausgezeichnete
Buch von Heinrich Dumoulin „Begegnung mit dem Buddhismus" aus dem
Jahr 1978. Die Gegenüberstellung von Natur und Gnade spielt darin nur
mehr an wenigen Stellen und dort unterschwellig eine Rolle. Dumoulins
Auseinandersetzung mit dem Buddhismus kulminiert dafür in den beiden
Schlusskapiteln "Der Buddhismus und das Personale" und "Der
personale Charakter der transzendenten Wirklichkeit".[10] Es
ist freilich kein Zufall, dass der Gedanke der Personalität in unserem
Jahrhundert eine solche Bedeutung erlangt hat. Vielmehr hat das Verständnis
des Menschen als Person (wenn auch nicht immer unter diesem Namen) tiefe
Wurzeln in der jüdisch-christlichen Tradition und eine lange
theologische und philosophische Geschichte, auf die im folgenden
Abschnitt einige Streiflichter geworfen werden sollen. Die Absicht, die
ich dabei verfolge, geht nicht auf eine Rekonstruktion der Geschichte
der in ihrer Aufeinanderfolge vielleicht kulturhistorisch interessant
erscheinenden Meinungen über die Person. Meine Untersuchung der
verschiedenen Konzepte personalen Seins ist vielmehr von der Frage
danach, wer wir sind, motiviert, die das Denken der Person seit je in
Atem hält. Stationen der Geschichte des Personbegriffs in der Theologie
und Philosophie bis Kant In
der antiken Philosophie tritt der Personbegriff erst relativ spät auf
und spielt zunächst eine Nebenrolle. In den Mittelpunkt denkerischer
Bemühungen rückt er erstmals in der christlichen Theologie. Im Zuge
der Auseinandersetzungen um eine adäquate Formulierung der
trinitarischen Gotteserfahrung und der Einheit von Gott und Mensch in
Jesus Christus entsteht eine spezifisch christliche Auffassung der
Person. Das
trinitarische Gottesverständnis, das in der Theologie nach vielen
Diskussionen um die Wende vom 4. zum 5. Jahrhundert schließlich
erreicht wurde, besagt, dass Gott ein Wesen in drei Personen ist, wobei
die Personen in Gott als Relationen in einem Geschehen des Sichgebens
und Sichempfangens gedacht werden. Das unterscheidend Eigene einer jeden
Person ist allein durch das Verhältnis, das sie zu den anderen Personen
hat, bestimmt. Die so konzipierte Person kann nur im Plural, also unter
Einbezug der anderen Personen gedacht werden. Das eine Wesen des
dreifaltigen Gottes als substantiellen Kern hinter bzw. über den
Personen vorzustellen, wäre ein Missverständnis, wie neuerdings
Gisbert Greshake wieder in aller Deutlichkeit herausgestellt hat. "Dennoch
ist es sinnvoll", meint Greshake, "zwischen Wesenheit und
Personen in Gott zu unterscheiden, insofern die Wesenheit Gottes eben
die Communio, das Gefüge der Beziehung bezeichnet, die einzelne
Person aber je ein Glied, ein „Rhythmus“ in diesem Gefüge ist, ohne
dass dieses Gliedsein-im-Gefüge im Vorstellungsbild von „Teil und
Ganzes“ verstanden werden dürfte."[11]
Die Personen sind nicht Teile der ganzen Gottheit, sondern jeweils diese
selbst im Geschehen der gegenseitigen Mitteilung. Greshake
hebt hervor, dass jede trinitarische Person sie selbst nur im Sein von
den Anderen her und auf sie hin ist. Damit sind Identität und Differenz
in Gott gleichursprünglich. In der unendlichen Seinsfülle waltet ein
Nicht-Sein, das als Nicht-in-sich-selbst-, sondern Im-anderen-Sein
"sowohl unendliche Selbst-“bejahung“ wie Bejahung der andern
meint, kurz: ein „Nicht“ in der „Bejahung“."[12]
Das Wesen Gottes ist als Beziehungsgefüge eine dreifältige Distanz und
als solche eine offene Weite, ein göttliches Nichts, das den Raum der
Bezogenheit in Gott aufspannt. "Das „Nicht“, also die Differenz
und Andersheit, tritt mithin nicht erst mit dem endlichen Sein auf den
Plan, so dass es unter dem Vorzeichen des Seinsdefekts, der Negativität
stünde, es ist vielmehr ursprünglich im Leben Gottes unter dem
Vorzeichen reinster Positivität gegeben. Mit diesem „Nicht“ ist –
anschaulich gesagt – ein „Raum“ zwischen Selbstheit und Andersheit
eröffnet (in dem ... auch die Schöpfung ihren Platz hat sowie das
Eintreten Gottes in den Raum der Andersheit bis hin zur radikalen
Andersheit von Sünde und Tod)."[13] Das
Nichts der Gottheit - ein großes Thema der mittelalterlichen Mystik,
das immer wieder das Interesse buddhistischer Interpreten geweckt hat -
wird an dieser Stelle vom Phänomen der personalen Urdistanz aus gedacht,
auf das ich weiter unten noch zu sprechen kommen werde. Es ist für den
Dialog mit dem Buddhismus in anthropologischer und theologischer
Hinsicht ein zentrales Thema, worüber man in ein fruchtbares Gespräch
kommen kann und auch schon gekommen ist. In
der Christologie prägt ebenfalls die Relationalität das Verständnis
der Person, obgleich dies in den alten dogmatischen Aussagen nicht so
deutlich hervortritt wie in der Trinitätstheologie. Nach der
Zwei-Naturen-Lehre des Konzils von Chalcedon ist Jesus Christus eine der
göttlichen Personen, nämlich das Wort, der aus dem Vater hervorgehende
Logos, der als inkarnierter eine göttliche und menschliche Natur hat.
Die chalcedonensische Christologie ist auch für unser Thema, also in
anthropologischer Hinsicht aussagekräftig, denn sie soll nicht Christus
als einmaligen Sonderling im Universum charakterisieren, sondern als
jemand, der das, was alle Menschen im Grunde werden können,
vorwegnehmend lebt und weitergibt. Sie soll zur Sprache bringen, wer
Jesus Christus ist, sagt damit aber zugleich etwas über das verborgene
Wesen aller Menschen, gibt quasi einen Richtungspfeil, der anzeigt,
wohin das Menschsein unterwegs ist. Die Personalität Christi besteht in
seinem relationalen Sein, das ganz vom göttlichen Ursprung her und in
Einheit mit ihm als seine Selbstmitteilung (sein Wort) den Mitmenschen
zugewandt das eigene Menschsein vollzieht. Er lebt die radikale
Offenheit eines Daseins, das aus der Bezogenheit auf die anderen und auf
den Vater es selbst ist.[14] Diese
Theologumena sind philosophisch von Belang, besonders
hinsichtlich der Ontologie der (personalen) Relation. Die seit Boethius
von einer v.a. an Aristoteles orientierten Kategorienlehre beherrschte
westeuropäische Schultradition der Ontologie geht davon aus, dass alles
endliche Wirkliche entweder Substanz oder Akzidens ist.[15]
Die aristotelisch verstandene erste Substanz meint das selbständige,
kraft seines eigenen Seins anwesende Seiende, das zu seiner Entfaltung
ihm gemäßer Seinsbestimmungen bedarf, die keine selbständige
Wirklichkeit haben, sondern nur in der Substanz wirklich sind wie etwa
Ausgedehntheit, Farbe, zeitliche und lagemäßige Bestimmungen etc.
Seiendes von letzterer Art nennt man Akzidenzien. Wichtig ist nun, dass
die Beziehungen, in denen Seiendes steht, zu seinen akzidentellen
Bestimmungen gezählt wurden. Die relatio nimmt unter den
Kategorien sogar den letzten Platz ein und gilt im Mittelalter als minimum
ens, als am geringsten seiend. Das Sein des selbständig Seienden
erscheint zwar nur in den Akzidenzien, also auch im Bezogensein auf
anderes Seiende, ist aber davon zu unterscheiden und dem Bezogensein
vorgeordnet. Die Verhältnisse, in denen etwas oder jemand ist, werden
so vom schon konstituierten Seienden und seinem jeweiligen Wesen
ausgehend gedacht. In dieser Denkweise bleibt unbeachtet, dass ein
Seiendes nur im Konnex mit allem anderen durch sich selbst das sein kann,
was es ist.[16] Sowohl
die Trinitätstheologie als auch die Christologie verstehen die
Bezogenheit, das Von-her-Sein und Hin-zu-Sein als zum Wesen der Person
gehörig. Dieser Ansatz hätte zu einer Revision der Ontologie der
Relation mit entsprechenden Konsequenzen für das anthropologische
Personverständnis Anlass geben können, die Versuche dazu (u.a. der von
Duns Scotus, bei dem die Relation zu einer transzendentalen
Seinsbestimmung aufrückt) sind aber eher spärlich gesäht und vermögen
bis ins späte Mittelalter und noch darüber hinaus nicht die
schularistotelische Abschiebung der Relation auf den untersten Rang der
Akzidenzien aufzuheben.[17] Von
Boethius an, dessen Bestimmung der Person von größtem Einfluss war,
herrscht vielmehr umgekehrt die Tendenz, die Person im Sinn der herkömmlichen
Kategorienlehre zu interpretieren. Er
definiert: Persona est naturae rationabilis individua substantia.[18]
Person
ist eine unteilbare Substanz mit vernünftiger Natur. Die individuelle
Substanz wird in dieser Definition in Abhebung von der allgemeinen, d.h.
vielen einzelnen Seienden zuteil werdenden Wesenheit gesehen.
Individuelle Substantialität ist keine Seinsweise, die einer Pluralität
von Seienden Sein geben kann, wie die animalitas, die allen
Lebewesen zukommt, oder eben die rationale Natur, die alle Menschen
miteinander teilen. Die individuelle Substantialität meint vielmehr das
einmalige, in keinem anderen zu findende Sein eines einzelnen, selbständigen
Seienden. Eine individuelle Substanz muss kein Mensch sein, es kann sich
auch um ein einzelnes Tier oder diesen bestimmten Baum handeln. Für
Individuen mit rationaler Natur führt Boethius als Terminus technicus
die Bezeichnung „Person" ein. Um
seine Definition nicht misszuverstehen, ist zu beachten, dass für ihn
zwar der Blick auf das dinghaft Vorhandene die leitende Perspektive
seines Substanzdenkens darstellt, sein Substanzbegriff aber nicht
einsinnig gemeint ist. Was es heißt, eine individua substantia
zu sein, ist von der Art, der sie angehört, abhängig. Wie man zwar
nicht der Stelle, an der Boethius die Person definiert, entnehmen kann,
wohl aber z. B. der Anthropologie seines bekanntesten Werkes, der Consolatio
Philosophiae, eignet Personen eine höhere Selbständigkeit als den
vernunftlosen Substanzen. Sie können von sich aus die Welt und ihren
Schöpfer erkennen und ihr Handeln nach Maßgabe dieser Erkenntnis frei
bestimmen. Ein
wesenhaftes Bezogensein der Personen aufeinander denkt Boethius aber nur
in Bezug auf die Trinität. Man hat sein Übergehen des relationalen
Wesens der menschlichen Person aus der sozialen Stellung des Boethius zu
begründen versucht. So meint etwa Kurt Flasch: „Die in den
urchristlichen Gemeinden mögliche Erfahrung, erst durch die Zuwendung
anderer Menschen wahrhaft „Person“ zu werden und nur durch tätige
Zuwendung zu anderen „Person“ zu sein, diese Erfahrung wird von dem
römischen Aristokraten Boethius nicht völlig verleugnet, aber mit
Hilfe der Substanzontologie aus der menschlichen Welt hinausverlegt"[19]. Die
boethianische Bestimmung der Person wurde von der mittelalterlichen
Philosophie übernommen. Allerdings führte die Reibung, die zwischen
dem substantialen und dem weiterhin vor allem in der Gotteslehre präsent
bleibenden relationalem Personverständnis dazu, dass der Personbegriff
des Boethius differenziert und ergänzt wurde. Einen
entscheidenden Schritt zur Zusammenführung beider Richtungen des
Persondenkens vollzog Richard v. St. Victor, ein Denker des 12.
Jahrhunderts. Seine Bestimmung der Person lautet: Persona est
intellectualis naturae incommunicabilis existentia.[20]
Person ist die unmitteilbare Existenz einer geistigen Natur. Richard
schließt damit an Boethius an, kritisiert zugleich aber dessen
Personbegriff als unvollständig. Mit Boethius geht er zunächst davon
aus, dass nur bei der einzelnen und vernunftbegabten Substanz von Person
gesprochen werden kann.[21]
Nun leitet ihn aber die Absicht die trinitätstheologische Terminologie
(eine Substanz, drei Personen) als sinnvoll aufzuweisen und so will er
in der Folge zeigen, dass die Begriffe Substanz und Person nicht
deckungsgleich sind. An die Stelle der individua substantia tritt
in seiner Definition die incommunicabilis existentia. Die
Inkommunikabilität, Unmitteilbarkeit entspricht der boethianischen
Individualität. Sie meint keine unkommunikative Isoliertheit der
Person, sondern bezieht sich auf die nicht vervielfältigbare Identität
der Person. Von einer Person kann es nicht mehrere Exemplare geben.
"Falls du die persönliche Eigentümlichkeit für mitteilbar
hieltest, behauptetest du, dass eine Person auch zwei Personen sein könnte."[22] Das
eigentlich Neue an seiner Definition ist die Einführung des Begriffs existentia.
Er versteht es als Kompositum aus dem Zeitwort sistere und der Präposition
ex. Das ex zeigt für ihn die Ursprungsbeziehung an, das Von-einem-her-
oder Aus-einem-heraus-Sein. Das Sistieren will er als Seinsweise
verstanden wissen, die zwar auch substantielles Sein bedeuten kann, aber
grundsätzlich weiter gefasst ist. Es meint bei ihm ein In-sich-Sein im
Sinn der Selbständigkeit, in der ein Seiendes durch sich selbst sein
Sein vollzieht. Richard unterscheidet dieses Sistieren vom Insistieren,
das ein Sein-im-Anderen ist und holt damit die kategoriale
Grundunterscheidung von Substanz und Akzidens ein. Ein Seiendes, das
sistiert ist als Substanz anzusprechen, wenn es durch mehrere Seinsgründe
konstituiert und zugleich tragender Grund für Akzidenzien ist.
Menschliche Personen sind in diesem Sinn Substanzen. Gott sistiert zwar
auch in der Dreifalt der göttlichen Personen, aber nicht auf die Weise
der endlichen Substanz, denn sein Sein ist eine einfache Einheit und
kennt keine akzidentellen Bestimmungen. Er ist deshalb strenggenommen
keine Substanz, sondern übersubstantiell sistierend. Für
die göttlichen und menschlichen Personen ist es wesentlich, dass sie
von einem Anderen her in sich sind. Die Ursprungsbeziehung wird damit
von Richard als gleichrangiger Wesenszug des Personseins dem
Durch-sich-selbst-Sein beigesellt. "Sicher hat jede menschliche
Person eine eigentümliche, ihr besondere Qualität, durch die sie sich
unweigerlich von jeder anderen unterscheidet. Und so hat auch jede ihren
eigenen Ursprung (...) Jeder Mensch hat seine bestimmte Herkunft."[23]
Seine Auffassung der Herkünftigkeit der menschlichen Person von anderen
bleibt allerdings unbefriedigend. Er versteht darunter nur die
Abstammung des Leibes von den Eltern und trennt die Fortpflanzung als
Ursprung des Leibes dualistisch von der göttlichen Herkunft der Seele. Noch
eine weitere wichtige Entwicklung des Person-Denkens bahnt sich im 12.
Jahrhundert an, um im darauf folgenden Säkulum u.a. bei Alexander v.
Hales eine ausformulierte Gestalt zu gewinnen, die von den großen
Philosophen der Epoche wie etwa Bonaventura und Thomas v. Aquin zitiert
und rezipiert wird.[24]
In dieser Richtung wird die Würde der Person ins Zentrum gestellt. Der
einzelne Mensch ist Person, so wird nun gesagt, weil ihm ein esse
morale, ein moralisches Sein eignet, das seine dignitas, Würde
ausmacht. Die Würde der Person besteht darin, dass sie nicht wie ein
bloßes Individuum unter ein Allgemeines subsumiert werden kann (sub
nullo est) und zwar aufgrund ihrer Freiheit, die den Kern des
moralische Sein des Menschen bildet. Der Sache nach greift dieses
Personverständnis etwas auf, was im substantialen Personbegriff seit
Boethius mitgemeint war, da ja, wie oben erwähnt, die Willensfreiheit
als Charakteristikum der Selbständigkeit der Person durchaus bekannt
war, ohne dass dies in den Vordergrund gestellt und für die Ontologie
der Person genauer durchdacht worden wäre. Nun wird aufgrund einer
vertieften Besinnung auf die Freiheit der Person fragwürdig, ob es zulässig
ist das Sein der Person als Sonderfall der Substantialität zu behandeln
und sie nach Art einer res naturalis, eines natürlichen Seienden
kategorial zu bestimmen. Das
esse morale meint das Sein des einzelnen Menschen, insofern er
sich zu seinen Wesensmöglichkeiten frei verhält, sie bejahen oder
verneinen kann, also verantwortet. All das, was ein Mensch ist,
entscheidet noch nicht darüber, wer er ist. Dies hängt vielmehr davon
ab, wie er sich zu seinen Möglichkeiten verhält. Das Menschsein kommt
der Person nicht einfach zu, sondern ist eine Aufgabe, die sie auf je
eigene und unvertretbare Weise zu erfüllen hat. Die verschiedenen
Dimensionen des Menschseins werden auf diese Weise in der Freiheit des
Personseins vereinigt und kommen in ihm zur höchsten Entfaltung. Zur
Ganzheit der Person gehören nach Alexander von Hales dreierlei
Seinsweisen. Sie ist zunächst ein lebendiges leibliches Wesen, sodann
ein zur Gattung der Vernunftwesen zählendes Individuum, womit er den
boethianischen Personbegriff integriert und schließlich ist sie dies
alles als Person durch die überragende Eigentümlichkeit (proprietas
eminens) ihrer Würde. Es wird jedoch, soweit ich sehe, dem
Zusammenhang dieser drei Bestimmungen der Person und ihrer ursprünglichen
Ganzheit nicht weiter nachgefragt. Anders
als das ältere Persondenken geht die neuzeitliche Subjektmetaphysik vom
Menschen als auf sich selbst bezogenes Selbstbewusstsein aus. Das Ich,
das im Akt des "Ich denke" sich seiner selbst absolut gewiss
ist, wird nun zum Angelpunkt nicht nur für die Bestimmung des
Menschseins, sondern für das gesamte Wirklichkeitsverständnis. Soweit
man überhaupt noch auf den Begriff der Person rekurriert, wird die
Personalität vom Selbstbewusstsein abgeleitet, nicht etwa dieses als
Selbstbewusstsein einer Person gedacht. Bei den englischen Empiristen
John Locke (1632-1704) und David Hume (1711-1776) zeigt sich, dass
dieser Neuansatz die Frage nach der Identität der Person in unlösbare
Aporien führt, besonders wenn man nur das Sein diskreter, momenthafter
Sinnesdaten als ontologische Basis zulässt.[25] Hume
lehnt die Vorstellung einer Ich-Substanz, eines übersinnlichen,
beharrenden Substrats, das den wechselnden Eindrücken und Ideen
zugrunde liegt, ab, da sie sich durch keine Erfahrung ausweisen lasse.
Der Substanzbegriff, von dem er in seiner Kritik ausgeht, ist
platonistisch gefärbt und nicht mit der Auffassung der Substanz als
selbständigem Seiendem, auf die sich der alte substantiale
Personbegriff bezieht, identisch. Seine Destruktion eines
erfahrungsfernen Denkens der Person ist durchaus berechtigt. Die
menschliche Person als übersinnliches, beharrendes Substrat von
Bewusstseinsvorgängen ist uns schlicht und einfach nicht gegeben. Fragwürdig
sind aber die Konsequenzen, die er daraus zieht. Die falsche Annahme
einer solchen Substanz gründet nach Hume auf dem Eindruck den faktisch
konstante Verbindungen von Wahrnehmungen erwecken. Die
Person ist in Wahrheit nur “a bundle or collection of different
perceptions, which succeed each other with inconceivable rapidity, and
are in perpetual flux and movement."[26] Der
dauernde Fluss schnell aufeinander folgender Wahrnehmungseinheiten wird
seiner Meinung nach durch eine bloß vorgestellte Beziehung zur Einheit
einer Person zusammengeschlossen. Wer aber die Perzeptionen zur Einheit
verknüpft, muss in Humes empiristischen Ansatz letztlich unbeantwortet
bleiben. Diese Theorie ähnelt einer Richtung der buddhistischen
Philosophie, die später noch zur Sprache kommen wird. Eine
reichere Bestimmung der Person findet sich bei Kant.[27] Er führt die oben erwähnte, seit dem 13. Jahrhundert
etablierte Tradition der Ontologie des esse morale fort, indem er
sie im Licht der neuzeitlichen Subjektivität neu interpretiert.
Dementsprechend liegt das Wesen der Person für ihn in der Einheit des
Ich-Bewusstseins. Ihre Freiheit wird jetzt der res naturalis
schroff entgegengesetzt. Natur ist bloße Sache, über die der Mensch
qua Person willkürlich verfügen kann. "Dass der Mensch in seiner
Vorstellung ein Ich haben kann, erhebt ihn unendlich über alle andere
auf Erden lebende Wesen. Dadurch ist er eine Person und, vermöge der
Einheit des Bewusstseins, bei allen Veränderungen, die ihm zustoßen mögen,
eine und dieselbe Person, d.i. ein von Sachen, dergleichen die
vernunftlosen Tiere sind, mit denen man nach Belieben schalten und
walten kann, durch Rang und Würde ganz unterschiedenes Wesen."[28] Man
kann bei Kant eine dreigliedrige Verfassung des Personseins finden, die
der bei Alexander v. Hales entwickelten genau entspricht. Die personalitas
psychologica meint die Animalität des Menschen, sie bestimmt ihn
als lebendes Wesen. Die personalitas transcendentalis ist
charakterisiert durch Vernünftigkeit, die das Menschsein des Menschen
konstituiert. Die personalitas moralis schließlich macht die
eigentliche Personalität des Menschen aus.[29]
Alle drei Seinsweisen versteht Kant als Modifikationen des
Selbstbewusstseins. Als Lebewesen ist die Person ein mit einem Körper
verbundenes empirisches Ich. Dieses empirische Ich ist die im Sichwissen
des Selbstbewusstseins gewusste Sache, das Ich-Objekt. Das Vermögen des
empirischen Ich sich durch den äußeren und inneren Sinn seiner
wechselnden Zustände bewusst zu werden und sie in der Einheit eines Ich
zusammenzuhalten, gründet nach Kant im transzendentalen Ich, dem reinen
Ich-Subjekt, über dessen Sein nur gesagt werden kann, dass es ist, das
aber als Bedingung der Möglichkeit aller Denkkategorien (auch der
Substanz) selbst unbestimmbar bleibt. Die moralische Person ist das
Bewusstsein des Menschen von sich als frei handelnder Person. Diese Form
des Selbstbewusstseins gründet in der Achtung der Person vor sich
selbst, die darin besteht, dass sie nicht dem Eigendünkel der
sinnlichen Antriebe des empirischen Ich nachgibt, sondern ihre Freiheit
will und sich dem Gesetz ihrer eigenen praktischen Vernunft gemäß
selbst bestimmt. Die
Person wird sich darin der Würde bewusst, dass sie als selbstbestimmte,
d.h. frei ihre Zwecke setzende, um ihrer selbst willen, oder wie Kant
sagt, als Selbstzweck ist. Das Verhältnis der Personen zueinander
besteht in der gegenseitigen Anerkennung dieser Würde. Die anderen
Personen sind als meinesgleichen zu behandeln, d.h. in ihrer Selbständigkeit
als Vernunftwesen zu achten. Dazu gehört, dass ich sie nicht ausschließlich
als Mittel in meine eigenen Zwecksetzungen einspannen darf, sondern
immer auch als Selbstzweck behandeln soll.[30] Das
personal-dialogische Personverständnis Die
Selbstachtung und gegenseitige Anerkennung vernünftiger Subjekte, wie
Kant sie dachte, erreicht noch nicht die Fundierung des personalen Seins
im Gegenüber von Ich und Du, die von den personal-dialogischen Denkern
des 20. Jahrhunderts in den Mittelpunkt gestellt wurde, wodurch es ihnen
gelang den methodischen Solipsismus der Subjektmetaphysik zu überwinden
und das alte relationale Personverständnis zu vertiefen.[31] Ich behandle nun einige Grundzüge dieser Denkrichtung,
die im Blick auf das Gespräch mit dem Buddhismus besonders wichtig sind.[32]
Es wird sich zeigen, dass ein Gespräch, in dem beide Seiten voneinander
lernen, in Bezug auf diese Auffassung der Person bereits im Gang ist. Personalität
im personal-dialogischen Sinn meint das freie Selbstsein in der
gemeinsamen Welt, das wir uns in zwischenmenschlichen Naheverhältnissen
gegenseitig ermöglichen und mitteilen. Wer du selbst bist, wer ich
selbst bin, das geht uns primär nicht in einer monologischen
Selbstreflexion auf, sondern im dialogischen Gegenüber, in dem Menschen
so füreinander da sind, dass sie einander die Möglichkeit geben als
sie selbst anwesend zu werden. Diese Weise im Gegenüber da zu sein
kennt viele Modifikationen, unterschiedliche Grade und Weisen der
Privation, als Bejahung des Du, Aufgeschlossenheit gegenüber seiner
unverwechselbaren Einmaligkeit, ist sie immer eine Art von Liebe.
"Das Sein des Menschen als Person, personales Selbstsein, wird nur
jeweils in konkret-leibhaftiger Liebe zu ihm als Du, erfahrbar und
verstehbar."[33] Die
Person besteht nicht schon außerhalb des Bezugs zu anderen Personen,
sodass sie sich in ihm nur zu erkennen gäbe, sondern das Offensein der
einen Person gegenüber der anderen ist der Ort, an dem sich beider Sein
und Schein zuträgt. Personale Identität kann jemand nur im Raum der
Anwesenheit anderer durch die Bejahung, die sein Sein darin erfährt,
entwickeln. Das Ich-Sagen und Ich-Bewusstsein ist also kein absoluter
Anfang, betonen die Personal-Dialogiker im Gegenzug gegen den
neuzeitlichen Subjektivismus, sondern stellt bereits ein antwortendes
Verhalten dar. "Ich" sagt jemand, der zuvor angeredet,
angesprochen im weitesten Sinn wurde. Das antwortende Ich-Sagen erfüllt
seine primäre Funktion nicht im isolierten Selbstbezug, sondern in der
und für die Gegenwart anderer, die für mich ansprechbar sind. "Ich"
sagen zu können und seiner selbst bewusst zu sein, sind bestimmte
Weisen des Sich-zu-sich-Verhaltens im Kontext des Miteinanderseins, die
darin gründen, dass andere sich schon zu uns verhalten haben. Das
Selbstverhältnis, das immer auch ein Selbstverständnis beinhaltet, gründet
im Verhalten und Verstehen, das andere uns gegenüber an den Tag legten
und legen. In
der jeweiligen Sprechsituation teilt sich im Ich-Sagen zwar die Person
als Ganze mit, aber sie thematisiert nicht ihr Selbst zur Gänze (was
unmöglich ist), sondern bringt zur Sprache, was den Ich-Sagenden gerade
von sich selbst als bedeutsam und mitteilenswert anspricht. Das
Selbstsein im personalen Bezug erschöpft sich bei weitem nicht im
Ichbewusstsein. Das
personale Gegenübersein, in dem die Personen sich nach dem Maß ihrer Möglichkeiten
als sie selbst sein lassen, bedeutet eine Vereinigung, die differenziert.
Es ist deshalb ungenau, wenn man, wie das manchmal von buddhistischer
Seite geschieht, im Persondenken einen Dualismus am Werk sieht. Freilich
handelt es sich genauso wenig um einen Monismus, der ja auch im
Buddhismus kaum oder gar nicht vertreten wird. "Im personalen Gegenüber
lassen wir (...) die/den Andere(n) aus eigener Mitte und Anfangskraft,
aus eigenem Ursprung hervortreten. Die Bewegung, in der jede(r) zu sich
freigegeben wird, ist die der Einigung, die des Vollzugs der Identität,
welche die Personen nicht miteinander verschmilzt und ihre Selbständigkeit
aufhebt, (...) sondern sie
wahrt und entfaltet."[34] Damit ist auch schon gesagt, dass das substantiale und
relationale Persondenken im personal-dialogischen Verständnis keinen
unvereinbaren Gegensatz bilden, sondern die Selbständigkeit der Person
im personalen Bezug auf einen tieferen Grund gebracht wird, der im
substantialen Persondenken unterbelichtet oder ganz unbedacht bleibt. M.
Heidegger weist in Bezug auf die Erfahrung des freundschaftlichen Gesprächs
darauf hin, dass die differenzierende, die Selbständigkeit gewährende
Verbindung im personalen Bezug einen Spielraum interpersonaler Offenheit
erscheinen lässt: "Im Gespräch ist ein Sichfinden, so zwar, dass
die Sagenden und Hörenden von einander sich entfernen, sofern sie je
auf ihr eigenes Wesen zurück angesprochen sind und angehört werden.
Dieses Sichentfernen ist nicht Trennung, sondern jenes Sichfreigeben,
durch das zwischen die Sprechenden das Freie und Offene kommt, in dessen
Spielraum das Eigene erscheinen darf."[35]
Auf dieses "Freie und Offene" zwischen den Personen, durch das
sie füreinander sie selbst sein können, möchte ich im nächsten
Abschnitt weiter eingehen, da von ihm aus eine Brücke zu buddhistischem
Gedankengut geschlagen werden kann. Das
Nichts der Urdistanz als Wesensgrund der personalen Beziehung Personalität
meint personal-dialogisch gedacht, so lässt sich das bisher Gesagte
zusammenfassen, nicht die ihrer selbst bewusste Ichheit, sondern das
Selbstsein im und durch Miteinandersein, das der ermöglichende Grund für
das Ich-Bewusstsein und Ichsagen ist. Die mich seinlassende Anwesenheit
anderer Personen – wie auch meine Anwesenheit für sie – ist der
Erscheinungsort unseres Selbstseins. Wir können füreinander wir selbst
werden, insofern uns die Möglichkeit des Selbstseins aus der Offenheit,
die zwischen uns aufgehen darf, zugespielt wird. Dem
jüdischen Philosophen Martin Buber zufolge wird die Beziehung zwischen
Personen durch die Dimension des Zwischen, oder wie er auch sagt, durch
die Urdistanz ermöglicht. Das Zwischen, das als Freies und Offenes das
Einander-gegenüber-Sein der Personen und alle Arten von konkreter
Zuwendung und Abwendung ermöglicht, ist kein Etwas. Es ist weder
Subjekt noch Objekt und erscheint vom Seienden aus betrachtet, das immer
dies oder das ist, als Nichts. Zwischen denen, die in eine persönliche
Beziehung zueinander geraten, bildet sich ein durchlässiger Raum, eine
Leere, die sie füreinander öffnet. Das Offene, das zwischen ihnen
geschieht, bringt durch sein Sichereignen die einander Begegnenden zu
ihrem Selbst- und Miteinandersein. Sie können nur durch das offene
Zwischen als sie selbst füreinander anwesen, sodass Michael Theunissen
von einer "Herkunft von Ich und Du aus dem Zwischen" reden
konnte.[36] Das an ihm selbst leere Zwischen der Urdistanz ist so
gesehen der Ursprung der Möglichkeit des personalen Miteinanderseins. Die
Bezeichnung "Urdistanz" ist freilich missverständlich, denn
was hier "Distanz" bedeutet und worauf sie sich bezieht,
bedarf der weiteren Klärung. Nicht gemeint ist ein räumlicher Abstand,
sei es im Sinn des geometrischen Raumentwurfs oder des lebensweltlichen
Raumes, in dem wir uns miteinander aufhalten. Die Urdistanz manifestiert
sich gerade auch in einer zärtlichen Berührung, durch die zwei
Personen in nächster leiblicher Nähe zueinander finden.[37]
Das Distanzhafte der Urdistanz bedeutet also keine Distanziertheit im
Sinn einer Ferne ohne Nähe. Sie ist das Offene, das mit der Ferne des
Seins des Anderen vertraut macht, sie nahe bringt. Man könnte von einem
Möglichkeitsspielraum des Zueinandergehörens sprechen, der jede
Gegenwart, die eine Person
für die andere je erlangt, übersteigt und den wir nicht machen,
sondern der von sich aus in Erscheinung tritt und uns gegeben ist,
sodass wir frei sind uns auf ihn einzulassen um ihn gemeinsam
raumzeitlich zu gestalten, oder ihn - aus welchen Gründen auch immer
auszuschlagen. Das
Phänomen des offenen Zwischen in seiner Bedeutung für den Dialog mit
dem Buddhismus Einmal
frug Meister Gyäsan Ejaku den Meister Sanshä Enen, "Wie heißt du?"
Sanshä
antwortete: "Ejaku" - also mit dem Namen des Fragers! Dieser,
Gyäsan Ejaku, sagte darauf: "Ejaku - das bin ich!" Darauf
Sanshä: "Mein Name lautet Enen." Da
brach Gyäsan Ejaku in ein großes Lachen aus. Ein
berühmtes Koān aus dem Bi-yän-lu Das
vereinigende und zugleich differenzierende Offene zwischen den Personen
wurde für Vertreter der Kyôto-Schule zum Schlüsselphänomen, das
ihnen erlaubte sich von ihrem buddhistischen Hintergrund her einen
Zugang zum europäischen Person-Denken zu bahnen. In dem Aufsatz
"Das Nichts und das Selbst im buddhistischen Denken"
interpretiert Shizuteru Ueda ein vielzitiertes Wort aus dem Prajñāpāramitā-hridaya-Sūtra:
"Form ist Leere und Leere ist Form" (rūpam shūnyatā shūnyataiva
rūpam).[38]
Diese Aussage ist nach Ueda als zusammenhängende Doppelperspektive auf
die Wirklichkeit zu verstehen. In der einen Blickrichtung wird das
Formhafte als das Leere geschaut, was im Mahayana-Buddhismus die "Große
Erkenntnis" heißt. Die andere Blickrichtung sieht das Nichts
konkretisiert als das Formhafte und wird die "Große Sympathie"
genannt, die Barmherzigkeit und Mitgefühl für alles Seiende bedeutet.
Der existentielle Vollzug dieser Doppelperspektive ist eine Erfahrung
des Sterbens und der Auferstehung. In der "Großen Erkenntnis"
realisiert der Erkennende, dass er und alles Seiende leer ist von
Eigensein. Er geht dadurch zusammen mit allem in das abgründige Nichts
ein. Die "Große Sympathie" ergibt sich aus der Erfahrung,
dass das Nichts die Vielfalt des Formhaften nicht nur im formlosen Einen
entwerden lässt, sondern zugleich das Eine in das Viele auseinanderlegt,
"wobei das Nichts aus dem Vielen die Gegensätzlichkeit - nicht
aber die Unterschiedenheit – und aus dem Einen die geschlossene und
verschlossene Festigkeit - nicht aber die Einheit – eliminiert."[39]
Jedes Seiende und Geschehen wird im Abgrund des Nichts in seiner
Einzigartigkeit belassen und bildet so "eine bunte Seinssymphonie
in Offenheit". Die Einheit dieser gegenläufigen Bewegung tritt für
Ueda besonders im Bereich der personalen Beziehung hervor. "Die große
Erkenntnis „in eins“ mit der barmherzigen Sympathie: mit dieser
Gleichung kommt ein neuer, aber von vorneherein zugrundeliegender
Zusammenhang zum Vorschein: es ist die Beziehung von Person zu Person.
Hier wirkt und spielt das wahre Selbst zwischen Mensch und Mensch als
„ichlose“ Dynamik des „Zwischen“ von Mensch und Mensch. Dabei
handelt es sich nicht etwa um einen Impersonalismus, wie man diese
Zenlehre oft mißdeutet."[40]
Das wahre Selbst des Menschen, das durch die Erfahrung der Leere geöffnet
wurde, entfaltet sich als das Zwischen. An anderer Stelle umschreibt
Ueda das Gemeinte in Anspielung auf wohlbekannte Formeln aus der
christlichen Theologie: "Die communio gemeinsamen Lebens ist
der (...) Auferstehungsleib des selbst-losen Selbst. Ich bin „Ich und
Du“; „Ich und Du“, das bin ich. Es handelt sich um das Selbst als
Doppelselbst auf Grund der Selbstlosigkeit."[41] Ähnlich
denkt auch Keiji Nishitani das personale Verhältnis. Bei ihm wird
nachdrücklicher als bei manchem Personaldialogiker hervorgehoben, dass
das Dasein im offenen Zwischen, das uns personalisiert, unsere
Personalität zur Erfüllung bringt, keine Selbstverständlichkeit ist,
sondern einer zumeist schmerzhaften Verwandlung der Grundhaltung des
Menschen bedarf. Er
geht in seiner Philosophie der Person von der unaufhebbaren Andersheit
und Unbekanntheit einer jeden Person aus. "Wir wissen so wenig,
woher unser vertrautester Freund kommt, und wohin er geht, wie wir
wissen, woher wir selbst kommen und wohin wir gehen. Wir haben keinerlei
Kenntnis davon, wo der Mensch, der uns in diesem Augenblick vor Augen
steht, in seinem Wesen bei sich selber ist. Er ist ursprünglich und
wesenhaft für uns ein Unbekannter."[42]
Selbst die innige Vertrautheit mit uns nahestehenden Menschen ist
"in Wahrheit eine solche, in der ein absoluter Abgrund gähnt."[43]
Sich auf diesen Abgrund einzulassen, der durch seine Bodenlosigkeit zunächst
abschreckt und Angst einflüssen kann, ist für Nishitani nur durch eine
existentielle Umkehr des an sich selbst haftenden Menschen möglich.
Dann zeigt sich das vormals die Möglichkeit des personalen Bezugs
scheinbar zunichte machende Nichts als Feld der Shūnyatā, auf dem Form
und Leere dasselbe sind. Der
Abgrund zwischen den Personen öffnet sich als die Andersheit des
Anderen freigebend und zugleich einheitsstiftend. Die Seinsverfassung
eines Menschen, der sich in das Nichts losgelassen hat und aus ihm lebt,
wird, so Nishitani, in der buddhistischen Tradition "anātman oder
muga genannt, d. h. non-ego oder Selbst-Losigkeit"[44].
Die Verwirklichung von anātman ist für Nishitani eine zutiefst religiöse
Angelegenheit. In ihr erscheint das abgründige Zwischen des personalen
Bezugs als Erfahrungsort des Ursprungs unserer selbst und aller Dinge,
"wo unser eigenes Sein, wie das, dem wir begegnen, seinen Ursprung
hat, wo das Selbst wie das Andere, indem sie zusammen sind, jedes sein
eigenes Selbst wahrhaft lebt."[45] Dieser leere Ort ist außerdem als Ereignis der
Nicht-Zweiheit von Selbst und Anderem "nichts anderes als der Ort
derjenigen nichtunterscheidenden Liebe, in der das Selbst selbstlos
jedes Ding liebt wie sich selbst."[46] Ich
möchte mich nun den Antworten zuwenden, die diese japanische
Philosophie der Person im deutschen Sprachraum gefunden hat. Augustinus
K. Wucherer-Huldenfeld, der sich von personal-dialogischer Seite aus mit
der Shūnyatā-Lehre befasst, kommt zu denselben Ergebnissen, wie die
von ihm bereits z. T. rezipierten Denker der Kyôto-Schule. Sein Verständnis
der Leere geht von der Erfahrung des Nichts als des Offenen aus, die
sich auch für ihn in einem "existentiell besonders relevanten
Sinne" als "das Zwischen des zwischenmenschlichen Bezugs"[47] zeigt. Er weist auf, dass zum Phänomen des Offenen
nicht nur die Weite gehört, in der Seiendes erscheinen kann, sondern
auch die Dimension der Tiefe, die durch Abgründigkeit und Verborgenheit
gekennzeichnet ist. "Offenheit an sich gibt es nicht; das Offene
als etwas Gesondertes ist eine Abstraktion. Das Einander-Offenstehen und
-Offenbarsein ist nur ein Offenstehen und Offenbarsein des Verborgenen."[48]
Im zwischenmenschlichen Bereich bleiben deshalb gerade die uns nächsten
Menschen unbekannte Wesen - nicht weil wir noch nicht genügend von
ihnen wüssten, sondern "weil sie aus dem abgründigen Mysterium
der ihnen eigenen Unergründlichkeit heraus uns in Blick, Wort und Gebärde
entgegenkommen und an ihm teilnehmen lassen."[49]
Ebenso wie für Nishitani (der ja auch die Unergründlichkeit der Person
hervorkehrt) ist für ihn das abgründige Nichts, aus dem heraus sich
uns begegnende Menschen öffnen, nichts anderes als der Ort unseres
eigenen Ursprungs und des Ursprungs aller Dinge. Die Grundhaltung des
Leer- und Offenseins kann, so Wucherer-Huldenfeld wiederum in Übereinstimmung
mit der Kyôto-Schule, als Einkehr in das Nichts, Zunichtewerden, aber
ebenso auch als Liebe beschrieben werden, "wenn Liebe heißt, im
personalen Gegenüber die/den Andere(n) ganz sie/er selbst sein zu
lassen."[50] Auch
Hans Waldenfels, der den Grundgedanken des relationalen bzw. personal-dialogischen
Personverständnisses mit Nishitanis Philosophie vergleicht, kommt zu
dem Schluss, es zeige sich eine echte Konvergenz zwischen beiden, die
nur deshalb von Nishitani selbst nicht wahrgenommen werde, weil er den
europäischen Personbegriff weitgehend mit dem neuzeitlich
cartesianischen Subjektdenken identifiziere. Die von der Relationalität
gegenseitiger Zuwendung getragene Personalität und Nishitanis Gedanke
der Person als lebendiges selbstbezeugtes Nichts berühren sich, so
Waldenfels darin, dass: a) sich eine radikale Offenheit im Sinne einer
Befreiung von jeder Form der Selbstverhaftung und Selbstfesselung ergibt,
b) die Offenheit keine rein gedankliche Vorstellung ist, sondern
letztlich nur existentiell verwirklicht, d.h. gelebt werden kann, c) in
beiden Sichtweisen die Blickrichtung einer selbst-, ich-,
personenbezogenen bzw. -zentrierten Person überwunden ist."[51] Die
von Waldenfels und Wucherer-Huldenfeld gesehene Verwandtschaft wird
durch Überlegungen von Hans Urs von Balthasar gestützt. Seine Erörterung
des Personbegriffs rekurriert auf die Trinität als letzte Quelle des
christlichen Personverständnisses. Er betont, dass in der Trinitätslehre
die göttlichen Personen durch reine Liebe bzw. Selbstlosigkeit
konstituiert sind. Diese Einsicht eröffne die Möglichkeit zum
"Dialog mit dem Buddhismus in allen seinen Spielformen, für den
das „kleine Ich“ (ungefähr die Person in der Definition des
Boethius) verschwinden muss zugunsten eines Unsagbaren, das man paradox
als das selbstlose Selbst umschreiben kann. Solange wir unser Ich und
unsere Person nicht im trinitarischen Licht sehen, sondern auf einem
primären und bleibenden „Selbstand“ beharren, ist jede Begegnung
mit der asiatischen Suche nach Selbstlosigkeit vergeblich."[52]
Balthasar warnt zwar bei dieser Gelegenheit davor die religiösen
Philosophien Asiens mit der Offenbarungsreligion der Bibel
gleichzusetzen, was den Verlust des christlichen Personbegriffs zur
Folge hätte.[53]
Wenn man diesen jedoch "in seinen ewigen Quellen" betrachte, fügt
er dann noch hinzu, "wird man vieles fallen lassen müssen, was uns
selber am Leben der christlichen Liebe hindert und auch einem möglichen
Dialog mit Asien im Weg steht."[54] Die
im letzten Abschnitt entwickelten Gedanken werfen ein neues Licht auf
das eingangs zitierte Dilemma, in das Josef Pieper bei seinen ersten Geh-,
oder besser gesagt Sitz-Versuchen in buddhistischer Meditation geriet. Möglicherweise
ist es gar nicht notwendig sich in Notwehr gegen den Sog des Nichts als
ein Jemand, eine Person zu behaupten. Es scheint vielmehr so zu sein,
dass wir uns in dem Maß personalisieren, als wir uns in das Nichts der
Urdistanz, das abgründig Offene des Ursprungs, aus dem wir füreinander
da sind, loslassen. Vielleicht war es das, was der lachende
buddhistische Mönch seinem verständnislosen Schüler mitteilen wollte.
Exkurs: Dilettantische
Anmerkungen zur Anattā-Lehre im frühen Buddhismus Die
Anattā-Lehre ist von allen buddhistischen Schulen zu allen Zeiten
vertreten worden. Sie war Anlass für viele Fehldeutungen besonders von
westlichen Interpreten, aber auch schon von Zeitgenossen Buddhas. Bezüglich
ihrer Auslegung gibt es innerhalb des Buddhismus verschiedene
Standpunkte. Oben wurde bereits eine zeitgenössische Interpretation
behandelt, die eine große Nähe zum personal-dialogischen Persondenken
hat. In einem letzten Abschnitt möchte ich nun noch einen laienhaften
Ausblick auf die Anattā-Lehre im Pali-Kanon und in den frühen
buddhistischen Schulrichtungen geben. 1.
Die umgangssprachliche Bedeutung des Wortes attā und das existentielle
Selbstsein als Thema im Pali-Kanon Der
Terminus attā ist ein Kompositum aus der Vorsilbe an, die die Negation
von etwas anzeigt und dem Wort attā. Die Bedeutung von anattā ist abhängig
von dem, was durch sie verneint wird. Es ist deshalb sinnvoll, zuerst
auf den Ausdruck attā einzugehen. Die
von mir eingesehene Fachliteratur ist sich darin einig, dass das Wort
attā im Pali-Kanon in mindestens zwei grundlegend verschiedenen Weisen
Verwendung findet.[55]
Es gibt einen an den umgangsprachlichen Gebrauch angelehnte
Verwendungsweise und eine, in der das Wort im Sinn bestimmter
philosophischer und religiöser Lehren gebraucht wird, in denen es eine
von der Alltagssprache unterschiedene Bedeutung hat. Die Anattā-Lehre
bezieht sich auf die zweitere Verwendungsweise von attā.[56] Weil
sie gerade für den Vergleich mit dem europäischen Person-Denken
aufschlußreich ist, gehe ich zuerst auf die umgangsprachliche Bedeutung
ein. Attā ist im Pali ein reguläres Reflexivpronomen. Es steht immer
in der Einzahl und in männlicher Form, wird also nicht an Numerus und
Genus des jeweiligen Satzsubjektes angepaßt.[57]
Wenn man es syntaktisch möglichst wörtlich übersetzt, kommt man kaum
darum herum es im Deutschen oder Englischen mit einem nominalen "Selbst"
bzw. "(the) self" wiederzugeben. Als
Beispiel für die Übersetzungsproblematik kann man etwa Suttanipāta
II, 275 heranziehen, wo vom Leben eines Menschen, der schwatzhaft ist
und andere schlechte Charakterzüge aufweist, mehr oder weniger wörtlich
übersetzt gesagt wird, ein solches Leben "vergrößert die
Unreinheit des Selbst"[58].
Gibt man die Stelle freier und in engerer Anlehnung an die deutsche
Umgangssprache wieder, dann erhält man die schlichter klingende Aussage
"dies vergrößert die Unreinheit seiner selbst", oder noch
einfacher "seine Unreinheit". Pérez-Remón meint allerdings
durch derartige Übersetzungen würde die Aussagekraft, die attā im
Pali besitzt an vielen Stellen über Gebühr abgeschwächt. Auch wo es
als konventionelles Reflexivpronomen oder entsprechende konventionelle
Wendungen übersetzt werden kann, wird es nach seinem Dafürhalten oft
gebraucht, um das Zentrum der menschlichen Person (the core of man’s
personality), das moralische Subjekt (moral subject) bzw. das
existentielle Selbst (existential self) zu bezeichnen. Im
Folgenden führe ich zumeist Übersetzungen an, die auf das nominale
"(das) Selbst" zurückgreifen. Dadurch wird möglicherweise an
einigen Stellen eine Bedeutung überbelichtet, die durch den
abgeschliffenen Wortgebrauch in der Originalsprache nur unterschwellig
anklingt, was aber in Übersetzungen ohnehin nicht zu vermeiden ist, und
nicht unbedingt irreführend sein muss. Im Pali-Kanon wird jedenfalls
von dem Reflexivpronomen attā an sehr vielen Stellen völlig unbefangen
Gebrauch gemacht. Offensichtlich war im frühen Buddhismus "das
Selbst" nicht als beharrendes und unbedingtes Etwas, sondern als
konkrete Seinsweise des Menschen, die darin besteht, dass er sich frei
zu seinem Sein verhalten kann, von großer Bedeutung. Zu diesem
Selbstverhältnis gehört nach den kanonischen Texten, dass der Mensch
sein Sein immer in irgendeiner Weise versteht (was ein Missverstehen
seiner selbst und Selbsttäuschung nicht auschließt, sondern ermöglicht)
und deshalb auch einen Spielraum des selbstverantwortlichen Handelns
hat, dass ihm also die Würde der Person als eines ens morale
nach der westeuropäischen Terminologie zukommt.[59]
Im Suttanipāta wird die Selbstverantwortlichkeit der Person für ihr
Handeln und ihre Reinheit besonders herausgehoben: "Es geschieht
durch das Selbst, dass Böses getan wird, durch das Selbst ist jemand
unrein. Es geschieht durch das Selbst, dass jemand Böses vermeidet,
durch das Selbst (attanā) wird man gereinigt. Reinheit und Unreinheit hängen
vom Selbst ab (paccattam), niemand kann einen Anderen reinigen."[60] Die
Lehrreden sprechen auch davon, dass es das Selbst ist, das der Mensch
von allem am meisten liebt. Dies bezieht sich sowohl auf das eigene, wie
auch auf das Selbstsein anderer, weshalb es von einem, der das Selbst
liebt, heißt, er würde darauf verzichten andere zu verletzen. Das
Selbst eines jeden Menschen soll geschützt und behütet werden. Die
Heilslehre Buddhas zielt darauf ab es zu retten, indem sie dazu anleitet
den schmerzenden Pfeil der Leidenschaften und anderer Beeinträchtigungen
aus dem Selbst zu entfernen. Der
Mönch wird dazu angehalten mit seinem Selbst sein Selbst zu betrachten
um zu erkennen, ob er in der Gewalt böser Wünsche ist. Er kann durch
eine solche Selbstbesinnung ein Kenner des Selbstes werden. "Und
inwiefern ist er Kenner des Selbst? Hierin, ihr Mönche, erkennt der Mönch
sein Selbst/sich selbst (attānam janāti): „So steht es mit mir
hinsichtlich Vertrauen, Tugend, Gelehrsamkeit, Freigebigkeit, Einsicht,
Auffassungsgabe“"[61]. Diese
grundlegende Möglichkeit des Wachseins für das eigene Sein mit seinen
guten und schlechten Seiten hat Priorität vor dem moralischen Urteil
Anderer und verweist auf den Bereich des Göttlichen. "Nicht
aufgrund des Urteils Anderer ist die Tat eines sterblichen Menschen
schlecht. ... Jemand ist kein Dieb durch das Wort eines Anderen, jemand
ist kein Weiser durch eines Anderen Wort. Wie das Selbst ihn kennt, so
kennen ihn auch die Götter."[62]
Weil jeder Mensch durch seine Offenheit für das eigene Sein Zeuge
seiner Taten und Untaten ist, gilt: "Es gibt kein Versteck in der
Welt für den, der Verfehlungen begeht. Dein Selbst, Mensch, weiß (attā
te purisa jānāti), ob etwas wahr ist oder falsch. Gewiß, mein Freund,
missachtest Du das Selbst (attānam atimaññasi), das ein edler Zeuge
ist; Du, der Du die in deinem Selbst befindliche Verfehlung, dein Selbst
verbirgst."[63] Auch
die zuletzt zitierten Stellen sind wohl nicht so zu verstehen, dass hier
das dinghafte Vorhandensein eines "höheren Selbstes" im
Menschen vorgestellt wird, sondern es soll gesagt werden, dass der
Mensch, wenn er sich nichts vormacht, nicht abgestumpft ist oder vor
sich selbst davonläuft, die Möglichkeit hat zu wissen, wie es um seine
Lebensführung bestellt ist. Mit
"Person" übersetzt man meist die im Kanon öfters gebrauchten
Termini purisa bzw. puggala (Sanskrit purusha, pudgala)[64]. Puggala bezeichnet den konkreten einzelnen Menschen,
der einen Eigennamen trägt und aus einer bestimmten Familie stammt. Der
puggala ist durch verschiedene Charaktereigenschaften bestimmt (dankbar,
verschwiegen, lügnerisch etc.). Er trägt die aus den fünf Gruppen
gebildeten Vollzugsmöglichkeiten seines endlichen Seins und sie sind
ihm eine niederdrückende Belastung, weil er ihnen durch sein Begehren
verhaftet ist.[65]
Er hat aber die Chance sich von diesem Druck zu befreien, indem er durch
Einsicht seine Leidenschaft, seinen Hass und seine Verblendung zum
Schwinden bringt. Ein puggala, der auf diesem Weg voranschreitet, wird
"ehrwürdig" genannt; meist denkt man dabei an Mönche und
Nonnen. Der
für den personal-dialogischen Ansatz wichtige Gedanke, dass Personen
sich einander durch Zuwendung die Freiheit geben, in der sie sie selbst
und heil werden können, hat im Pali-Kanon nicht das Gewicht, das er in
späteren Richtungen des Buddhismus erhielt, weil der Akzent auf dem
Streben des Einzelnen nach der Erfahrung des Erwachens liegt. Er ist
aber in der dankbaren Verehrung des Buddha und anderer Ordensleute, die
zur Zuflucht von vielen wurden, präsent. Auch die bisweilen thematisch
werdende Dankbarkeit gegenüber den Eltern weist in diese Richtung, wie
auch der Umstand, dass selbstverständlich davon ausgegangen wird, dass
die Herkunft aus einer bestimmten Familie zum Sein eines puggala gehört.
Im Mettāsutta wird die Liebe der Mutter zu ihrem Sohn zum Vorbild für
die Haltung, die der Mönch zu allen Wesen hegen soll. Beachtenswert ist
in dieser Hinsicht auch die folgende Stelle aus dem Samyuttanikāya:
"Wahrlich, Ananda, dieses ganze religiöse Leben besteht in guter
Freundschaft, guter Gefährtenschaft, guter Kameradschaft. Ein Mönch,
der ein guter Freund, ein guter Gefährte, ein guter Kamerad ist, von
dem kann man erwarten, dass er diesen Edlen Achtfachen Weg (zur Erlösung
auch bei seinen Mitbrüdern) entwickelt und pflegt."[66]
Der für das mahāyānische Konzept des Bodhisattvas wichtige Gedanke
einer Übertragung karmischen Verdienstes (punya) auf andere, lässt
sich in Ansätzen bereits an mehreren Stellen des Kanons nachweisen. Außerdem
wären die Jātakas, also die Geschichten von den früheren Leben des
Buddha eine reiche Quelle für die Erforschung des Verständnisses
personaler Beziehungen im frühen Buddhismus. Mir ist aber keine einschlägige
Arbeit dazu bekannt. 2.
Die Anattā-Lehre in den alten Schriften des Pali-Kanons Nun
zur Anattā-Lehre. Sie hat verschiedene Facetten.[67] Ich zitiere zunächst eine charakteristische Stelle
aus dem Sonasuttā 1, Khandhasamyutta 49: "B: Was denkst du, Sona,
ist körperliche Gestalt beständig oder unbeständig? S: Nicht-beständig,
Herr. B: Was aber unbeständig ist, ist das freudvoll oder leidvoll? S:
Leidvoll, Herr. Was aber unbeständig, leidvoll und der Veränderung
unterworfen ist, kann man davon zu Recht behaupten: „Dies ist mein“
(etam mama), „Dies bin ich“ (eso āham asmi), „Dies ist mein
Selbst“ (eso me attā)? S: Gewiss nicht, Herr. B: Deshalb, Sona, was für
eine körperliche Gestalt auch immer es sei, sie möge vergangen, zukünftig
oder gegenwärtig sein, innerlich oder äußerlich, minderwertig oder
hervorragend, nah oder fern, jede körperliche Gestalt sollte durch die
höhere Weisheit bestimmt werden wie sie wirklich ist, als „Dies ist
nicht mein“ (nāetam mama), „Dies bin ich nicht“ (nāeso āham
asmi), „Dies ist nicht mein Selbst“ (na māeso attā)."[68] Diese
Unterweisung, die zahlreiche, nahezu identische Parallelen im Kanon hat,
beabsichtigt offensichtlich nicht eine Theorie der Nicht-Existenz eines
Selbst aufzustellen. Sie soll vielmehr dazu motivieren die
Identifikation des eigenen Seins mit den fünf Gruppen aufzugeben, weil
diese nicht so beschaffen sind, dass ein Sichfesthalten an ihnen zum
wahren Glück führt. Offenbar
wird in diesem Text ein Konzept von "Selbst" vorausgesetzt,
wonach ein "Selbst" nur sein kann, was unveränderlich ist und
völlig jenseits der Möglichkeit des Leidens steht. Andere Texte fügen
als weiteres Wesensmerkmal noch die vollkommene Verfügungsgewalt des
Selbst über alles, was zum Selbst gehört, hinzu. Diese Kennzeichnungen
deuten einerseits auf eine nicht an der Alltagssprache orientierte
Bedeutung von "Selbst", der wahrscheinlich in philosophischen
und religiösen Schulen zur Zeit Buddhas geläufig war. Andererseits
scheinen die Texte auch ein alltägliches Verhalten ansprechen zu wollen,
in dem man a) sich benimmt, als gäbe es ein Selbst im genannten Sinn
und b) sich mit dem, was man für so ein Selbst hält, identifiziert und
als bleibenden, dauerhaft befriedigenden Besitz in Anspruch nimmt, was
leidvolle Konsequenzen hat. Der
ursprüngliche Sinn der Anattā-Lehre lag offenbar darin, dazu
anzuleiten, dass der Mensch nichts von seinem eigenem, noch von anderem
Sein für ein Selbst im genannten Sinn hält. Es geht um die Destruktion
von Vorstellungen bezüglich des Selbstes, die zu Buddhas Zeit im Umlauf
waren und einer ihnen entsprechenden existentiellen Haltung
egozentrischer Selbstbezogenheit. Letztere
wird in den Texten als asmimāna, "Einbildung des „Ich-bin“,
Ich-Vorstellung" bezeichnet, ein Selbstverhältnis, das u.a. dem
Stolz und der Neigung sich mit anderen zu vergleichen, zugrundeliegt. In
Samyuttanikāya 22, 83 wird diese Ich-Einbildung mit dem Verhalten eines
Menschen verglichen, der sich mit seinem Spiegelbild identifiziert.[69] Das Ziel des Sichlösens von dem, was man für sich
selbst hält und in Anspruch nimmt, obwohl es bestenfalls eine
Spiegelung, ein Bild seiner selbst ist, könnte man als gelassene
Haltung gegenüber dem eigenen Sein und dem der anderen beschreiben. Wer
die Person im Grunde ist, darüber hüllt sich der Buddha in Schweigen:
es bleibt ein Geheimnis. Von dem nach dem Tod ins Nirvāna eingehenden
Vollendeten heißt es: "Nicht zu berechnen ist das Wasser im Ozean,
nicht zu erfassen ist der Vollendete nach dem Tode. ... Nicht mehr lässt
er sich durch eine der fünf Gruppen bestimmen. Tief, unermesslich,
unergründlich ist er wie der große Ozean."[70]
Aber auch von noch lebenden Heiligen wird gesagt, dass sie unermesslich
(appameya) sind, sodass sich ihr Sein der Erkennbarkeit und
Aussagbarkeit entzieht. In
Samyutta Nikaya 44, 10 schweigt der Buddha sowohl auf die Frage, ob es
ein Selbst gäbe, als auch auf die Frage, ob es kein Selbst gäbe. Im
Hintergrund stehen Lehren von der Vernichtung des Selbstes im Tod bzw.
vom ewigen Bestand des Selbstes. Mit seinem Schweigen lehnt er in erster
Linie nicht die Existenz oder Nicht-Existenz eines Selbst ab, sondern
weist schon die Frage danach als falsch gestellt zurück. Dabei leiten
ihn weniger theoretische Vorbehalte, als vielmehr
praktisch-soteriologische Erwägungen. Wer so fragt und denkt, kommt
nicht zum Heil. "Es geht nicht darum, darüber zu streiten, ob es
einen Ātman gibt, sondern darum eine bestimmte ... Selbstsicht, die zur
„Selbstsucht“ führt, abzubauen."[71] Eine
zweite Fundstelle für die frühe Anattā-Lehre ist die ebenfalls
vielfach wiederholte Aussage sabbe dhammā anattā,[72]
alle Dhammas sind Nicht-Selbst. Dhammas (Sanskrit dharmas, abgel. von
dhr, stützen, tragen, halten) sind in der buddhistischen Philosophie
die auf nichts anderes mehr zurückführbaren, alle komplexeren Phänomene
tragenden Grundgegebenheiten der verschiedenen Wirklichkeitsbereiche.
Dazu zählen etwa die Elemente, das Entstehen und Vergehen, Farben, Töne,
Gier, Gewahrsein etc. Übertragen auf die Dhammas wird der Begriff anattā
zu einer universalen Seinsbestimmung. Er meint dann, dass kein Dhamma gänzlich
aus sich selbst heraus es selbst ist, sodass es ohne die anderen Dhammas
sein könnte und als Ursprung seines eigenen Seins unvergänglich wäre.
Vielmehr sind die Dhammas vergängliche Ereignisse, die einander
bedingen. Deshalb wird das Todlose, das Nirvāna, das ein Ende des
Leidens bringt, solange man an den Dhammas haftet, nicht gefunden.[73] 3.
Der Reduktionismus der späteren Anattā-Lehre Den
hundertzweiunddreissigsten Abt konnte keiner verstehen. Aus
der Überzeugung heraus, dass es weder Dinge noch Eigenschaften gebe, sondern
nur Vorgänge, verbannte er alle Substantiva und Adjektiva aus seiner
Sprache. „Darum,
weil drehen leuchten bewegen strahlen tanzen, zeigen bedeuten drehen
anderswo lachen üben“ war noch eine seiner zugänglichsten Aussagen.[74]
Schon
die Lehre von den fünf Gruppen, die Dhamma-Theorie sowie manch andere
frühe Lehrstücke und Meditationsformen haben eine Tendenz zur Zerstückelung
der Phänomene, die das, was durch die Analyse als komplexes Ganzes in
seinen Einzelmomenten entfaltet werden sollte, gar nicht mehr als
solches hat und als solches Ganzes gelten lassen will und kann. Eine
Radikalisierung dieser Denkweise in Bezug auf die Person kündigt sich
in den der Nonne Vajirā zugeschriebenen Versen in Bhikkhuní-Samyutta
10 an: "Dies ist nur ein Haufen von Gebilden, ein Wesen ist hier
nicht zu finden. Denn wie beim Vorhandensein der Bestandteile der Name
„Wagen“ besteht, so besteht, wenn die Gruppen vorhanden sind, der übliche
Ausdruck „Wesen“."[75] Hier
wird die Person als Ganze erstmals mit einem Wagen verglichen, dem gegenüber
den Einzelteilen, aus denen er besteht, keine eigene Wirklichkeit
zukommen soll. Das Wagengleichnis wird später im nichtkanonischen
Milindapañha (1. Jh. n. Chr.), das der Schule des Sarvāstivāda
nahesteht, im Rahmen einer ausgefeilteren Argumentation erneut
herangezogen, wobei wiederum gezeigt werden soll, dass die Person aus
Einzelteilen zusammengesetzt ist, die allein wirklich sind. Als Ganze
existiert sie nach strengen Kriterien gemessen überhaupt nicht. Das
neunte Buch aus dem Abhidarmakosa des Sarvāstivādins Vasubandhu (etwa
4./5. Jh. n. Chr.) vertritt dann eine vollentwickelte "Bündeltheorie
der Person", die der oben behandelten empiristischen Auflösung der
Person bei D. Hume oder später bei E. Mach ähnelt.[76]
Diese Theorie hat nach C. Oetke folgende Gestalt: "Eine Person oder
ein Lebewesen im gewöhnlichen Sinn des Wortes ist eine Reihe oder
vielmehr ein zeitlich abgegrenzter Abschnitt einer Reihe von einer Menge
von einen Augenblick existierenden Gegebenheiten bzw.
Momentanereignissen, die sich in fünf Gruppen, die fünf Skandhas der
buddhistischen Überlieferung, einteilen lassen. Zwischen diesen besteht
eine Kausalbeziehung, die nicht ebenfalls zwischen Momenten bestehen
kann, die zu Reihen verschiedener Personen gehören. Diese Theorie kann
deswegen als „Bündeltheorie der Person“ bezeichnet werden, weil sie
besagt, dass eine Person im gewöhnlichen Sinne eine Reihe von Elementen
... ist, und angeblich sämtliche Elemente dieser Reihe(n) Gegenstände
sind, die ohne Rekurs auf den Begriff einer Person identifiziert werden
können."[77] In
Buddhaghosas Visuddhimagga (5. Jh.
n. Chr.), einem autoritativen Text der Theravāda-Schule, wird diese
Theorie in eindrucksvolle Verse gefasst: "Das
Leid ist, niemand ist, in dem’s entsteht, Die
Tat ist, doch kein Mensch, der sie begeht, Nirvāna
ist, doch keiner der verweht, Der
Weg ist, aber keiner der ihn geht."[78] In
Visuddhimagga XVIII, 28 wird dieser Reduktionismus ebenso wie schon bei
seinen früheren Vertretern durch eine nominalistische Sprachphilosophie
untermauert, nach der Ausdrücke wie Person, Haus, Heer, Faust etc.,
also Worte, die vielteilige Ganzheiten aller Art nennen, nur
konventionelle Bezeichnungen ohne sachliche Bedeutung sind, die anlässlich
des Gegebenseins der einzig wahrhaft seienden Elementarereignisse und
dem Bestehen bestimmter Relationen zwischen denselben, benutzt werden. Pérez-Remón
und Oetke bezweifeln, dass diese radikale Demontage der Person den
Lehren der älteren Teile des Pali-Kanons gerecht werden. Der einzige
alte Text, den man eindeutig dafür heranziehen könnte, sind ja die
oben zitierten Verse der Vajira. "Es braucht wohl kaum im Einzelnen
begründet zu werden", meint Oetke, "dass es reichlich
waghalsig wäre, auf dieser Stelle basierend, für die ältesten
Buddhisten oder gar den Religionsstifter selbst eine Theorie der
Subjektlosigkeit anzunehmen."[79]
Die anderen urbuddhistischen Aussagen, die in diesem Sinn
interpretierbar sind, könne man auch so auffassen, "dass mit ihnen
zum Ausdruck gebracht wird, dass nichts ewig Existentes auf der Welt
existiert und dass niemand sich für immer mit irgendeinem Gegenstand
der Welt identifizieren kann ... – wobei gute Gründe gegeben sind,
diese Auffassung als der ursprünglichen Intention näherkommend
anzusehen."[80] Es
ist mir in dieser Arbeit nicht möglich darauf einzugehen, wie die
verschiedenen Interpreten, die eine Bündeltheorie der Person schon im
ältesten Buddhismus annehmen, mit den Widersprüchen umgehen, die dann
zu anderen dort vertretenen Auffassungen entstehen. Ich halte die
Vermittlungsversuche, die man immer wieder unternommen hat, für nicht
überzeugend. Abschließend
möchte ich noch zwei kritischen Stimmen das Wort geben, die deshalb
wichtig sind, weil sie zu denen zählen, die nicht von außen
kritisieren, sondern von einem buddhistischen Selbstverständnis
geleitet gegen diese theoretische Sackgasse und die ihr entsprechenden,
nicht weniger problematischen Formen meditativer Praxis Einspruch
erheben. 4.
Buddhistische Kritik an der Auflösung der Person in den frühen
buddhistischen Schulen Für
Theodor Scheel, einen deutschen Buddhisten, ist die im Milindapañha und
Visuddhimagga vertretene Interpretation der Anattā-Lehre unverträglich
mit der im älteren Buddhismus hervorgehobenen Freiheit des Menschen.
Sie widerspricht außerdem, wie er meint, der Übung der Brahmaviharas[81] und der Lehre, dass die Befreiung Suchenden durch
eigenes Bemühen zum Erwachen gelangen können, wobei ich das Thema der
angeblichen Selbsterlösung im Buddhismus jetzt nicht andiskutieren kann.
"Bloße unpersönliche Gebilde", so Scheel, "können
nicht selbst entscheiden, was zu tun und zu lassen ist; sie können
nicht andere Wesen mit Wohlwollen, Mitfreude, Mitleid und Gleichmut
durchstrahlen, und sie können sich nicht selbst erlösen. Das kann nur
eine Person, wenn auch nur eine relative ... Persönliche Begriffe durch
unpersönliche Begriffe ersetzen wollen, ist ein törichtes Unterfangen
und läuft darauf hinaus, den Menschen zu einem Objekt, einer Sache,
einem Vorgang zu machen."[82] Auch
Yoshinori Takeuchi übt Kritik an der objektivierenden Haltung, die
bestimmten frühbuddhistischen Lehren zugrunde liegt. Er ist, wie die
anderen bereits zitierten Autoren der Ansicht, dass die Lehre des Buddha
mit der "Leugnung des Selbst", die später entstand, nicht übereinstimmt.
Die originäre Vergänglichkeitserfahrung, die im ältesten Buddhismus
bezeugt ist, wurde seiner Auffassung zufolge schon bald durch ein
objektivierendes Denken verstellt und muss erst durch eine existentielle
Interpretation wiedergewonnen werden. Als
Beispiele für ein irriges Vergänglichkeitsdenken nennt Takeuchi zunächst
die Körperbetrachtung im Satipatthānasutta. Die Vergänglichkeit wird
hier, wie er zurecht kritisiert, in einer vergegenständlichenden
Haltung thematisiert; ohne sich selbst mit einzubeziehen, wird der
eigene Leib als Objekt betrachtet wie ein Korb mit verschiedenerlei
Inhalt, der in seinem Entstehen und Vergehen beobachtet wird. Dann erst
erinnert der Meditierende sich, dass die betrachtete Sache ihn selbst
betrifft „gleichsam als wäre das Denken gezwungen, seinen Namen unter
die eigene Todesmeldung zu setzen!"[83]
Als zweiten Irrtum nennt er die "Theorie vom Nicht-Ich",
insofern sie missverstanden wird als Behauptung, dass das Selbst nichts
weiter als ein Konglomerat der fünf Gruppen ist. Und schließlich erwähnt
er noch die mit der buddhistischen Bündeltheorie der Person eng verknüpfte
Lehre von der Augenblicklichkeit, wie sie u.a. im Abhidamma vertreten
wird, nach der, wie schon erwähnt, alles Seiende nur aus Kombinationen
von momenthaft aufblitzenden Dhammas besteht. Zusammenfassend kommt er
zu dem, wie ich meine stichhaltigen Ergebnis: "Alle diese Gedanken
sind die Produkte des objektivierenden Denkens, das ganz entfremdet ist
von der Existenz-Erhellung durch die verinnerlichte Kraft der Vergänglichkeit,
und daher den eigentlichen Sinn des Vergänglichen und des „Nicht-Ich“
bis zur quantitativen Bestimmung des diskriminierenden Denkens verdirbt."[84] Ich
hoffe, dass es mir gelungen ist mit diesem Exkurs gelungen ist auf
einige Differenzierungen hinzuweisen, die durch Einsichten der neueren
Buddhologie möglich geworden sind. Ohne deren Kenntnis und Diskussion
verläuft der Dialog um das christlich-europäische Personverständnis
und die buddhistische Anattā-Lehre leicht im Sand, wie sich nicht
zuletzt auch wieder auf dem Symposium, dessen Beiträge im vorliegenden
Band publiziert werden, gezeigt hat.
[1]
J.
Pieper, Noch nicht aller Tage Abend. Autobiographische
Aufzeichnungen 1945-1964, München 1979, 282. Den Hinweis auf
diese köstliche Geschichte verdanke ich A. K. Wucherer-Huldenfeld.
Die Hervorhebungen in diesem und anderen zitierten Texten stammen
vom jeweils zitierten Autor. [2]
Wie
unten gezeigt werden wird, äußert sich in seinem Protestruf ein
bestimmtes Verständnis der Person, das keineswegs das einzig mögliche
ist. [3]
M.
v. Brück, W. Lai, Buddhismus und Christentum. Geschichte,
Konfrontation, Dialog, München 1997, 221. Siehe dazu auch a.a.O.,
388 ff., 496 und 510. [4]
Ein
katholischer Zungenschlag bringt in Sachen Persondenken nicht
unbedingt eine verzerrende Einseitigkeit mit sich. H. Schmidinger, Der
Mensch ist Person. Ein christliches Prinzip in theologischer und
philosophischer Sicht, Innsbruck 1994, weist darauf hin, "daß
innerhalb des Katholizismus die Auseinandersetzungen um die „Personalität“
des Menschen besonders intensiv und in einer für das christliche
Denken typischen Form geführt wurden." (A.a.O.,
29) [5]
Gaudium
et Spes,
Art. 3, zit. nach K. Rahner, H. Vorgrimler, Kleines
Konzilskompendium, Freiburg 191986, 450. [6]
A.a.O.,
Art. 25, a.a.O., 472. [7]
In
der Präambel der von der Generalversammlung der Vereinten Nationen
im Jahr 1948 verkündeten Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte,
heißt es, daß die Völker der Vereinten Nationen sich zu der Würde
und dem Wert der Person bekennen. Dadurch kommt dem Personbegriff
heute außerdem eine über seine europäische Herkunft und seine
Relevanz in der christlichen Anthropologie und Ethik hinausgehende
Bedeutung für das Selbstverständnis der Menschheit zu. [8]
H.
Schmidinger, meint dazu: "Auf der einen Seite fungiert das
Prinzip „der Mensch ist Person“ als Schlüsselprinzip aller
christlichen Anthropologie und Gesellschaftslehre, auf der anderen
Seite hingegen stellt sich heraus, daß die ausdrückliche
Formulierung dieses Prinzips kaum mehr als 50 Jahre alt ist. Das
kann kein Zufall sein, selbst wenn man zugesteht, daß verwandte
Aussagen schon in weiter zurückliegenden Dokumenten zu finden sind.
Daß es sich in der Tat um keinen Zufall handelt, bestätigt ein
Blick in die Geschichte der katholischen Theologie. Auch in ihr
spielt der „Person“-Begriff und sein Umfeld lange Zeit hindurch
keine zentrale Rolle." (Der Mensch ist Person, a.a.O.,
33) [9]
Bei
den auf dieser Schiene fahrenden Theologen wird bisweilen mit
erstaunlicher Selbstverständlichkeit vorausgesetzt, daß Gott und
Mensch sich im christlichen Glauben wie zwei Personen gegenüber
stehen. Dies ist jedoch aus trinitätstheologischen Gründen
keineswegs unproblematisch. "Denn der Gedanke einer einzigen,
einpersönlichen Gottheit beruht auf einem Personbegriff, der seine
eigenen Voraussetzungen nicht mehr erinnert. Von Gott als Person war
nämlich erstmals die Rede, als von drei göttlichen Personen die
Rede war." (R. Spaemann, Personen. Versuch über den
Unterschied von „etwas“ und „jemand“, Stuttgart 1996,
49) "Tres unum sunt non unus", heißt es bei
Tertullian (Ad. Prax. 25), einem der Begründer der Trinitätstheologie.
Siehe dazu auch W. Pannenberg, Die Theologie und die neue Frage
nach der Subjektivität, in StZ 202 (1984) 805-816: "Die göttliche
Einheit als solche ist überpersönlich. Sie kommt in den drei
Personen zur Erscheinung, und erst darin ist der Gott des
christlichen Glaubens ein persönlicher Gott - nämlich in der
Dreiheit der Personen von Vater, Sohn und Geist." (A.a.O., 810)
Schon vor aller trinitätstheologischen Fragestellung schließt die
klassische Formulierung des IV. Laterankonzils, nach der von Schöpfer
und Geschöpf keine noch so große Ähnlichkeit ausgesagt werden
kann, "ohne daß sie nicht eine noch größere Unähnlichkeit
einschlösse" (DH 806/NR 280), jede naiv univoke Rede von Gott
als absolutem Du, personalem Charakter der Gottheit etc. aus. [10]
H.
Dumoulin, Begegnung mit dem Buddhismus. Eine Einführung,
Freiburg i.B. 1978, 116-147. [11]
G.
Greshake, Der dreieine Gott. Eine trinitarische Gotteslehre,
Freiburg 1997, 197. [12]
A.a.O.,
207. [13]
Ebd. [14]
Ich
folge hierin J. Ratzinger, Zum Personenverständnis in der
Theologie, in: Ders., Dogma und Verkündigung, München
1973, 205-223, bes. 221. In dieselbe Richtung geht W. Kasper, Jesus
der Christus, Mainz 1986, der die ontologischen Implikate dieser
Spielart christologischen Denkens anspricht: "Die sogenannte
funktionale Christologie ist also selbst eine Gestalt einer
bestimmten Seinschristologie. Sein wird hier aber nicht als
Vorhandensein, sondern als Vollzug, nicht als Substanz, sondern als
personale Relation verstanden. Jesu Sein verwirklicht sich vom Vater
her und auf die Menschen hin. So bringt gerade die funktionale
Christologie Gottes Wesen als sich verschenkende Liebe zum
Ausdruck."(a.a.O., 196) Während die zitierte Aussage Kaspers
auf eine Kritik an der seiner Meinung nach von einem
substantialistischen Seinsverständnis geprägten Zwei-Naturen-Lehre
hinausläuft, läßt sich diese für M. Bieler, Befreiung zur
Freiheit. Zur Theologie der stellvertretenden Sühne, Freiburg
1996 sinnvoll auf eine funktionale Christologie beziehen: "Die
„Statik“ der Formel des Chalcedonense ist richtig verstanden nur
Ausdruck der notwendigen Ingredientien der dynamischen Zuwendung
Gottes zur Welt in
Jesus Christus." (a.a.O.,
299) [15]
Anders
als in einigen Entwürfen der neuzeitlichen Metaphysik war in der
mittelalterlichen Philosophie die Übersubstantialität Gottes
weitgehend anerkannt. Es wurde zwar von der Substanz Gottes
gesprochen, doch wies man durchwegs auf den analogen Sinn einer
solchen Redeweise hin. Vgl. dazu das unten über Richard v. St.
Victor Gesagte. [16]
Die
Anattā-Lehre wird gelegentlich als Lehre von der
Nicht-Substantialität ausgelegt, wobei sich die Interpreten meist
nicht die Mühe machen zwischen den verschiedenen Substanzbegriffen
zu differenzieren, die in der europäischen Philosophie vertreten
wurden. Die aristotelische (erste) Substanz meint kein unbedingtes
Sein, das in jeder Beziehung von anderem unabhängig wäre. Ein
solcher Substanzbegriff wurde erst durch Descartes und Spinoza in
der neuzeitlichen Metaphysik einflußreich.
Sie ist auch nicht mit dem Beharrenden im Wechsel der Erscheinungen
gleichzusetzen, als das die Substanz in der Tradition des
Platonismus verstanden wurde, sondern meint ein aus Bedingungen
hervortretendes, sich zeitlich entfaltendes In-sich-Stehen des
jeweiligen anwesenden Seienden. Dieses Sein der prote ousia, der
Substanz im ursprünglichen Sinn, eröffnet den Zugang zur Substanz
im zweiten Sinn, dem Wesen eines selbständigen Seienden. [17]
Siehe
hierzu K. Flasch, Zur Rehabilitierung der Relation, in: W. F.
Nebel, D. Leisegang (Hg.), Philosophie als Beziehungswissenschaft
(FS Julius Schaaf), Frankfurt/M. 1971, 5-25 sowie B. Welte, Über
zwei Weisen das Ewige zu denken, in: Ders., Zwischen Zeit und
Ewigkeit, Freiburg i.B. 1982, 25-42. Einen ersten Überblick über
die Ansätze zu einer Ontologie der Relation im 20. Jahrhundert
geben C. v. Wolzogen, Art. Relation IV, 20. Jahrhundert, in HWdPh,
Bd 8, 602-608 und D. Sattler, Beziehungsdenken in der Erlösungslehre,
Freiburg i. B. 1997, 254-266. Zu den Vorbehalten, die einer
Entfaltung des Beziehungsdenkens in der mittelalterlichen Ontologie
entgegenstanden und ihrer teilweisen Überwindung bei Meister
Eckhart vgl. E. Waldschütz, Denken und Erfahrung des Grundes.
Zur philosophischen Deutung Meister Eckharts, Wien 1989,
341-348. [18]
A.
M. S. Boethius, Contra Eutychen et Nestorium 3, 74. [19]
K.
Flasch, Das philosophische Denken im Mittelalter. Von Augustin zu
Machiavelli, Stuttgart 1986, 106. [20]
Richard
v. St. Victor, De Trinitate, IV, 22. [21]
Siehe
dazu a.a.O, IV, 6. [22]
A.a.O.,
IV, 17, zit. nach Richard v. Sankt Victor, Die Dreieinigkeit.
Übertr. und Anm. von H. U. v. Balthasar, Einsiedeln 1980, 131. [23]
A.a.
O., IV, 14, zit. nach der Übersetzung von Balthasar, a.a.O., 127. [24]
Es ist das Verdienst von Th. Kobusch, Die Entdeckung der Person.
Metaphysik der Freiheit und modernes Menschenbild, 2. durchges.
und erw. Aufl. Darmstadt 1997 diese Tradition des Persondenkens und
ihre Wirkungsgeschichte in Erinnerung gerufen zu haben. Zu Alexander
v. Hales siehe auch A. Hufnagel, Die Wesensbestimmung der Person
bei Alexander v. Hales, in: FZPhTh 4 (1957), 148-174.
[25]
Vgl.
dazu R. Spaemann, a.a.O., 144-157. [26]
D.
Hume, A Treatise Of Human Nature, Book I, part IV, sect. VI. [27]
Meine
Zusammenfassung von Kants Personbegriff folgt v.a. der
ausgezeichneten Analyse von M. Heidegger, Grundprobleme der Phänomenologie,
GA 24, Frankfurt a. M. 1975, 177-218. Vgl. dazu auch H. Zeltner, Kants
Begriff der Person, in: Ders., W. Arnold (Hg.), Tradition und
Kritik (FS Rudolf Zocher), Stuttgart 1967, 331-350 [28]
I.
Kant, Anthropologie in pragmatischer Hinsicht, BA 3,4. [29]
Siehe
zu dieser Dreiteilung u.a. I. Kant, Die Religion innerhalb der
Grenzen der bloßen Vernunft, B 15/A 13 [30]
Die
berühmte Formulierung des kategorischen Imperativs nach dem
Personalitätsprinzip in der Kritik der praktischen Vernunft,
BA 67 lautet "Handle so, daß du die Menschheit, sowohl in
deiner Person, als in der Person eines jeden andern, jederzeit
zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchest." [31]
A.
K. Wucherer-Huldenfeld, Ursprüngliche Erfahrung und personales
Sein. Ausgewählte philosophische Studien Bd. 1, Wien 1994 hat
auf die diesbezüglichen Defizite der kantschen Bestimmung der
Seinsverfassung der Person hingewiesen. "Die Person ist das
Geistige im Menschen als reiner Wille. Sie ist jedoch im personal-dialogischen
Sinn Du-los und leiblos (ohne leibhaftiges Gegenübersein)
konzipiert, was aber die gesellschaftliche Achtung anderer Personen
als ihresgleichen und als Geschöpf Gottes bei Kant nicht ausschließt."
(a.a.O.,
439 Anm. 810) [32]
Die
personal-dialogische Philosophie ist selbstverständlich kein
monolithischer Block. Ich kann aber in dieser Arbeit die
Unterschiede im Denken ihrer Vertreter nicht herausarbeiten. [33]
F.
Wiplinger, Der personal verstandene Tod, Freiburg/München
21980, 257. [34]
A.
K. Wucherer-Huldenfeld, a.a.O., 45. [35]
M.
Heidegger, Hölderlins Hymne „Andenken“, GA 52, Frankfurt
a. M. 1982, 165. [36]
M.
Theunissen, Der Andere. Studien zur Sozialontologie der Gegenwart,
zweite um eine Vorrede vermehrte Aufl. Berlin 1977, 273 ff. [37]
Für
E. Levinas, Die Zeit und der Andere, Hamburg 1984 macht das
Moment der Urdistanz den Unterschied zwischen bloßer Berührungsempfindung
und Liebkosung aus: "Soweit die Berührung Empfindung ist, hat
sie Teil an der Welt des Lichtes. Aber das, was liebkost wird, wird,
im eigentlichen Sinne nicht berührt. Es ist nicht das Samtweiche
oder die angenehme Wärme dieser in der Berührung gegebenen Hand,
die von der Liebkosung gesucht wird. Dieses Suchen der Liebkosung
stellt gerade dadurch, daß die Liebkosung nicht weiß, was sie
sucht, ihr Wesen dar. ... Sie ist wie ein Spiel (...) nicht mit dem,
was das Unsrige und was zu einem Wir werden kann, sondern mit etwas
anderem, etwas immer anderem, immer Unzugänglichen, immer
Zu-kommenden." (a.a.O.,
60) [38]
Form
(rūpa) bezieht sich an dieser Stelle auf die körperliche Gestalt
des Menschen. Dieselbe Gleichsetzung mit der Leere (shūnyatā) wird
im Herz-Sutra auch noch mit den anderen der fünf Gruppen (Sanskrit
skandhas, Pali kandhas) Gefühl, Wahrnehmung, Strebungen, Erkennen
durchgespielt, die insgesamt das Menschsein ausmachen. Die Rede vom
Einssein von Form und Leere wird oft losgelöst von diesem Kontext
als Aussage über die grundlegende Struktur der gesamten
Wirklichkeit behandelt. [39]
Sh.
Ueda, Das Nichts und das Selbst im buddhistischen Denken, in:
Studia Philosophica Vol. XXXIV (1974), 148. [40]
A.a.O.,
156. [41]
Sh.
Ueda, Das absolute Nichts im Zen, bei Eckhart und bei Nietzsche, in:
R. Ohashi (Hg.), Die Philosophie der Kyôto-Schule. Texte und
Einführung, Freiburg/München 1990, 471-502, hier 476. [42]
K.
Nishitani, Was ist Religion? Frankfurt a. M. 1982, 175. Vgl.
zu Nishitanis Philosophie der Person auch seinen Aufsatz "Vom
Wesen der Begegnung", in: R. Ohasi (Hg.), Die
Philosophie der Kyôto-Schule, a.a.O. 258-274. [43]
A.a.O.,
176. [44]
A.a.O.,
117. [45]
A.a.O.,
177. [46]
A.a.O.,
415. [47]
A.
K. Wucherer-Huldenfeld, Ursprüngliche Erfahrung und personales
Sein. Ausgewählte philosophische Studien, Bd. 2, Wien 1997,
330. [48]
A.a.O.,
334. [49]
A.a.O.,
335. [50]
A.a.O.,
334. [51]
H.
Waldenfels, Absolutes Nichts. Zur Grundlegung des Dialogs zwischen
Christentum und Buddhismus, Freiburg i. B. 1976, 109. [52]
H.
U. v. Balthasar, Zum Begriff der Person, in: Ders., Homo
creatus est. Skizzen zur Theologie V, Einsiedeln 1986, 101. Die
Quelle auf die sich Balthasar für seine Vermutung stützt, ist die
interessante Arbeit von M. Shimizu, Das „Selbst“ im Mahāyanā-Buddhismus
in japanischer Sicht und die „Person“ im Christentum im Licht
des Neuen Testaments, Diss. Bonn 1979 (als Buch erschienen
Leiden 1981), die ich zur weiterführenden Lektüre empfehlen kann. [53]
Die
Gegenüberstellung von religiösen Philosophien, über die "Asien"
nicht hinausgekommen wäre, und christlicher Offenbarungsreligion,
die Balthasar hier vornimmt, ist theologisch nicht mehr haltbar.
Auch die pauschalisierende Rede von einem Asien muß heute als
veraltet gelten. Das typisch Asiatische gibt es nicht. Ebenso hat
die Gefahr einer simplen Gleichsetzung von Buddhismus und
Christentum, die Balthasar zu sehen glaubt, meines Wissens im Dialog
Buddhismus-Christentum kaum je eine Rolle gespielt. [54]
H.
U. v. Balthasar, a.a.O., 101. [55]
An
monographischen Arbeiten zum Thema verwende ich J. Pérez-Remón , Self
and Non-Self in Early Buddhism, The Hague 1980; S. Collins,
Selfless Persons. Imagery and Thought in Theravāda-Buddhism,
Cambridge 1982; C. Oetke, „Ich“ und das Ich. Analytische
Untersuchungen zur buddhistisch-brahmanischen Atmankontroverse,
Stuttgart 1988 und Th. Scheel, Das Nichtselbst. Die buddhistische
Lehre von der Selbstüberwindung, Burg/Fehmarn o.J.. Eine
Schwierigkeit der gegenwärtigen Diskussion besteht darin, daß die
beteiligten Autoren in unterschiedlichem Sinn von "Ich",
"Selbst", "Subjekt", "Persönlichkeit"
und "Person" reden, wobei das damit Gemeinte oft nicht
hinreichend geklärt ist. Ich muß in diesem Rahmen auf eine
kritische Auseinandersetzung mit der Terminologie der von mir
herangezogenen Sekundärliteratur verzichten. [56]
Dazu
S. Collins, a.a.O., 71: "The linguistic items translated
lexically as „self“ and „person“ (...) are used quite
naturally and freely in a number of contexts, without any suggestion
that their being so used might conflict with the doctrine of anattā.
It ist only where matters of systematic philosophical and
psychological analysis are openly referred to or presupposed on the
level of discourse that there is imposed the rigid taboo on speaking
of „self“ or „person“." [57]
Zur
Grammatik von attā siehe S. Collins, a.a.O., 71. [58]
Vgl. dazu die Diskussion dieser Stelle bei C. Oetke, a.a.O.,
110-111. [59]
In
der sprachanalytischen Sichtweise von C. Oetke heißt das, "daß
im ältesten Buddhismus die unreflektierte Auffassung von einer
Person als einem Subjekt von P-Prädikaten, als Träger physischer
und mentaler Eigenschaften, moralischer Bestimmungen und als
handelndem Wesen, vorherrschend und bei der Abfassung zumindest
eines Großteils der kanonischen Texte maßgeblich gewesen ist."
(C.
Oetke, a.a.O., 113) [60]
Dhammapada
12, zit. nach Pérez-Remón , a.a.O., 51. [61]
Anguttaranikāya,
Sattakanipāta,
7,4,4. zit. nach C. Oetke, a.a.O., 112. [62]
Theragāthā
8, 1 zit. nach J. Pérez-Remón , a.a.O., 66. [63]
Anuttaranikāya
I, 137, Tikanipāto, 4, 10 zit. in Anlehnung an Pérez-Remón
, a.a.O., 66 und c. Oetke, a.a.O., 116. [64]
Später
entstand eine eigene Schule, das pudgalavāda ("Lehre von der
Person"), die an die einschlägigen Stellen des Kanon, etwa dem
"Sutra von der Last", Samyuttanikāya III, 25 anknüpfte
und die Meinung vertrat, daß der pudgala weder mit den fünf
Gruppen identisch, noch von ihnen verschieden sei und sich einer
weiteren Analyse entziehe. Sie konnte sich aber letztlich nicht
durchsetzen und wurde von den anderen Richtungen als häretisch
abgelehnt. Vgl. dazu V. Zotz, Geschichte der buddhistischen
Philosophie, Hamburg 1996, 66-67. J. Schlier, Buddhismus zur
Einführung, Hamburg 1997, 87 meint dazu: "Diese durchaus
vertretbare Sichtweise litt allerdings an dem Mangel, das Verhältnis
zwischen der unausdrückbaren Person und der empirischen Welt nicht
weiter aufklären zu können." Die Diskussionen, die um die
Lehren dieser Schule entbrannten, dürften zu der problematischen
Zuspitzung der Anattā-Lehre in der frühen buddhistischen
Philosophie beigetragen haben.
[65]
Vgl.
zu den fünf Gruppen oben Anm. 38.
[66]
Samyuttanikāya
3, 2, 8 I p. 87, zit. nach H. W. Schuhmann, Buddhismus. Schulen,
Stifter und Systeme, Olten 1976, 34. [67]
Die
verschiedenen Weisen, in denen von anattā die Rede ist,
unterscheidet S. Collins, a.a.O., 95 ff.
[68]
Zit.
nach Pérez-Remón , a.a.O., 158. [69]
Siehe
dazu Schlier, a.a.O., 41-42, mit Verweis auf die psychoanalytische
Theorie der Entstehung eines "narzistischen Ich".
[70]
Samyuttanikāya,
44, 1 29 ff., zit. nach H. v. Glasenapp, Pfad zur Erleuchtung.
Das Kleine, Große und das Diamant-Fahrzeug, Köln, 1985, 102. [71]
J.
Schlier, a.a.O., 42. Ähnlich vertritt auch schon L. Schmithausen,
Ich und Erlösung im Buddhismus, in: ZMR (53) 1969 die Ansicht,
die Intention Buddhas wäre es gewesen die Wurzel der Leidenschaften,
die dieser in der Vorstellung eines mit Körper, Gefühl etc.
identifizierten Ichs sieht, zu bekämpfen, indem er darauf hinwies,
daß diese Daseinsm”glichkeiten nicht das wahre Selbst sein könnten,
das nach der indischer Auffassung unvergänglich sei. "Ein
Hinweis auf die Existenz eines unfaßbaren Atman jenseits der in der
Erfahrung gegebenen Persönlichkeitskonstituentien ist aber, wenn es
nur um die Ausrottung der Leidenschaften geht, überflüssig; ja er
wäre sogar gefährlich, da er leicht missverstanden werden und dann
gerade zu einer Stärkung des Egoismus und der Leidenschaften führen
könnte." (a.a.O.,
161). [72]
Dieser
Satz erscheint regelmäßig als Glied einer Aussagenkette: sabbe
sankhārā aniccā, sabbe sankharā dukkhā, sabbe dhammā anattā,
d.h. "Alle Gestaltungen sind unbeständig, alle Gestaltungen
sind leidhaft, alle Gegebenheiten sind Nicht-Selbst." Siehe
dazu Pérez-Remón , a.a.O., 208-210. [73]
Vgl.
zur Dhammatheorie V. Zotz, a.a.O., 43-45 und 68-70 sowie E. Conze, Buddhistisches
Denken, Frankfurt a. M. 1988, 125-146. Ich muß die Debatten,
die in der buddhistischen Philosophie darüber geführt wurden, ob
das Nirvāna ein unbedingtes Dhamma ist, ausklammern. [74]
Aus:
Das Kloster der Erleuchteten oder Kleines Handbuch der
anarchistischen Mystik. Aufgefunden und herausgegeben von Martin
Auer, Wien o.J., 213. [75]
Zit.
nach Th. Scheel, a.a.O., 76. Der
Ausdruck "Wesen" (satta) meint im Kontext soviel wie
"Lebewesen", die einzelne Person eingeschlossen. [76]
Zu
den Parallen zwischen Hume und der buddhistischen Theorie siehe E.
Conze, a.a.O., 143 (Fn.), 286 und 297; den Bezug von E. Mach zum
Buddhismus behandelt U. Baatz, Ernst Mach - The Scientist as a
Buddhist?, in: J.. Blackmoore
(ed.), Ernst Mach - A deeper Look, Dordrecht 1992, 183-199. Ich
übernehme im Folgenden die prägnante, auf Humes "bundle of
perceptions" anspielende Bezeichnung "Bündeltheorie der
Person" von C. Oetke. [77]
C.
Oetke, a.a.O., 217. [78]
Zit.
nach H. v. Glasenapp, a.a.O., 74. [79]
C. Oetke, a.a.O., 155-156; vgl. dazu auch das Urteil von L.
Schmithausen, a.a.O., 161: "Es scheint somit, daß der ursprüngliche
Buddhismus ein Ich nicht geleugnet, sondern lediglich aus primär
praktischen Gründen vollkommen in den Hintergrund gedrängt und aus
dem Kreis der zu erörternden Fragen ausgeschlossen hat. Viele (aber
... keineswegs alle) der sich später entwickelnden Schulen haben
dann aus der spirituellen Praxis der Zurückdrängung des Ich ein
theoretisches Dogma gemacht und die Lehre aufgestellt, ein wahres
Ich oder Selbst, einen Ātman, gebe es nicht."
[80]
C. Oetke, a.a.O., 155. [81]
Vgl.
dazu E. Conze, Der Buddhismus, Stuttgart 61977, 121: "Es
besteht ein logischer Widerspruch zwischen der Methode der Weisheit,
die keine Personen anerkennt, sondern nur Skandhas, und der Methode
der Unbegrenzten, die Beziehungen zu anderen Menschen in ihrer
Eigenschaft als Personen pflegt. (...) Wenn in der Welt nur Bündel
von Skandhas bestünden, die kalt und unpersönlich wie Atome ohne
Unterbrechung ständig zugrunde gingen, dann gäbe es nichts, worauf
Freundlichkeit und Mitleiden sich beziehen könnten." [82]
Th.
Scheel, a.a.O., 91. [83]
Y.
Takeuchi, Probleme der Versenkung im Ur-Buddhismus, Leiden
1972, 27. Auch Lama Govinda, Schöpferische Meditation und
multidimensionales Bewusstsein, Freiburg i. B. 1976, 137-143 und
150-157 verbindet die Kritik an der missverstandenen Anattā-Lehre
mit der Ablehnung einer entstellten Sattipatthāna-Praxis, die er
besonders in der burmesischen Tradition verkörpert sieht. [84]
Y.
Takeuchi, a.a.O., 28.
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