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Angela
Büchel Sladkovic
Verborgene
Frauenwelten. Schlafwandlerisch bewegt sie ihre Hände, schiebt ein Stück Blech unter die
Stanzmaschine, zieht es hinaus, legt neue Stücke ein. Die Frau auf der
Leinwand arbeitet ruhig, nach dem Rhythmus der Maschine, doch mehr tastend
als sehend, und man fürchtet unwillkürlich um ihre Finger und Hände. In
seinem neuen Film Dancer in the Dark
führt uns Lars von Trier in Frauenwelten.[1]
Ich denke dabei nicht an die inszenierte Aufopferung der Mutter für ihren
Sohn, sondern an das Stehen an der Maschine, die Arbeit im Akkord, das
Haushalten mit beschränkten Mitteln, den Kampf um die Sicherung der
Existenz - der eigenen wie der des Kindes. Und vielleicht trägt auch die
Imagination einer anderen Welt, in der das Ungelebte und Unausgesprochene
Ausdruck findet, weibliche Züge. Oft macht allein sie ein hartes, enttäuschendes
Leben erträglich; manchmal bricht in den Bildern eine Wahrheit durch. Selmas Leidenschaft gilt dem Tanz und
der Musik. Und so fliesst aus dem Stampfen und Zischen der Pressen, Walzen
und Fräsen urplötzlich rhythmische Musik hervor und die Fabrikhalle
verwandelt sich vor unseren Augen in ein Musical, in eine faszinierende
Schau von Körpern in Bewegung. „Alle Geräusche haben einen Sinn, sie sind alle rhythmisch, sie
vermischen sich gewissermassen in der grossen Atmung der kollektiven
Arbeit, an der teilzuhaben berauschend ist. Da das Gefühl des Alleinseins
nicht beeinträchtigt wird, ist die Teilnahme umso berauschender. Es gibt
nur Geräusche von Metall, Räder, die sich drehen, das Schlagen von
Metall auf Metall; Geräusche, die weder von der Natur noch vom Leben
sprechen, sondern allein von der ernsten, standhaften, ununterbrochenen Tätigkeit
des Menschen an den Dingen. Man ist verloren in diesem grossen Lärm und
beherrscht ihn zugleich; Das zitierte Traumbild[3]
stammt nicht von Selma, es ist Simone Weil, die französische Philosophin
und Gewerkschafterin (1909-1943), die es zeichnet. Faszination der Technik
spricht sich hier ebenso aus wie Begeisterung für die Arbeitswelt. Doch
der Traum wird sofort gebrochen: „Wäre dies das Leben in der Fabrik, es
wäre zu schön. Es ist es nicht.“ Es ist ein Bild der Freiheit; die
Arbeiter und Arbeiterinnen sind jedoch, so Simone Weil, nicht frei. Und
sie können ihrer Knechtschaft, die sich wie ein Mal in ihre Haut
einbrennt, kaum entfliehen. Die Sinne, der Körper, die kleinen Details
des Alltags machen die erzwungene Unterordnung jeden Augenblick
schmerzlich fühlbar. Ein Bild, das dem, was Simone Weil in der Fabrik
empfunden hat, näher kommt, ist ein Filmbild ihrer Zeit. Charlot in Modern Times, bedrängt von der Maschine, die jede Bewegung diktiert
und kaum Raum zum Atmen lässt - die „Fütterungsmaschine ist das Symbol
der Arbeiterexistenz in der Fabrik.“[4] Intellektueller
Pessimismus „von oben“ oder wache Zeitgenossenschaft? Mit 25 Jahren geht die Philosophin Simone Weil für unbestimmte Zeit als
Arbeiterin in die Fabrik. Es ist ein Experiment mit der eigenen Existenz,
das nicht nur den Ausstieg aus ihrem Alltag als Philosophielehrerin
bedeutet, sondern auch den Bruch mit einer möglichen Karriere. Denn
Simone Weil hat sich als kritische Publizistin einen Namen gemacht. „C'est
le seul cerveau que le mouvement ouvrier ait eu depuis des années“,
soll Boris Souvarine, Mitbegründer und Kritiker der Kommunistischen
Partei Frankreichs, auf ihre politische Analyse Perspektiven:
Gehen wir einer proletarischen Revolution entgegen? hin gesagt haben.[5]
Der kontrovers diskutierte Artikel von 1933 drängte selbst Trotzki zu
einer - vernichtenden - Stellungnahme.[6]
Der Artikel Perspektiven fragt
nicht allein nach der von Marx und Lenin propagierten Zukunft und den
realen Entwicklungen in der UdSSR und in Deutschland, sondern nach
konkreten Handlungsperspektiven in einer Zeit der wirtschaftlichen Krise,
der gesellschaftlichen Ausdifferenzierung, der Entstehung totalitärer
Bewegungen und eines möglichen Krieges. So schreibt Simone Weil:
"[...] unsere Anstrengungen [drohen] nicht allein nutzlos zu sein,
sondern sich gegen uns selbst zu richten zugunsten unseres Hauptfeindes,
des Faschismus.“[7]
Das Beispiel Deutschland hat Simone Weil, die sich im Sommer 1932 einen
Monat in Berlin aufhielt, gezeigt, wie schwierig politischer Widerstand
sich gestaltet. Die Agitationen der Kommunistischen Partei unterstützen
die faschistische Demagogie, die sozialdemokratischen Einrichtungen leiden
an ihrem bürokratischen Charakter und der Basisferne der Führungselite.
Seit ihrer Deutschland-Analyse treibt Weil die Frage um, wie eine
Organisation der Arbeiterinnen und Arbeiter möglich sei ohne Bürokratisierung
und ohne Unterordnung unter eine Staatsmacht.[8]
Eine Antwort sieht sie im Moment nicht. In dieser theoretischen Leere, die
in Frankreich um sich greift, hat sie jedoch den Mut, die Aktionen der
M.O.R.[9]
als blinden Aktionismus zu entlarven und sich vom „Mythos Revolution“
zu verabschieden. Schonungslos eröffnet sie den Artikel mit der
Feststellung, dass alle Aufstände der unterdrückten Massen seit der
Pariser Kommune gescheitert
und nirgends Anzeichen einer Befreiung des Proletariats gegeben seien.
Simone Weils Kritik eines „prinzipiellen Optimismus“[10]
schockierte und veranlasste einige Genossen, sich von diesem „Pessimismus
von oben“ zu distanzieren. „Wir sind in einer Übergangsepoche - aber Übergang wohin? Niemand hat
davon die geringste Vorstellung.“[11]
Die trotzkistische Lesart der Entwicklungen in Russland wird von Simone
Weil zurückgewiesen. Russland trotz aller Schwierigkeiten und bürokratischer
Entartungen als Arbeiterstaat und Diktatur des Proletariats zu bezeichnen,
grenze angesichts des stalinistischen Unterdrückungssystems an Zynismus.[12]
Die Oktoberrevolution ist in den Augen von Weil definitiv gescheitert: „Einen
Arbeiterstaat hat es bisher nirgends gegeben, es sei denn einige Wochen in
Paris 1871 und vielleicht einige Monate in Russland 1917-1918. Dagegen
herrscht seit fast fünfzehn Jahren auf einem Sechstel der Erde ein Staat,
der, ebenso repressiv wie jeder andere, weder kapitalistisch noch
proletarisch ist. Gewiss hat Marx dergleichen nicht vorgesehen. Aber auch
Marx ist uns nicht so lieb wie die Wahrheit.“[13] Die
klassischen Schemata des Marxismus verführen die KommunistInnen jedoch
nicht allein zu einer Täuschung bezüglich des Regimes in Russland,
sondern zu einer gefährlich optimistischen Haltung dem Faschismus gegenüber.
Dieser werde ebenfalls als blosses Übergangsphänomen wahrgenommen,
schreibt Weil. Die Einschätzung der faschistischen Bewegung als letzte
Karte der Bourgeoisie vor dem Sieg der Revolution, die seit dem Kongress
der Komintern von 1928 offiziellen Charakter besass, wird von ihr als
Gemeinplatz diskreditiert, der von der „mühseligen Pflicht des
Nachdenkens“ und der Analyse dispensiere. In Deutschland und Russland beobachtet Simone Weil politisch wie ökonomisch
dieselbe Tendenz zur Stärkung der Zentralmacht. Die Unterordnung des
Individuums unter das Kollektiv, die ideologisch so unterschiedliche
Staaten wie Deutschland, Russland und die USA einander angleicht, wird von
ihr besorgt als neues, weit verbreitetes Phänomen wahrgenommen.
Kulturkritisch hält sie fest, dass die immer mehr um sich greifende
Spezialisierung in Wissenschaft und Technik das Individuum auf einen
kleinen Kompetenzbereich eingrenzt und denjenigen Kräften ausliefert, die
das Ganze beherrschen. Der technisch-administrative Apparat tritt seinen
Siegeszug an. Der Bürokratisierung und Technokratisierung in der
Gesellschaft sollte politisch ebenso Rechnung getragen werden wie dem
Aufkommen totalitärer Bewegungen. Denn: „Jede
ausschliessliche und unkontrollierte Macht wird repressiv in den Händen
derer, die das Monopol darauf innehaben.“[14]
Neu aufmerksam gemacht auf die Frage der Macht und das Verhältnis der
Weilschen Kritik zu biblisch-theologischen Motiven hat Susanne Sandherr in
zwei soeben erschienenen Aufsätzen: „Offensichtlich steht die
Macht-Frage im Zentrum von Weils anarcho-syndikalistischem Einsatz.“ Und
in bezug auf die Theoriebildung: „Weils Denken bündelt sich in ihrer
Kritik der Macht wie in einer Linse.“[15]
Empowerment
(Ermächtigung), so lässt sich anfügen, steht als Ziel schon über ihren
ersten Schritten im gewerkschaftlichen Raum, nämlich die Ermächtigung
der Arbeiterinnen und Arbeiter zu Sprache und Kultur. Darin liegt für
Simone Weil der Anfang der Revolution.[16]
Marx, der die entwürdigende Trennung von manueller und geistiger Arbeit
geisselt, ist ihr denn auch wichtiger als der „ökonomische“ Marx.
Letzteren vermag sie im Lauf der Jahre nur noch deterministisch zu lesen.[17]
„Sei man bereit, auf die Tröstungen der Produktivkräftereligion zu
verzichten, so werde einem nicht nur die sichere Antwort auf die Frage
nach den Ursachen der Freiheit aus der Hand geschlagen, sondern es stelle
sich erneut die Frage nach den Ursachen der sozialen Unterdrückung.“[18]
Die marxistische Überzeugung, die Unterdrückung falle bei Unproduktivität
oder hoher Produktivität weg, lässt sich für Weil nur durch die
Vernachlässigung des Machtkampfs bzw. dessen Unterordnung unter den
Existenzkampf erklären. Das soziale Leben der Menschen werde aber nicht
allein von der Ökonomie bestimmt, neben dem Bedürfnis regiere die Gewalt.
Zu Unterdrückung pervertiert die gegenseitige Abhängigkeit in einer
arbeitsteiligen Gesellschaft durch die der Macht eigenen Tendenz, sich bis
an ihre Grenzen auszudehnen. Der Kapitalismus, so ist Simone Weil aufgrund
ihrer Analysen überzeugt, hat den Punkt überschritten, jenseits dessen
die Produktivkräfte zu destruktiven Kräften mutieren. Ohne Rücksicht
auf menschliche Kosten und die natürlichen Ressourcen werde der „Fortschritt“
weitergetrieben, es zähle allein
die Expansion, die Kontrolle des Kapitals und des Marktes. Angesichts eines Wachstums, das seine eigene Basis attackiert, angesichts
einer Technik, die Verschwendung fördert und Unterdrückung impliziert,
nimmt Weil nirgends Zuflucht zum regressiven Traum „zurück zur Natur“.
Doch angesichts einer aus dem Gleichgewicht gefallenen Welt sucht sie
Orientierungspunkte; angesichts einer grenzenlosen Macht fragt sie nach
Grenzen.[19]
In der Masslosigkeit der modernen Zivilisation entdeckt Simone Weil
Einheiten, die unverändert geblieben sind: der Körper, das menschliche
Leben, die Wahrnehmung.[20]
An ihnen sei Mass zu nehmen.
Die Aufgabe der Zukunft liege darin, Technik und Gesellschaft nach dem
Menschen, seinen Bedürfnissen und Rhythmen zu organisieren: „In der
Natur der Dinge ist keine unbegrenzte Entwicklung möglich; die Welt (kósmoß!)
beruht im Ganzen auf dem Mass
und dem Gleichgewicht [...], und dasselbe gilt also auch für die Polis.“[21]
Das Experiment „Fabrikarbeiterin“ Ein Experiment ist etwas Künstliches, notieren Simone Weils Schülerinnen
in Roanne.[22]
Man schafft einen geschlossenen Raum, der es erlaubt, ungestört von
Fremdeinflüssen Beobachtungen durchzuführen und Hypothesen experimentell
zu prüfen. Anfangs Dezember 1934 bezieht Simone Weil ein kleines Zimmer
in der Nähe der Rue Lecourbe in Paris. Sich von Eltern, Freundinnen und
Freunden zurückzuziehen und im Arbeiterquartier niederzulassen, gehört für
sie zur Versuchsanordnung. Am 4. Dezember beginnt ein Experiment, das sie
seit Jahren in Erwägung zieht: sie wird bei Alsthom, einem elektromechanischen Betrieb, als Arbeiterin an der
Presse eingestellt. Neun Monate lang, unterbrochen durch Krankheit und
Arbeitslosigkeit, wartet Simone Weil jeden Morgen vor dem Fabriktor auf
Einlass, steht Stunden an Pressen oder an der Fräse, stempelt ein und aus.
Das Arbeitszeugnis von Alsthom
ermöglicht ihr, in zwei weiteren Betrieben Arbeit zu erhalten, in einer
kleineren Fabrik in Boulogne-Billancourt und bei Renault.
Starten kann sie ihr Experiment nur dank der Unterstützung von Auguste
Detoeuf, dem Leiter von Alsthom,
einem reformbereiten Industriellen, den
sie über Boris Souvarine kennenlernte. Der Zeitpunkt für einen
Einstieg ohne Erfahrung und Arbeitszeugnis ist ungünstig. Frankreich
leidet bis Mitte der Dreissiger Jahre unter der Wirtschaftskrise, auch
wenn es weniger getroffen wurde als die stärker industrialisierten Länder
Deutschland und Grossbritannien. Die Arbeitslosenzahl wächst, Frauen wird
vorgeworfen, Arbeitsplätze zu „stehlen“. Dieses in Krisenzeiten stets
zu vernehmende, ideologische Argument verschleiert auch in den Dreissiger
Jahren die wirkliche Lage. Es täuscht über die Tatsache hinweg, dass von
Seiten der Industrie eine Nachfrage nach Frauen besteht: man benötigt
unqualifizierte, billige Arbeitskräfte. Die Trennung nach Geschlechtern,
wie sie Weil in den Fabrikhallen erlebt, nimmt ihren Anfang in der
Kriegsproduktion von 1914-1918. Siân Reynolds schreibt in ihrer
kurzen historischen Skizze: „Both Citroën and Renault for instance had
converted to munitions factories in wartime, employing large numbers of
women and experimented with l'organisation scientifique du travail (OST or the Taylor system),
in other words the breakdown of the manufacturing process into series of
simple operations performed by semi-skilled labour.“[23]
Nach dem Krieg werden die
Frauen entlassen, ausgebildete Männer eingestellt und die Autofabrikation
wieder aufgenommen. Wachsende Produktion und zunehmende Automatisierung
Ende der Zwanziger Jahre bringen jedoch wieder eine grosse Nachfrage nach
billiger Arbeitskraft mit sich. Frankreichs Industrie stellt eine grosse
Zahl von Frauen und ImmigrantInnen ein. Simone Weil geht nicht naiv in die Fabrik.[24]
Die Hoffnung, die Distanz zu überwinden, die sie wohl spürt, wenn sie
auf Kundgebungen mitmarschiert oder mit den Arbeitern in den Wirtshäusern
zusammensitzt, mag eine Rolle spielen. Doch ausschlaggebend ist anderes.
Simone Weil spricht in Briefen von ihrem Interesse an den Maschinen und
einer Anzahl präziser Fragen, die es zu klären gelte, und macht damit
die analytische Qualität ihres Projekts deutlich.[25]
Barbara Rohr bemerkt zu Recht: „Simone Weils Absicht war es also, das
Wesen der Unterdrückung durch Fabrikarbeit körperlich-sinnlich näher zu
ergründen“.[26]
Die Philosophin will die Beziehung zwischen der Arbeit und den Arbeitenden
untersuchen, was für sie rein theoretisch nicht durchführbar ist. Sie
will wissen, wie ein Industriebetrieb funktioniert, und ob es dem Arbeiter
und der Arbeiterin möglich ist, in diesem System die Würde zu bewahren,
wie Auguste Detoeuf behauptet. „Wenn ich daran denke, dass die grossen
bolschewistischen Führer eine freie Arbeiterklasse zu schaffen behaupteten und dass wahrscheinlich
keiner von ihnen - Trotzki sicher nicht, und Lenin, glaube ich, auch nicht
- je den Fuss in eine Fabrik setzte und folglich nicht die leiseste Ahnung
von den wirklichen Bedingungen hatte, die Knechtschaft oder Freiheit der
Arbeiter bestimmen, dann erscheint mir die Politik als ein übler Witz.“[27]
Eine Kritik an den Klassikern des sozialistischen Denkens, die wohl auch
eine Spitze wider ihre Zeitgenossen beinhaltet! „In
diesem Räderwerk gefangen“ Es ist anzunehmen, dass Simone Weil davon ausging, ihr Geschlecht gehöre zu
den zu vernachlässigenden Faktoren des Experiments. Bis anhin bewegte sie
sich mit Ausnahme der Mädchengymnasien, an denen sie unterrichtete, in Männerwelten
und hatte es sich zur Regel gemacht, nicht durch ihre Weiblichkeit
aufzufallen. „Moi, je ne suis pas féministe“, deklarierte sie als
junge Studentin auf eine Anfrage hin.[28]
Gemischte Bereiche, in denen es möglich gewesen wäre, ein
partnerschaftliches Handeln einzuüben, so ruft Reynolds zu Recht in
Erinnerung, gab es kaum.[29]
In der Fabrik nun wird Weil unwillkürlich auf die Geschlechterdifferenz
gestossen und in die weibliche Rolle gedrängt: das heisst Arbeit an der
Maschine, Akkord. Einen neuen, etwas anderen Klang bekommt auf diesem
Hintergrund ihre Bemerkung einer Schülerin gegenüber, sie sei der Welt
der Abstraktionen entflohen und befände sich in der Fabrik unter
wirklichen Menschen.[30]
Die in ihren Artikeln angeprangerte Zweiteilung der Menschen in Ausführende
und Befehlende entpuppt sich in der Realität als Trennung nach den
Geschlechtern. „Ein sehr geschickter, sehr intelligenter und sehr kräftiger
Mann kann vielleicht hoffen, in der gegenwärtigen Lage der französischen
Industrie in der Fabrik einen Platz zu bekommen, wo ihm auf interessante
und menschliche Weise zu arbeiten möglich ist; hinzufügen muss man, dass
Rationalisierungsfortschritte von Tag zu Tag derlei Möglichkeiten einschränken.
Aber die Frauen sind in eine ganz mechanische Arbeit verbannt, die nichts
als Schnelligkeit verlangt.“[31] Simone Weil wird an die Maschine gestellt, zum Bohren, Pressen, Vernieten,
Planieren - je nach Anweisung. Das Schlimmste sei die geforderte
Schnelligkeit; wer den Akkord unterbietet, erhält nicht allein einen
Niedrig-Lohn, sondern riskiert die Arbeitsstelle. „'Nicht viele wagen es,
unter dem Akkord zu bleiben [de couler les bons]'“, zitiert Weil in der
zweiten Woche schon eine Arbeiterin.[32]
Ein Akkordschein gilt als coulé,
d.h. als Verlust, wenn die in einer Stunde angefertigten Stücke nicht 3
Francs erbringen; die Arbeit wird dann auf einen willkürlichen Lohnsatz
festgesetzt. Dieses System zwingt die Frauen, mit der Zeit zu 'jonglieren'
und andere als die reellen Zeiten auf dem Schein anzugeben, wenn es für
sie vorteilhaft ist. Weil, die sich an mehreren Stellen über die
Undurchsichtigkeit des Lohnsystems beklagt, führt in ihren Notizen genaue
Berechnungen durch: geleistete Arbeit, geforderter Akkord, Zeit und Lohn
werden aufgelistet. Da sie in zeitlichen Rückstand fällt, wird die
materielle Situation für sie immer schwieriger: “die Ernährungsfrage
bleibt [...] beängstigend.“[33]
Bei Alsthom verdient sie ohne
Qualifikation nach einer ersten Einschätzung auf zwei Francs letztlich im
Minimum 1,80 Francs, der Mindestlohn der anderen Arbeiterinnen beträgt
2,40 Francs/Stunde. „Aus vielerlei Gründen erreiche ich die Normen noch
nicht: mangelnde Routine, eine beträchtliche natürliche Langsamkeit der
Bewegungen, Kopfschmerzen und eine gewisse Denkmanie, der ich mich nicht
entledigen kann... So meine ich denn auch, dass man mich, genösse ich
nicht eine Protektion, vor die Tür setzen würde.“[34]
Eine Ohrenentzündung zwingt sie nach einigen Wochen - inzwischen total
erschöpft -, auszusetzen. Sechs Wochen später kehrt sie zurück, kann
ihre Stelle jedoch nicht halten. Am 29. März notiert sie: „Chastel
reizend - man lässt mir völlige Freiheit, man behandelt mich wie eine
zum Tode Verurteilte“,[35]
am 5. April 1935 verlässt sie nach einem Unfall Alsthom
und geht anschliessend zweimal auf Stellensuche. Dabei greift sie zu
ungewohnten Mitteln. Sie weiss, dass die allgemeine Willkür, der die
Arbeiterinnen ausgeliefert sind, sich durch den Sexismus verschärft. Den
'Wert' einer Arbeiterin, notierte sie in Bezug auf die Auszahlung der
Verlust-Scheine in ihr Tagebuch, beurteilen die Vorgesetzten „nach ihrer
eigenen Phantasie“[36].
So wendet sie sich vor ihrem „Vorstellungsgespräch“ mit der Bitte an
ihre Freundin Simone Pétrement, sie zu schminken.[37]
Glückliche Momente erlebt Simone Weil am Ofen, in dessen Hitze sie schwere
Arbeit verrichtet. Neben ihr hämmern Arbeiter, den Lärm im Ohr schiebt
sie Stück um Stück in die Flammen, kontrolliert ihre Reflexe, um nichts
zu verderben; der Schweisser lächelt ihr traurig zu, wenn sie vor Schmerz
das Gesicht verzerrt; ein junger Arbeiter kommt ihr zu Hilfe, als sie
unter der Last zusammenzubrechen droht. „Ganz andere Ecke, obwohl neben
unserer Werkstatt. Die Chefs kommen nie dorthin. Freie und brüderliche
Atmosphäre, nichts Knechtisches und Kleinliches. Der nette kleine Bursche
ist Einrichter... der Schweisser... der junge Italiener mit den blonden
Haaren... mein 'Verlobter'... sein Bruder... und die Italienerin... der kräftige
Bursche mit dem Hammer“.[38]
Simone Weils Sympathien gelten den Arbeitern, in ihrer Nähe fühlt sie
sich wohl.[39]
Eine aufmerksame Lektüre des Fabriktagebuchs bestätigt Siân Reynolds
Urteil, dass Weil die Arbeiter bewundert, den Frauen gegenüber jedoch
nicht dieselbe Wärme aufbringt.[40] Trotz des Verständnisses
für deren Situation, urteilt sie oft pauschal.
Damit reproduziert Weil die negativen Gefühle, die Männer in der Fabrik
den Frauen gegenüber empfinden, die schlecht bezahlte Arbeit an Maschinen
ausführen, die sie nicht verstehen.[41]
Die meisten Frauen sind dazu gezwungen, weil sie sich - wie Weil immer
wieder bemerkt - „ihr Leben verdienen müssen“, zusätzlich das ihrer
Männer und Kinder in vielen Fällen; andere arbeiten in der Fabrik, um
den Verdienst ihrer Ehemänner, die oft nur angelernt sind, aufzubessern.
Die Ungleichheit zwischen den Frauen wird von Weil ebenso
wahrgenommen wie die Rivalität, die durch die Betriebsorganisation gefördert
bzw. hergestellt wird.[42]
Simone Weil lernt schon bald, dass es „gute“ und „schlechte“
Arbeit gibt: „Arbeiterin entlassen - Tuberkulose [...] Es scheint, dass
diese Arbeiterin einen Auftrag (zweifellos heikel und schlecht bezahlt)
verweigert hat; 'zu schwere Arbeit', heisst es. Der Werkmeister hatte ihr
gesagt: 'Wenn es nicht bis morgen früh gemacht ist...' Zweifellos schloss
man daraus, dass sie die Stücke absichtlich verdorben hätte. Kein Wort
des Mitgefühls der Arbeiterinnen, die gleichwohl den Ekel angesichts
einer Tätigkeit kennen, die einen erschöpft, während man sehr genau
weiss, dass man nur 2 F oder weniger verdient und angeschnauzt wird, wenn
man den Akkord nicht erreicht hat - einen durch Krankheit verzehnfachten
Ekel. Dieser Mangel an Mitgefühl erklärt sich daraus, dass eine 'schlechte
Arbeit', die eine Arbeiterin verschont, von einer anderen gemacht wird...“[43]
Sich
über eine Ungerechtigkeit zu beschweren, bedeutet sich erniedrigen, da
man als Arbeiterin - rechtlos - ganz von der Entscheidung der Chefs abhängt.
Neben der Geschwindigkeit ist es das Ordnungssystem, das Weil als inhuman
beschreibt. Die Befehlsgewalt
der Chefs ist absolut; man habe zu schweigen und zu gehorchen, auch wenn
die Anordnungen gefährlich, widersprüchlich oder unmöglich seien.[44]
Ein Befehl impliziert bei den Arbeiterinnen ambivalente Gefühle.
Einerseits durchbricht er die Monotonie, indem er die Arbeiterin an einer
Maschine wegholt und ihr neue Arbeit auferlegt. Diese Veränderung
bedeutet Erleichterung, ist ihr aber andererseits auch zuwider, da sie
Zeitverlust impliziert, was für die Stückarbeiterin materielle Folgen
hat. Unabhängig davon macht jeder Befehl, dem sofort und unwiderruflich
Gehorsam zu leisten ist, den Arbeitenden fühlbar, dass nicht sie über
ihre Zeit verfügen. „Eine Anweisung konnte mich im Augenblick einer
Erschöpfung treffen und mich zu vermehrter Anstrengung zwingen - einer
Anstrengung bis zur Verzweiflung.“[45]
Da Befehle in der Fabrik „Körper und Seele von Grund auf antasten“[46]
können, lebten die Arbeiterinnen in ständiger Angst. Die Maschine wird vom Einrichter auf den jeweiligen Arbeitsauftrag angepasst.
Er wird von den Frauen auch bei Zwischenfällen herbeigerufen; seine
Reparaturen sind jedoch oft sehr unbeholfen, da er nur über wenig
Kenntnis bezüglich Aufbau und Funktion der Maschinen verfügt. Die
Arbeiterin erwirbt sich durch langjährige Erfahrung eine gewisse
Vertrautheit mit der Maschine. Sie kennt deren Tücken. Doch, so notiert
Weil: "[...] ich habe nie eine Frau gesehen, die an der Maschine zu
einem anderen Zweck stand, als sie zu bedienen“.[47]
Die von der Maschine geforderte Abfolge der immer gleichen Bewegung weicht
in ihrer extremen Schnelligkeit vom natürlichen Rhythmus der Arbeiterin
ab. Der aufgezwungene Takt ermüdet den Körper und vergewaltigt den Geist.
Denn die Kadenz ist so schnell, dass Denken wie Träumen störend wirken;
sie verlangsamen den Bewegungsablauf. Die Arbeiterin muss das Denken
ausschalten, und doch ist Konzentration von ihr gefordert, da die Kadenz -
im Gegensatz zum Rhythmus - Aufmerksamkeit braucht. „Die Aufmerksamkeit,
der würdigen Gegenstände beraubt, muss sich Sekunde um Sekunde auf ein
kleinliches Problem, mit einigen Varianten immer das gleiche,
konzentrieren: 50 Stücke in 5 statt in 6 Minuten herzustellen oder etwas
Ähnliches dieser Art. Glücklicherweise sind manche Fertigkeiten zu
erlernen. Aber ich frage mich, wie dies alles menschlicher werden kann“[48].
So uninteressant die Arbeit ist, der Langeweile und dem Ekel darf man
nicht nachgeben, denn Abschweifen bedeutet weniger oder misslungene Stücke.
„Wenn
man sich an eine Maschine stellt, muss man 8 Stunden täglich seine Seele
knebeln, sein Denken, seine Empfindungskraft, alles.“[49] „Das
Unglück ist mir in den Leib gefahren“ Das in der Fabrik erfahrene und beobachtete Leiden, den Schmerz und die Müdigkeit,
als unabdingbare, die Arbeit begleitende Elemente zu verstehen, wie die
damit zusammenhängende Behauptung, Ekel und Verzweiflung habe seinen
Grund in einem Mangel an Durchhaltevermögen und Seelenstärke, weist
Simone Weil von sich.[50]
Ein allein an der biblischen Schöpfungsgeschichte orientiertes Verständnis
der Arbeit als Mühsal ignoriert den sozialen Kontext der Fabrikarbeit:
„Die entscheidende Tatsache ist nicht das Leiden, sondern die
Erniedrigung.“[51]
Das Leben der Fabrikarbeiterinnen ist durch die drei Faktoren
gekennzeichnet, die Simone Weil in den Cahiers
und in Attente de Dieu als Komponenten des Unglücks bestimmen wird: körperliche Schmerzen, psychisches Leiden
und soziale Erniedrigung.[52]
Noch bevorzugt sie es, von „Sklavinnen“ zu sprechen - ein Ausdruck,
der die Ohnmacht und Rechtlosigkeit betont. „Die Klasse derjenigen, die nicht
zählen - in keiner Situation - in den Augen anderer... und die nicht
zählen werden, niemals, was auch geschehen mag, trotz des letzten Verses
der ersten Strophe der Internationale.“[53]
Die pessimistische
Einschätzung beruht auf Weils Überzeugung, dass die Versklavung der
Fabrikarbeiterinnen hauptsächlich in der Arbeit als solcher wurzelt und
durch Sozialisierung des Kapitals oder bessere Entlöhnung letztlich nicht
aufgehoben werden kann: „In allen anderen Formen der Sklaverei steckt
die Sklaverei in den Verhältnissen. Nur hier ist sie in die Arbeit selbst
übertragen.“[54]
Von
Frauenwelten und ihrer Verbergung Im Fabriktagebuch werden die Arbeiter
zu Frauen und Männern und die Arbeit an der Maschine hat ein Geschlecht.
Das Buch Weils zeugt von gender awareness.
Frauen werden sichtbar gemacht, sie tragen im Fabriktagebuch einen Namen,
haben ein Gesicht und eine Geschichte: Mme Forestier, Mimi, Eugénie,
Louisette, Nénette, Joséphine; jene, die singt, die Tolstoi-Bewunderin,
die mir ein Brötchen schenkte; die Mutter des verbrannten Kindes, die
Geschiedene, die alleine lebt... Wir treffen auf Sätze, die in ihrer
Ungeheuerlichkeit etwas von der Tiefe des Unglücks der Condition
ouvrière et féminine spüren lassen: "[...] die ein Kind verlor
und glücklich ist, keines mehr zu haben, und die 'glücklicherweise'
ihren ersten lungenkranken Ehemann vor acht Jahren verlor (es ist Eugénie!)“.[55]
Auch der körperliche Schmerz, dem wir im Fabriktagebuch auf beinahe jeder
Seite begegnen, trägt weibliche Züge: Kopfschmerzen vom betäubenden Lärm
der Maschinen, blutende und abgeschnittene Finger, ausgerissene Haarbüschel,
Bauchschmerzen aufgrund der harten Fusshebel und Eileiterentzündungen.[56]
Das Unglück, so die These, ist eine feministische Kategorie. Hinter dem
Konzept 'Unglück', das in Weils Denken einen so wichtigen Platz einnimmt,
steht ihre Erfahrung als Frau in der Fabrik.[57]
„Obliged to participate in the factory as a woman, she [Simone
Weil] understood the mechanisms whereby women had, for example, less trade
union consciousness than men, less solidarity, and why they were
preoccupied with immediate circumstances, especially, family problems.“[58]
Mechanismen der
Entsolidarisierung spielen nicht allein bei Rüffel und Kündigung,
sondern auch bei Schwangerschaft; die Doppelbelastung lässt kaum Raum für
den Kampf um Rechte; zudem wird die Gewerkschaftsbewegung von Männern
getragen und der Frauenarbeit wird wenig Beachtung geschenkt - die
gesellschaftliche Abwertung ihrer Arbeit macht vor den Türen der
Syndikalisten nicht Halt. Simone Weils Bewusstsein für die Mechanismen
der Ausgrenzung und Abwertung, der die Frauen ausgesetzt sind, wird nicht
zuletzt durch die weiter oben erwähnte Episode auf der Arbeitssuche - der
Griff in die Kosmektikkiste - offenbar. In ihrem Briefwechsel an einen
Betriebsleiter schreibt sie an einer Stelle explizit: „Als Arbeiterin
war ich in einer zweifach untergeordneten Stellung, denn ich fühlte meine
Würde nicht allein durch die Vorgesetzten verletzt, sondern auch durch
die Arbeiter, weil ich eine Frau bin.“[59] Der Frauenperspektive wurde in der Rezeption des Fabriktagebuchs nur selten
Rechnung getragen. Das spezifisch Weibliche der Erfahrungen verschwindet,
das Tagebuch und die weiteren Schriften über das Industriesystem präsentieren
sich als Beschreibung und Analyse der condition
ouvrière. Symptomatisch ist das Faktum, dass der Artikel über den
Streik der Metallarbeiterinnen, den Simone Weil 1936 veröffentlichte,
La vie est la grève des ouvrières
métallos, da und dort zu Leben
und Streik der Metallarbeiter mutiert.[60]
Simone Weil ist an dieser Rezeption nicht ganz unschuldig. Als Autorin des
Artikels versteckt sie sich hinter dem neutralen Pseudonym S.
Galois, die Arbeiterinnen werden in grammatikalisch männlichen Formen
unsichtbar gemacht und nur selten explizit genannt. Eigene Erfahrungen
werden mit männlichen Konnotationen belegt. Eine genaue Analyse der
Briefe und Artikel, die auf den Notizen der Fabrikzeit basieren, lässt Siân
Reynolds feststellen: "[...] these are very different texts. The
same material has been reworked. From the point of the view that interests
me here, that reworking amounts to the gradual elision of the specificity
of the experience as women's
factory work, and a gradual assimilation of Simone Weil's personal
experience to 'factory life' - a condition seen not simply in sexually
neutral terms, but specifically as that of the male worker.“[61]
Ausschlaggebend scheint
Reynolds nicht so sehr, dass Weil, wenn sie die Ebene der konkreten
Erfahrung verlässt, das philosophische, vermeintlich neutrale Sprachspiel
wählt. Simone Weil passe sich dem Diskurs der Arbeiterbewegung an. Ihr
Fabriktagebuch kritisiert ein System, indem es die Erfahrungen der Schwächsten
wahrnimmt und benennt. Um die Glaubwürdigkeit ihrer Analysen zu stützen
und Autorität zu gewinnen, neutralisiert sie und macht das Geschlecht
unsichtbar, als ob nur das allgemeingültig sei, was sich in den
dominanten männlichen Erfahrungskategorien ausdrückt. Damit schreibt sie
unausdrücklich die Marginalisierung fort. Ihre Texte verlieren durch die
De-sexualisierung und De-historisierung leider ihre volle prophetische
Kraft. Denn in den Fünfziger Jahren stehen in den rationalisierten
Betrieben Frankreichs vermehrt auch Männer in schlecht qualifizierten
Positionen. „In this
respect, during the 1930's, 'la femme était bien l'avenir de l'homme'“.[62]
[1]Dancer in the Dark, Dk/S/F/D 2000, Regie: Lars von Trier. [2]Simone
Weil, Expérience de la vie d'usine, in: Oeuvres
Complètes. Édition
publiée sous la direction d'André A. Devaux et de Florence de Lussy.
Tome II. Écrits historiques et politiques. Volume 2. L'expérience
ouvrière et l'adieu à la révolution (juillet 1934-juin 1937),
Gallimard: Paris 1991, 289-307, hier 290 in eigener Übersetzung. [Im
Folgenden: OC II 2] Ich übersetze das französische homme
geschechtsneutral, obwohl beide Stellen männlich konnotiert sind (und
im zweiten Fall das männliche ouvrier
verwendet wird), da in dem Abschnitt indirekt auch die Frauen erwähnt
werden, nämlich durch den Hinweis auf die Maschine, die man bzw. frau
bedient (siehe unten). [3]Vgl. Robert Coles, Simone Weil. A Modern Pilgrimage, Addison-Wesley: Massachusetts 21989, 84. [4]Brief
an Auguste Detoeuf, in: Simone Weil, Fabriktagebuch und andere
Schriften zum Industriesystem. Aus dem Französischen übersetzt und
mit einer Einleitung versehen von Heinz Abosch, Suhrkamp Verlag:
Frankfurt a.M. 1978, 200. [5]Zitiert
bei Simone Pétrement, La vie de Simone Weil I (1909-1934). Avec des
lettres et d'autres textes inédits de Simone Weil, Fayard: Paris
1973, 353. [Im Folgenden: SPI] [6]Vgl.SPI 355f. Weil
reagiert auf Trotzkis Polemik gelassen. Leicht amüsiert schreibt sie
an ihre Mutter: "[...] <papa>
m'a fait le grand honneur de me prendre à partie, au sujet de mon
article, à grand renfort d'injures, dans une brochure dont La
Vérité a publié un fragment. <Libéralisme vulgaire>,
<exaltation anarchiste à bon marché>, <préjugés petits-bourgeois
les plus réactionnaires>, etc., etc. C'est dans l'ordre. Mais, hélas!
je n'ai plus aucune chance de le voir.'“ (SPI
383). Wie wir wissen, kommt es doch noch zu einer direkten
Konfrontation mit Trotzki. Ende 1933 trifft Trotzki sich mit seinen
Freunden [und Freundinnen?] in der Wohnung der Familie Weil, um die
IV. Internationale vorzubreiten. Das Gespräch, das sich bei dieser
Gelegenheit zwischen ihm und Simone Weil ergibt, wird von Weil im
Nachhinein kurz festgehalten (vgl. die Notizen in Oeuvres
Complètes. Édition
publiée sous la direction d'André A. Devaux et de Florence de Lussy.
Tome II. Écrits historiques et politiques. Volume 1. L'engagement
syndical (1927-juillet 1934). Textes établis, présentés et annotés
par Géraldi Leroy, Gallimard: Paris 1988, 320f. [Im
Folgenden: OC II 1] [7]Simone
Weil, Perspektiven. Gehen wir einer proletarischen Revolution
entgegen?,
in: Dies., Unterdrückung und Freiheit. Politische Schriften. Aus dem
Französischen übersetzt und mit einem Vorwort von Heinz Abosch,
Rogner&Bernhard: München ²1987, 135. [8]Vgl.
OC II 1, 216 und den Brief an U. Thévenon zit. von Géraldi Leroy, Introduction, in: OC II 1, 31 (beide Texte sind von 1933). [9]Die
Abkürzung M.O.R. steht für Minorité
Oppositionnelle Révolutionnaire und meint die kommunistische
Minderheit in der Gewerkschaft der Lehrer und Lehrerinnen. Zur
Stellung Simone Weils innerhalb der Linken Frankreichs vgl. Domenico
Canciani, Simone Weil entre fidelité et dépassement. À
propos du contexte et des sources des 'Réflexions', in: Cahiers
Simone Weil XXI (1998) 61-84. [10]Géraldi
Leroy, Introduction, in: OC II 1, 32. [11]Perspektiven
113. [12]Vgl.
ebd. 116. [13]Ebd.
118. [14]Ebd.
128. [15]Susanne
Sandherr, Ius talionis? Simone Weils biblische Kritik der Macht, in:
Freiburger Zeitschrift für Philosophie und Theologie 47 (2000)
402-437, hier 410 und 412. Dies., Simone Weil: Kritik der Macht. Eine
Skizze, in: Valentin, Joachim, Wendel, Saskia (Hrsg.), Jüdische
Traditionen in der Philosophie des 20. Jahrhunderts, Primus-Verlag:
Darmstadt 2000, 179-195. [16]Vgl.
Simone Weil, En marge du comité d'études,
in: OC II 1, 68-70, und Rolf Kühn, Deuten als Entwerden. Eine
Synthese des Werkes Simone Weils in
hermeneutisch-religionsphilosophischer Sicht, Herder: Freiburg u.a.
1989, 43f. [17]Vgl. dazu David McLellan, Utopian Pessimist. The Life and Thought of Simone Weil, Poseidon Press: New York 1990, 76-78.
Marx
stelle den Mechanismus der kapitalistischen Unterdrückung so gut dar,
„dass man sich nur mit Mühe vorstellt, wie dieser Mechanismus je zu
funktionieren aufhören könnte“ (Unterdrückung und Freiheit 154).
Man müsse folglich annehmen, dass seine Revolutionshoffnung andere
Wurzeln aufweise. Die Technik- und Fortschrittsgläubigkeit seiner
Zeit habe es Marx ermöglicht, seine humanistischen Ideale mit seinem
Materialismus zu versöhnen. [18]Sandherr,
in: FZPhTh 47 (2000) 412. [19]Vgl.
Robert Chevanier, Esquisse d'un tableau historique des limites idéales
du progrès humain, in: Cahiers Simone Weil XXI (1998) 31-47 sowie die
zwei oben erwähnten Artikel von Sandherr. [20]Vgl.
Simone Weil, Reflexionen über die Ursachen der Freiheit und der
sozialen Unterdrückung, in: Dies., Unterdrückung und Freiheit.
Politische Schriften. Aus dem Französischen übersetzt und mit einem
Vorwort von Heinz Abosch, Rogner&Bernhard: München ²1987, 224. [21]Simone
Weil, Cahiers. Aufzeichnungen. Erster Band. Herausgegeben und übersetzt
von Elisabeth Edl und Wolfgang Matz, Carl Hanser Verlag: München-Wien
1992, 72f. [22]Vgl.
Simone Weil, Leçons de philosophie (Roanne 1933-1934). Transcrites et
présentées par Anne Reynaud-Guérithault, Plon: Paris ²1989, 75. [23]Siân Reynolds, Simone Weil and Women Workers in the 1930s, in: Cahiers Simone Weil XIX (1996) 97-113, 101. [24]Ihr
Entscheid löste im Kreise ihrer Freundinnen und Freunden, die den
Sinn des Experiments bezweifelten, Diskussionen
aus. Vgl. dazu
Albertine Thévenon im Vorwort zum Fabriktagebuch, 20. [25]Brief an eine Schülerin, in: Fabriktagebuch 34. Vgl. die Einschätzung von Robert Coles: „I do not think Simone Weil intended her factory work to be a political statement per se - the intellectual who renounces her class position in favor of the hardships of another, class-connected situation. Factory work, for her, was a means of exploring an aspect of French life then very much at the center of a political battle. She wanted to take a firsthand look so she could influence the outcome of the battle. She recognized that her experience was that of a temporary outsider, in a given situation voluntarily and briefly“ (Coles 82f.). [26]Barbara
Rohr, Verwurzelt im Ortlosen. Einblicke in Leben und Werk von Simone
Weil, LIT Verlag: Münster 2000, 47. [27]Brief
an Albertine Thévenon, in: Fabriktagebuch 25. [28]SPI 118. [29]Vgl. Reynolds 100. [30]Vgl.
Brief
an eine Schülerin, in: Fabriktagebuch 33. [31]Ebd.
32 [32]Fabriktagebuch
47. [33]OC
II 2, 200. [34]Brief
an eine Schülerin, in: Fabriktagebuch 33. [35]Fabriktagebuch
84. [36]Ebd.
47. [37]Vgl.
Simone Pétrement, La vie de Simone Weil II (1934-1943). Avec des
lettres et d'autres textes inédits de Simone Weil, Fayard: Paris
1973, 43f. [38]Fabriktagebuch
52. [39]Vgl.
folgende Episode auf der Arbeitssuche: „Den ganzen Vormittag ein
ungewöhnlich freies, zwangloses Gespräch zu dritt auf einer Stufe
oberhalb der Existenznöte, die die beherrschende Sorge der Sklaven,
vor allem der Frauen, bilden. Welch eine Wohltat nach Alsthom! [...]
Vollständige Kameradschaft, zum ersten Mal in meinem Leben. Keine
Schranke, weder Klassenunterschied (da er beseitigt ist) noch
Geschlechtsunterschied. Wundervoll.“ (Fabriktagebuch 93f.) [40]Vgl.
Reynolds 104. [41]Die
Verachtung der Männer wird von Weil im Tagebuch explizit festgehalten:
„Geschlechtertrennung, Verachtung der Frauen durch die Männer, Zurückhaltung
der Frauen den Männern gegenüber (ungeachtet des Austauschs obszöner
Spässe)“ (Fabriktagebuch 98). [42]Vgl.
Brief an Albertine Thévenon, Fabriktagebuch 26. Die folgende Aussage
von Dorothee Beyer ist - angesichts der
klaren Texte - überraschend undifferenziert: „Sie macht zunächst
die Erfahrung des Neides und des Egoismus unter den Arbeitern, später
auch die der Solidarität.“ (Dorothee Beyer, Simone Weil. Philosophin
- Gewerkschafterin - Mystikerin, Matthias-Grünewald-Verlag: Mainz
1994, 55) Beyer blendet sowohl die Frauen als Subjekte des Neides und
des Egoismus wie das strukturelle Moment aus. [43]Fabriktagebuch
46. [44]Vgl.
Brief an Albertine
Thévenon, in: Fabriktagebuch 30. [45]Brief
an Auguste Detoeuf, in: Fabriktagebuch 198. [46]Ebd. [47]Fabriktagebuch
126. [48]Brief
an Albertine Thévenon, in: Fabriktagebuch 24. [49]Ebd.
30. [50]Vgl.
Brief an Auguste Detoeuf, in: Fabriktagebuch 197. [51]Fabriktagebuch
121. Vgl. Anne Roche, Introduction, in: OC II 2, 159. [52]Vgl.
Simone Weil, Attente de Dieu. Introduction et notes de J.-M. Perrin
OP, La Colombe: Paris 1950, 126. [53]Fabriktagebuch
121. [54]Simone
Weil, Fragmente, in: Fabriktagebuch 138. [55]Fabriktagebuch
90. [56]Vgl.
Anne Roche in der Einleitung: „On croit toujours qu'il y a un impensé
du corps chez Simone Weil, et c'est en partie vrai, mais, dans le Journal
d'usine, on ne peut jamais oublier la présence d'un corps
souffrant. [...] Ce corps souffrant n'est pas néanmoins prisonnier de
sa souffrance. Il reste capable d'observer la souffrance des autres,
et ses causes“ (OC II 2, 159). [57]Die
Verbindung von eigener Erfahrung und der Kategorie des Unglücks wird
von Moulakis festgehalten, das Frausein Weils blendet er jedoch aus,
wenn er schreibt: „Das Leiden, malheur, ist physischer Schmerz, Bedrängnis der Seele und soziale
Degradation zugleich: alle drei nach Simone Weils Erfahrung
konstitutive Momente der Existenz des Fabrikarbeiters.“
(Athanasios Moulakis, Simone Weil. Die Politik der Askese, Klett: Stuttgart 1981, 127.
Hervorhebung von A.B.S.)
Es ist nicht meine
Absicht, Simone Weil zur Feministin
zu erklären - dies wäre anachronistisch. Die Spuren feministischen
Bewusstseins im Fabriktagebuch - das Geschlecht wird in neuer Weise
thematisiert und die Mechanismen der Unterdrückung benannt - sollten
jedoch wahrgenommen werden. Simone Weil gegen
den Feminismus auszuspielen, wie Dorothee Beyer es tut, scheint mir in
vielfacher Hinsicht ungerechtfertigt. Beyer hält fest, dass für
Simone Weil „vor allem die Frauen die Klasse der Unterdrückten,
Gedemütigten und Entwürdigten darstellen“, beruft sich dann aber
auf Weils Erfahrung vollkommener Kameradschaft im Gespräch mit zwei
Arbeitern (vgl. oben Anm. 41: „weder Klassenunterschied [...] noch
Geschlechtsunterschied“), um festzustellen: „Zugleich zeigt das
Zitat auch, warum Simones Interesse nicht nur den Arbeiterinnen,
sondern der ganzen Arbeiterklasse gilt und warum sie sich nicht als
Feministin versteht. Sie lehnt es ab, ihre Aufmerksamkeit aufzuspalten,
sie will sich für alle Benachteiligten einsetzen. Ein früher Zug zur
Universalität wird sichtbar, ebenso wie ein frühes Bemühen um
Einheit, um Synthese. Sie sucht Gegensätze jeder Art zu überwinden,
sowohl Klassengegensätze als auch geschlechtsspezifische Unterschiede.
Man kann vermuten, dass Simone sich nicht der feministischen Bewegung
angeschlossen hat, um nicht nur für einen Teil der Unterdrückung zu
kämpfen.“ (Beyer,
Simone Weil, 58f.) Es stellt sich die Frage, ob es sich hier wirklich um ein Votum zu Simone
Weil oder eher um ein Votum Beyers gegen den Feminismus handelt. Als
störend empfinde ich in diesem Zusammenhang auch, dass Dorothee Beyer
Simone Weil allein mit ihrem Vornamen anführt. Damit wird hier einmal
mehr de-sexualisiert und das Frausein der Philosophin ausgeblendet.
Indem die erwachsene Frau zum unmündigen Mädchen gemacht wird,
schafft Beyer zudem eine eigenartige Nähe. Die Leserin und der Leser
wird der Philosophin gegenüber in ein hierarchisches Verhältnis gedrängt.
[58]Reynolds
105. [59]Brief
an einen Ingenieur-Betriebsleiter, in: Fabriktagebuch 165. [60]Vgl.
Reynolds 108 mit Hinweis auf den frankophonen Raum. Beispiele lassen
sich jedoch auch für die deutschsprachige Rezeption finden, so etwa
die ansonsten empfehlenswerte Einführung von Wimmer, die den Artikel
kurz erwähnt. (Vgl. Reiner Wimmer, Simone Weil, in: Ders., Vier jüdische
Philosophinnen, Attempto: Tübingen 1990, 97-168, 132) Der während dem Krieg publizierte Artikel Expérience de la vie d'usine wurde von den Herausgebern der Zeitschrift Économie et humanisme als Arbeit eines jungen Intellektuellen präsentiert. (Vgl. Reynolds 111) [61]Reynolds 106. [62]Siân
Reynolds zitiert Sylvie Zerner ('die Frau war wirklich die Zukunft des
Mannes'), in: Reynolds 111. |
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