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Roland
Faber „Insistenz“. Zum
„Nicht-Sein“ Gottes bei Levinas, Deleuze und Whitehead Die
ontologische Rede von Gott ist nach wie vor ein signifikantes,
wenngleich umstrittenes Moment religionsphilosophischer Diskussion –
man denke an die Bedeutung, die die Beschäftigung mit dem ontologischen
Argument Anselms v. Canterbury in Charles Hartshornes
Werk einnimmt.[1]
Seit Feuerbachs Projektionsvorwurf, Nietzsches Bestreitung der „Existenz“
Gottes[2]
und Kants Dekonstruktion ontologischer Gottesrede in seiner ersten
Kritik wird theologische Rede genötigt, über eine Ent-Ontologisierung
des Gottesbegriffs nachzudenken. Dennoch steht auch noch hinter Hans Küngs
Frage „Existiert Gott?“
die Hoffnung auf den ontologischen Horizont der Gottesrede. Aus weiteren
sprachkritischen, psychoanalytischen und dekonstruktivistischen Gründen[3]
streben Denker wie Deleuze und Levinas prinzipiell nach einer Überwindung
ontischer/ontologischer Sprache des „Existierens“ oder des „Seins“
durch ein Neubedenken ethischer
oder ästhetischer Realität. Welcher Art also ist die „Realität“
Gottes? - so fragen wir im Hinblick auf Levinas’, Deleuzes und
Whiteheads Gottesbegriff. Die „Realität“ Gottes – das ist der
erste Teil der These – bezeichnet keine ontologische Realität der ‚Existenz’,
sondern vielmehr eine ästhetische
Realität des „Nicht-Seins“.
Diese wird aber – so der andere Teil der These – wird adäquat als expressive
Realität der ‚Insistenz’ ausgedrückt. 1. Levinas: Alterität und Transzendenz
In
seinen beiden Hauptwerken Totalité
et infini (1961) und Autrement
qu’être ou au-delà de l’essence (1974)[4]
entwickelt Levinas eine Konzeption von ‘Alterität’: die Vorstellung
des ‘Anderen’, die nicht mehr im Zirkel der Interpretation eines
Subjekts erfaßt werden kann.[5] Angesichts des ’Anderen’ heißt ‘Subjektivität’
nicht mehr ein ‘Bei-sich-Sein’ des Selbstbewußtseins, sondern ‘Ek-sistenz
wagen’ und ‘Sich-Verlassen’[6].
In der Kritik an Heideggers
Seinsdenken[7]
erschließt Levinas die fundamentale Bedeutung des ‘Anderen’ als
das, was durch kein Subjekt reflektiert und durch keine Vernunft
erschlossen werden kann.[8]
Die Reflexion des Subjekts wäre schon eine „Reduktion
des Anderen auf dasselbe“, eine ‘Zusammenfassung’ des Anderen
unter dem Begriff des ‘Seins’. Dadurch würde der Anspruch des
‘Anderen’ zum Verschwinden gebracht.
Für Levinas steht Alterität gegen Ontologie: Alterität setzt
Ontologie als ‘Egologie’[9]
außer Kraft, denn nur aus „Entsetzen
vor dem Anderen, das Anderes bleibt“, ist Philosophie „wesentlich Philosophie des Seins. . .“[10]
Im Unterschied zu Heideggers
„es gibt Sein“[11], das das Andere im ‘Dasein’ und ‘Mitsein’
vereinnahmt,[12]
entwickelt Levinas seine Konzeption eines anonymen Existierens, des il
y a[13].
Noch vor jedem Denken, Bewußtsein oder anderer Formen des
Vereinnahmens „gibt es“ das ‘Andere’. Wie
- so fragt Levinas sich aber - gibt sich das Andere zu erkennen, ohne sein Anderssein zu verlieren?[14]
In einer ‘Phänomenologie der Alterität’[15]
beschreibt Levinas solche Formen, die ‘Dasein’, ‘Mitsein’ und
ein gemeinsames ‘In-der-Welt-Sein’[16]
sprengen und das ‘Andere als
Anderes’ erschließen, nämlich extreme Phänomene wie
Zeit und Tod[17]
oder das Ende der Ichhaftigkeit[18].
Hier begegnet das ‘Andere’ nicht in der ‘egoistischen Spontaneität’[19]
eines Subjekts, sondern im Durchbrechen
des ‘Selbst’ durch das ‘Andere’. Jetzt konstituiert das
‘Andere’ das ‘Selbst’ in einem ethischen
Ruf, noch bevor es das ‘Andere’ zu ergreifen in der Lage wäre. Nun erscheint
das ‘Andere’ vor dem ‘Sein’ – ein Prozeß, den Levinas jouissance
nennt.[20]
Danach begegnet das ‘Andere’
nie als solches, sondern nur
in seinem ‘Vorübergang’.[21]
Es ist le visage[22],
das wir nicht be-greifen,
sondern das in uns eintritt.[23]
Im Eintreten entzieht sich das ‘Andere’ aber und ist uns enigma.[24]
Dieses ‘Enigma’ „ist die
Transzendenz selbst, die Nähe des Anderen als eines Anderen. . .Das Rätsel
ist die Weise des Absoluten; das Absolute ist der Erkenntnis fremd“[25].
In dem äußerst komplexen Autrement
qu’être ou au-delà de l’essence begreift Levinas (in der Reaktion auf Derrida[26])
Alterität als autrement qu’être
– „anders als Sein“ – , also nicht bloß als ‘ein
anderes Sein’, sondern ‘das Andere
des Seins’.[27]
Und so bricht Levinas die Souveränität des Kantschen transzendentalen
Ego und führt es zurück auf etwas ‘Prä-originales’,
‘Prä-phänomenologisches’[28].
Das ‘Subjekt’ ist nicht mehr prä-existent zum ‘Anderen’,
sondern „existiert“ nur durch
den Anspruch des Anderen.[29]
Das ‘Ich’ hat keinen privilegierten Ort des ‘Selbstseins’,
sondern ist bereits ‘de-poniert’ (dé-position)
und ‘de-situiert’, also durch das ‘Andere’ konstituiert.[30]
‘Subjektivität’ eignet weder Bewußtsein noch Selbstbesitz (‘zu
Hause bei sich selbst’[31]);
sie existiert nur im Sich-Verlassen.[32] In
seiner Ontologiekritik zeigt Levinas eine erstaunliche Verwandtschaft zu
Whiteheads Ereignistheorie.[33]
Dazu vier Momente: (i) Das ‘Andere’ erscheint
diachron; es begegnet nicht als simple Gegenwart, sondern als
Vergangenheit oder als Zukunft.[34]
Dennoch ist diese Beziehung zum Anderen des Ereignisses reale innere Natur (cf. PR 41).[35]
(ii) Das ‘Andere’ erschließt sich nur als Fremdes, das nicht
assimiliert werden kann.[36]
Ereignisse in der relativen
Gegenwart als auch als Vergangene
und Gestorbene und Gewesene bleiben immer Fremde, deren Anwesenheit nur geahnt werden
kann.[37]
(iii) Das Subjekt steht immer schon unter dem Anspruch des Anderen,
bevor es sich (freiwillig) selbst in diesen Anspruch begeben könnte.
Das ‘Andere’ vergegenwärtigt sich im Subjekt, noch bevor das
Subjekt existiert.[38]
(iv) Das ‘Andere’ begegnet als Spur, als Rätsel (als ob der Weg
hinter ihm weggewischt würde). Dennoch läßt sich sein Antlitz anrühren.
Das ‘Andere’ zeigt sich im Erfahren des ‘Vorübergegangenen’;
es entzieht sich als Vergangenheit oder Zukunft prinzipiell einer
Besitzverfügung. Im
Kontext von Levinas’ Ent-Ontologisierung der Realität als ‘Ethik’[39],
‘Metaphysik’[40] und Alteritätsdenken
meint Gottes ‘Alterität’
nicht ein ontologisch ‘absolut anders’ oder ‘anders par
excellence’, sondern ‘anders als anders’ (autre qu’autrui), ‘anders auf andere Weise’ (autre autrement), ‘anders durch Alterität vor jeder Alterität
des Anderen’ (autre d’altérité
préalable à l’altérité d’autrui).[41]
Diese prä-ontologische und prä-ethische
Alterität Gottes nennt Levinas ‘Illeität’[42].
Die wohl stärkste Formulierung solcher Alterität Gottes bei
Whitehead findet sich in PR 349, in der er den Prozeß Gottes als in allem konvers zum Weltprozeß versteht.[43]
2. Deleuze: Neuheit und Immanenz
In
seiner Wahrnehmungsanalyse in Differenz
und Wiederholung zeigt Deleuze, daß das, was uns zu denken zwingt,
sich ursprünglich nicht ‘im
Denken’ zeigt, sondern in einem ‘Widerfahrnis’
von Kräften, die sich nur dem Fühlen eines ‘affektiven Tones’ erschließen (es kann nur gespürt werden) (DW 182). In The
Logic of Sense entwickelt Deleuze diese Unterscheidung im Anschluß
an Platons Republic weiter (LS
15 f – 1. Paradox): Für Platon gibt es auf der einen Seite das, was der Erkenntnis zugänglich ist, weil es im harmonischen Gebrauch aller
unserer Vermögen (Fakultäten) gewonnen wird – es entspricht dem common
sense. Der Rekognition sind ontologische Aussagen möglich wie „Das
ist ein Finger“. Andererseits
zeigt sich jene Realität, die uns eigentlich zu denken anregt nur,
insofern sie unsere Fähigkeiten irritiert
und unser Denken perplex macht – nur als ‘Zeichen’. Sie kann nicht
als abstrakte Qualität erkannt,
ihr kann nur als konkreter
Intensität begegnet werden.[46]
Intensitäten, die zum Denken anregen, sich aber unserer Beobachtung/Wahrnahme/Begreifen/Denken
entziehen, bilden eine ontologisch nicht mehr aussagbare ästhetische
Realität. In
Die Logik des Sinns etabliert
Deleuze die ästhetische Realität als ein „Zwischen“ der Dinge und
der Sprache, nämlich als Dimension des Ausdrucks
(Expression), als Ebene des Sinns
oder als
reines Ereignis: ‘Ausdruck’/’Sinn’/’Ereignis’ – sie
sind mit keiner anderen Dimension der Dinge und der Sprache identisch:
Sie „designieren“ nicht ontische Objekte; sie „manifestieren“
kein Subjekt (‘Ich’); sie „signifizieren“ keine Begriffe (LS
3.-5. Serie). Diese Momente „sind“ immer nur im
‘Sinn’. ‘Sinn’ ist das Medium, von dem die anderen Dimensionen
erst erwachsen (LS 34): Daher richtet sich die Realität des Sinns/des
reinen Ereignisses/des Ausdrucks weder auf Tatsachen (ontische/ontologische
Sprache) noch auf Subjekte (Subjektsprache), aber auch nicht auf
Wahrheitsbedingungen (Begriffssprache).[47]
Deleuze formuliert diese ästhetische
Realität erstens als jene
Dimension der Dingzustände,
der kein Sein zukommt – als „nicht-existente Entität“ (LS 13),
„Extra-sein“ (LS 22, 41) (nach Meinong)[48]
oder „?-sein“ (LS 152) und zweitens
als Dimension der Sprache, die
nichts angibt, das existiert – sondern
als das, was „insistiert“ oder „subsistiert“ (LS 40-41). Interessant
ist nun nicht nur, daß Deleuze von einer ästhetischen Realität von
‘Ereignissen’ spricht (Deleuze hat hier sein eigenes Projekt, das
sich nicht mit dem Whiteheads deckt).[49]
Interessant ist mehr noch, daß auch er – so wie Whitehead – dies zu
einem Moment einer Kosmologie
macht.[50]
‘Ereignisse’ bei Deleuze bezeichnen komplexe Entitäten, die sowohl
auf Dinge als auch auf Sprache verweisen, aber einen kosmologischen
Raum formen, in dem Ereignisse in Dingzustände, Intensitäten in
Extensitäten übergehen können. Diesen Raum ‘virtueller Ereignisse’,
diesen nicht-existierenden Horizont reiner Ereignisse, dieses „Worin“
bezeichnet Deleuze mit spatium[51], als formlosen und offenen „Ungrund“, in dem
Intensitäten ‘eingefaltet’ sind und sich zu Extensitäten, zu
‘Raum/Zeitgestalten‘, in extensio
‘ausfalten’ (DR 310).[52]
Wiederum
zeigt sich eine hohe Affinität zwischen Deleuzes’ Denken in Intensität/Ausdruck/Sinn/reinen
Ereignissen und Whiteheads Ereignistheorie, die Deleuze in The Fold ausdrücklich bedenkt.[53]
Dazu zwei Momente: (i) Der Verweis
auf das Denkbare/das Ontologische/das Wahre wird der ‘Intensität’
der Ereignisse untergeordnet: Interesse, nicht Wahrheit ist die primäre
Funktion von realitätsbezogenen Propositionen (PR 259). Der Wert von
Theorien[54]
erschließt sich für Whitehead als „a
lure for feeling, thereby providing immediacy of enjoyment“ (PR
184) oder Intensität. Und
schließlich besteht die Funktion intellektueller Fühlungen darin, „to
heighten the emotional intensity“ (PR 273). (ii) Ebenso wie
Deleuzes’ ‘Sinn’/’spatium’[55]
bezeichnet Whiteheads ‘Kreativität’ ein
Moment der Sprache der Intensität – ein ‘Extra-Sein’. Nicht existiert
Kreativität, sondern sie insistiert.[56]
Von
entscheidender Bedeutung ist aber folgendes: Deleuze nützt seine
Ereignistheorie, um Bedingungen für
Neuheit in der Welt zu formulieren. Die Intensitäten und Zeichen,
die uns zu denken zwingen, aber zugleich unser Denken verwirren, können
in keinen Denkkategorien und schon gar nicht a
priori erfaßt werden. Sie stehen in einer Art ‘transzendentalem
Feld’, einem Feld von Kräften, das das Denken affiziert.[57]
Das Empirische selbst
avanciert bei Deleuze zur transzendentalen Bedingung von Begriffen überhaupt.[58]
Das aber bedeutet: Im konkreten unvorhersehbaren und durch keine
Apriori-Kategorien bestimmbaren Zusammenkommen der Kräfte ereignet sich
Neuheit. Deleuze nennt dieses konkrete Neue, das in keiner
Abstraktion (von Regeln oder Kategorien) vorherbestimmt ist, „’das
Ereignis’ der Aktualität“ (LS 19-28,29-42,76-82).[59]
In größtmöglicher Annäherung wird man Whiteheads ontologisches
Prinzip, wonach allein Ereignisse „Gründe“ sein können,
wiedererkennen: abstrakte Bedingungen, Kategorien oder Regeln kommen dem
Geschehen der Neuheit, dem kreativen Ereignis gegenüber immer schon zu
spät. 3. Whitehead: Die „Kritik des reinen Fühlens“
Die
Bedeutung der Whiteheadschen ‘Kritik
des reinen Fühlens’ (im Kontext der Kantschen Kritiken) für die
Frage nach der „Realität“ Gottes kann – durch die Reflexionen auf
Levinas und Deleuze geschärft – mit drei Momenten gekennzeichnet
werden: ‘Alterität’, ‘Neuheit’
und – am Schnittpunkt beider – ‘Abenteuer’. (1)
Alterität: Wie Kant rechnet
auch Levinas[60]
mit der Unmöglichkeit einer theoretischen/ontologischen Gottessprache.
Aber gegen Begrenzung der Gottessprache auf ein ethisches Postulat der
Verantwortung leistet Levinas’
‘Ethik-Metaphysik’ eine Überwindung von Kants zweiter Kritik:
Postulate praktischer Vernunft seien nämlich nichts anderes als ein
ontologischer Rest. Das ‘Andere’ „gibt es“ (il
y a) nur vor jeder Ver-antwortung als den Ruf in das Eigenste des
Subjekts; es ist ‘prä-original’. Whitehead
ersetzt alle Kantschen Kritiken
durch seine ästhetische
Kritik: Wird aber Ästhetik zum neuen Fundament transzendentaler Kritik,
so verschiebt sich die „Realitätsebene“ der Gottessprache neuerlich:
Weder ist Gott eine Begriffsbildung der theoria
(Ontologie) noch der praxis (Ethik),
weder Tatsache noch regulative Idee.[61] In Whiteheads Ent-Ontologisierung kann Gott weder als
‘Existentes’ (oder logisch aufweisbares Prinzip) erfaßt werden –
das wäre der „ontologische Irrtum“ – noch als ‚ethischer
Imperativ’ (Kant) – das wäre der „ethische Irrtum“. In
Whiteheads ästhetischer Kritik
meint Gott jene Alterität, die sich nur jenseits jeder Vereinnahmung
von Subjekt und Sein als ästetischer Sinn
erschließt (cf. PR 27, CatOblg viii).[62] (2)
Neuheit: Auch Deleuze[63]
sucht wie Whitehead in seiner Kritik der Kantschen Kritiken zu einem
ästhetischen Denken zu finden,
indem er ‘Transzendentale Ästhetik’
und dritte Kritik zu einer neuen Einheit fügt, von der aus das ganze
kritische Projekt Kants neu zu lesen wäre.[64]
Er richtet den Vorwurf an Kant,
er habe in allen drei Kritiken der harmonischen Erkenntnis
den Vorrang vor dem perplexen Fühlen
von Intensitäten gegeben.[65]
Im Begegnen von Intensitäten aber bilden konkrete
Geschehenszusammenhänge die transzendentale
Bedingung für die Regeln ihrer Erkenntnis; deswegen kann Neuheit
gedacht werden. Whiteheads
‘Kritik des reinen Fühlens’ steht
an der Stelle von Kants
Kritiken. Ihre Absicht ist damit – so paradox es klingen mag – eine transzendentale. Kants Formulierung von der „reinen Vernunft“ intendiert ja die Frage nach ‘transzendentalen Kategorien von Erfahrung’. Nun ist bekannt, daß
Whitehead sich mit seiner Kritik gerade gegen die Kantsche Isolierung
von Erfahrung und Denken gerichtet hat. Nicht könne man transzendentale
Bedingungen der Möglichkeit jeder
Erfahrung ausmachen. Diese Form des Subjektivismus, der sein Objekt nach
vorgegebenen und zugleich entzogenen Formen konstruiert, lehnt Whitehead
ab (PR xiii, VII. „habit
of thought“). Dennoch kennt auch Whitehead
transzendentale Kategorien, aber als Kategorien des Fühlens. Solche Kategorien haben – wie Hans
Poser einst herausstellte[66]
– immer hypothetischen Charakter, der sich auf die tatsächlichen Vorgänge
des Fühlens bezieht und keine a
priori unveränderliche Struktur darstellt. Die Kategorien
des ‘reinen Fühlens’ sind nämlich transzendentale
Bedingungen der kreativen Selbstkonstitution von Ereignissen[67],
nicht apriorische Bedingungen der Form von Erfahrungen von Dingen. Sie
bezeichnen kreative Bedingungen konkretisierender
Fühlungen, i.e. sie entstehen und verändern sich mit dem Fluß der
Ereignisse. Sie folgen dem ontologischen
Prinzip, nach dem Kategorien immer Abstraktionen aus dem konkreten
Ereignisfluß darstellen.[68] Deleuze rezipiert Whiteheads ‘Kritik des Fühlens’
in Differenz und Wiederholung daher nicht als Bedingungen möglicher
Erfahrung, sondern als „Bedingungen realer Erfahrung“ (DR 285).
Gerade deshalb aber formuliert sie die Bedingungen kreativer
Neuheit eines Prozesses, deren Regeln a
posteriori vom konkreten Prozeß abstrahiert sind.[69] (3)
Abenteuer: Am Schnittpunkt von
‘Alterität’ und ‘Neuheit’ wird dem Erfahrungsprozeß und seiner
reflexiven Erfassung jene ursprüngliche Wildheit zurückgegeben, jenes
Abenteuer, in dem sich die Realität des Weltprozesses jenseits
rationaler Beengungen vollzieht. Die „Befreiung zum Abenteuer“
findet bei Deleuze wie auch bei Whitehead in
einer Art „zweiter
kopernikanischer Wende“ statt, i.e. in einer Überwindung der
Kantschen Kritiken. Diese hat zwei Seiten – eine
erkenntnistheoretische und eine subjektbezogene: (a)
Erkenntnistheoretisch – in
der Aufhebung von Kants Reduktion auf die Analyse der „höheren
Erkenntnisvermögen“ (recognition)
und der Aufdeckung eines ursprünglicheren „niederen Erkenntnisvermögens“
(feeling).[70]
Whitehead ersetzt die abstrakten „Gegenstände“ des Denkens durch
konkrete Prehensionsprozesse. In der Selbstkonstitution ästhetischer
Realitäten hat die kausale Kraft des Fühlens Vorrang vor der klaren
Erkenntnis abstrakter Ideen. Ursprünglich „begreift“
der Erfahrungsprozeß nicht Formen von Universalien, sondern er „fühlt“
Singularitäten (PR 230)[71]
oder Intensitäten (PR 244;
cf. PR 27, VIII. Kategorische Obligation). Bei Levinas ist das Andere
der Erkenntnis immer schon entzogen: Es kommt nur als das
Fremde, als das Antlitz
im Vorübergang in die Erfahrung. Für Deleuze wiederum ist das zum Denken Drängende nicht das in unserer
Erkenntnis Beherrschte, sondern das, was von
sich her begegnet (encounter), Kräfte, Intensitäten, Sensationen.
Folgerichtig wird das Unbewußte
bei Deleuze zum primären Ort von Erfahrung/Erkenntnis/Denken.[72]
Ästhetische Realität kann nicht ‘repräsentiert’ werden,[73]
sondern nur ‘bezeichnet’[74]. (b)
Subjektbezogen – in der
Ablehnung irgendeines schlicht „Gegebenen“[75]
und damit Sprengung des transzendentalen Subjekts. Dem Aufbrechen des
glatten ontologischen „Objektes“ der Erkenntnis in den Fluß der
Intensitäten entspricht die Aufhebung eines „transzendentalen
Subjekts“ des Prozesses. Im Fluß der Fühlungen konstituiert sich
Subjektivität bei Whitehead immer als Relation
zwischen Ereignissen. Subjektivität erscheint in Whiteheads Kritik
des reinen Fühlens nicht mehr als Voraussetzung eines generischen
Prozesses (aimed at), sondern
als ihr Ergebnis (aim at) (PR
222). Für Levinas stellt transzendentale Subjektivität immer eine
Egologie der Vereinnahmung des Anderen (unter ein gemeinsames Sein) dar.
Befreiung bringt nur ein Neuansatz bei einem Konzept von Subjektivität
als ex-sistere, als ein
radikales Sich-Verlassen.[76]
Für Deleuze wiederum
erscheint transzendentale Subjektivität nur als Repression der Welt der
Intensitäten.[77]
Befreiung verheißt nur die Aufgabe des ‘seßhaften Subjektes’ in
seiner Identität zugunsten einer ‘nomadischen
Singularität’ in ihrer anarchischen Pluralität[78]
und kreativen Offenheit für immer neue Konstellationen.[79]
4. Gottes „Insistenz“ und das „Abenteuer der Expression“ Whiteheads
‘Kritik des reinen Fühlens’ formuliert
eine Ent-Ontologisierung von
Realität und formuliert damit eine genuine Position des „Nicht-Seins“
Gottes. Dabei hält er irgendwie die Balance zwischen Levinas’
Alteritätsdenken und Deleuzes’
Immanenzdenken: Levinas entspricht
einer Ereignistheorie ohne die Immanenz der Whiteheadschen ‘Kreativität’,
Deleuze einer Ereignistheorie ohne die Alterität seiner Gottessprache.
Beide Modelle führen daher zu Einseitigkeiten. Whiteheads
Verbindung von ‘Kreativität’ und ‘Gott’ andererseits
schafft den Raum für ein spezifisches Verständnis ent-ontologisierter
Realität als expressiver
Realität: Das „Nicht-Sein“ Gottes steht in einer Gegenbewegung von
zwei Elementen, deren Balance entscheidend ist; wird eines der beiden
zugunsten des anderen aufgegeben oder von ihm absorbiert, dann wird „Nicht-Sein“
zugunsten von „Sein“ oder „Nichts“ aufgegeben: Wird nämlich ästhetische
Realität ohne Gott gedacht, so verschwindet das Moment der Alterität.
Wird ästhetische Realität hingegen ohne die Immanenz der Kreativität
gedacht, so verliert sie ihren Charakter der Neuheit.
Ästhetische Sprache als Sprache
reiner Immanenz kennt zwar Neuheit, kann aber letztlich keinen Grund
dafür angeben. Wird ästhetische Realität ohne ‘Kreativität’
gedacht, so verschwindet das Moment der Immanenz: Ästhetische Sprache
als Sprache reiner Transzendenz kennt zwar Immanenz, kann aber keine
kreative Selbstkonstitution denken. Eine vollkommene Ent-Ontologisierung
des Gottesbegriffs in Richtung auf das „Nicht-Sein“ Gottes wird erst
in einem solchen expressiven
Gottesbegriff erreicht. Weder „ist“ Gott, noch „war“ er, noch
„wird er sein“, sondern Gottes Realität insistiert
„im Ausdruck“.[80]
In der Entfaltung von Alterität,
Neuheit und Abenteuer kann diese expressive Realität Gottes im Werk Whiteheads
demonstriert werden.[81] (1)
Insistenz als ‚expressive Neuheit’ – jenseits von Kategorien, Prinzipien und Entitäten: Gottes
eschatologische Realität erscheint jenseits von ‘Kategorien’, ‘Prinzipien’ und ‘Entitäten’.
Zwar behandelt Whitehead Gott als konkrete Entität im Gegenüber zu abstrakten Prinzipien[82]
und Kategorien[83]. Aber wenn
Whitehead die „Entität“ Gottes charakterisieren soll, so tut er
dies in einer Reihe paradoxer Negationen gegenüber
allen anderen (actual)
entities: Gott – die ‘non-derivative
entity’ (PR 32)[84];
Gott – nicht gemäß anderer
Entitäten[85], sondern in radikaler Umkehr von deren Prozessualität
(PR 349). Gerade diese Umkehr aber begründet – wie M.
Suchocki herausgearbeitet hat – Gott als Grund für Neuheit.[86]
L. Ford hat gezeigt, daß Gott
die ‘Kreativität der Zukunft’ ist, aus der heraus Welt entsteht: „God
is forever future“, sagt Ford
zu Recht, und deshalb „strictly
speaking, God cannot be properly characterized as an actual entity“.[87]
Gott bezeichnet einen prä-ontologischen Ereignis-Prozeß, der sich
immer in der Bewegung der
Expression befindet. Dies
hat eine entscheidende Konsequenz: In
der ‘expressiven Realität’ Gottes wird die Unterscheidung von
‘Gott’ und ‘Kreativität’ (L. Ford), von ‘Ultimate Reality’
und ‚Ultimate Actuality’ (J. Cobb) oder von ‘God’ and
‘Godhead’ (J. Bracken[88])
aufgehoben – aber nicht nur in eine statische Einheit hinein, sondern als eine Dynamik der Insistenz, die der Ursprung
aller Differenzen ist und nur
als solche Bewegung der Differenzierung insistiert. Dies ist Gottes ’Poetik’,
(PR 346), Gottes nicht-weltliche,
nicht-ontologische Weise des expressiven
Schöpfertums von Neuheit.[89]
(2)
Insistenz als ‘expressive Alterität’ – “the mode of
satisfaction deeper than joy and sorrow” (AI 172): Gott
wird in Whiteheads Werk auch als das Geschehen der Erlösung
(consequent nature) verstanden.
In Adventure of Ideas
bezeichnet Whitehead Erlösung als die Hoffnung auf einen „mode
of satisfaction deeper than joy and sorrow“ (AI 172). Solche „eschatologische
Satisfaktion“ zeigt aber wie kaum ein anderer Begriff Whiteheads die expressive
Alterität Gottes: (i) Solange ein Ereignis ‘wird’, ‘ist’
das Ereignis noch nicht;
‘ist’ es aber (geworden), 'ist’ es nicht
mehr (cf. AI 237). Es
gilt Whiteheads Diktum: ‘and
never really is’ (PR 82). (ii) Solange ein Subjekt
wird, ‘ist’ es noch nicht Subjekt; ist es vollendet, ist es kein
Subjekt mehr (cf. AI 237-238). Kein Subjekt kann seine eigene Erfüllung
(‘satisfaction’) erfahren (cf. PR 84).[90] ‘Subjekt-Werden’ bedeutet immer einen Prozeß des
Sich-Verlassens und der Nicht-Rückkehrbarkeit (cf. AI 296).[91]
(iii) Das vollendete Ereignis ist perfekt
– vollendet und vergangen (‘perished’). In seinem ‘Perfektsein’, jenseits
seiner Subjektivität, i.e. als
Vergangenes (‘not-being of
immediacy’, AI 237), wird ein Ereignis in Gott aufgenommen,
gerichtet und versöhnt. ‘Expressive
Gottesbegegnung’, d.h. die Insistenz
Gottes, geschieht jenseits des Selbst-Bleibens, jenseits seines
subjektiven (Selbst-)‘Genusses’[92],
immer in Selbst-Transzendierung.[93]
Whiteheads eschatologische Ereigniskonzeption strebte nie nach Identität,
sondern nach Intensität (cf.
PR 277). Der „satisfaction
deeper than joy and sorrow“ entspricht der Begriff des
eschatologischen ‘Friedens’ als die Überwindung
jeder Form von Selbst-Konzentration. Sein
‘Ziel’ liegt „beyond any
personal satisfaction“ (AI 288) oder ‘selfish happiness’ (AI 289).[94]
Nur in
einer ‘satisfaction’ jenseits von Persönlichkeit (wenngleich nie
ohne sie) wird ‘Person’ gott-fähig.[95] (3)
Insistenz als ‚expressives
Abenteuer“ – die gegenseitige Selbst-Transzendenz von Gott und Welt
(AI 295-296): In
seiner grandiosen Schlußvision von Adventures
of Ideas (AI 295 f) faßt Whitehead seinen eschatologischen
Gottesbegriff zusammen, indem er auf einen dreifaltigen Begriff der
Transzendenz verweist: „the feeling
essential for Adventure, Zest, and Peace“ (AI 295). ‘Abenteuer’ bezeichnet die
expressive Transzendenz gegenüber
aller Vergangenheit, Gottes Insistenz jedem status
quo
gegenüber (cf. AI 273-283). ‘Zest’
bezeichnet die expressive
Transzendenz der Gegenwart des Werdens, d.h. die Insistenz des
‘becoming’ als ‘self-forgetful transcendence’ (AI 296). ‘Peace’
schließlich bedeutet die expressive
Transzendenz jeder Zukunft – die Insistenz Gottes als Eschaton, als
soteriologische Sammlung. Für die Ereignisse verheißt diese „everlasting union with their transformed selves“ (PR 347) ihre
eschatologische Selbst-Aufgabe in Gott:[96]
„the ‘self’ has been lost“
(AI 285).[97]
Die
dreistufige Transzendenzstruktur des Weltprozesses integriert alle
Aspekte expressiver Realität Gottes in ein allumfassendes Abenteuer der
Insistenz: ‘Gott’ erscheint als Eros,
der Zukunft aus der expressiven
Realität Gottes heraus eröffnet;[98]
als ‘supreme adventure’,
als Garant der Unabschließbarkeit des adventure
der Welt; als ‘adventure in
the universe as one’, in dem sich die Welt sammelt. Welcher Art
also – so fragen wir am Ende nochmals nach Whiteheads Gottesbegriff
– ist die „Realität“ Gottes? In der Schlußvision von Adventures
of Ideas tritt als der
eschatologische Begriff Gottes ‘Harmony
of harmonies’ hervor. Er bezeichnet nach der bisherigen Analyse ästhetischer
Realität jene nicht-triviale expressive
Realität Gottes, in der Gott nicht existiert,
aber insistiert – nämlich
als „initial Eros“ und „final beauty“. Mit
der Wendung von der „Insistenz“ wird Gottessprache „jenseits von
Existenz“ möglich. Die Rede vom „Nicht-Sein“ Gottes wendet sich
kritisch gegen die Rede von reiner Immanenz (Deleuze) – wegen der Auflösung
der Gottessprache in Weltsprache – und von reiner Transzendenz (Levinas)
– Auflösung der Gottessprache in reine negative Theologie. Das „Nicht-Sein“
Gottes ist wegen der Balance zwischen „Sein“ und „Nichts“ als Expression
zu verstehen. Jenseits von Immanenz und Transzendenz, aber ihre
Differenz ermöglichend,
bedeutet „Nicht-Sein“ Gottes keine kategoriale Statik, sondern
erlaubt es, von einer Gottes-Bewegung
zu sprechen.[99]
Geborgt von Deleuzes Immanenzsprache und in Whiteheads Wendung einer prä-ontologischen
Ereignissprache erscheint Insistenz
daher als diejenige Gottes-Bewegung, als diejenige eschatologische Bewegung zumal, die unauflösbar ihre eigene
Berechtigung einfordert, nämlich durch ihre unauflösbare (ästhetische)
„Realität“ der Expressivität.[100]
Die expressive Sprache der Insistenz Gottes fordert keine „Substantialisierung“
der Gottessprache jenseits der Expression, d.h. Gott „ist“ auch
nicht jenseits der Bewegung
der Expression; dennoch verliert sich Gottessprache hier aber auch nicht
in ein reines Schweigen – sei es das der Transzendenz oder das des „Nichts“
–, in dem sich die Dynamik der Insistenz in eine Statik bloßer
Immanenz verwandeln würde.[101]
Die Rede vom „Nicht-Sein“ Gottes ermöglicht es uns also, jenseits
von der Frage nach der Existenz oder (Nicht-Existenz) Gottes von Gottes expressiver Insistenz in der Welt zu sprechen: Nicht „Gott
existiert“, sondern „Gott insistiert“.
Literatur: Badiou
A. (1994): „Gilles Deleuze, The
Fold: Leibniz and the Baroque,“ in: Boundas C. V./Olkowski D.
(Ed.) (1994): Gilles Deleuze and
the Theater of Philosophy, New York, 51-69 Balke
F./Vogl J. (1996), „Einleitung: Fluchtlinien der Philosophie,“ in:
Balke F./Vogl J. (Ed.) (1996): Gilles
Deleuze – Fluchtlinien der Philosophie, München, 5-25 Baugh
B. (1996): „Deleuze und der Empirismus,“ in: Balke F./Vogl J. (Ed.)
(1996): Gilles Deleuze – Fluchtlinien der Philosophie, München, 34-54 Bogue
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Kopenhagener Schule, München, 299-312 Anmerkungen
[1]
Cf. Hartshorne (1965) passim, der mit seiner ontologischen
Gottessprache die Whitehead-Rezeption über weite Strecken des 20.
Jahrhunderts beeinflußt hat. [2]
Cf. die Interpretation dieses Sachverhalts im Ersten Kapitel von
Vattimo (1997): Die „Existenz“ Gottes wird hier nicht einfach
bestritten, sondern das „Nicht-Sein“ Gottes bedeutet vielmehr
den Abschied von der Wahrheitsfrage überhaupt, die ein solches „Existieren“
als sinnvolle Aussage erscheinen lassen würde. [3]
Sprachkritisch: ‘Gott’
sei mehr Ausdruck von Allgemeinbegriffen (wie „die Welt“), also
Signifikant der Sprache, durch die das Subjekt des Sprechenden, der
Manifestor, konstituiert werden soll. Sie bedingen sich
wechselseitig und benötigen nicht a priori Sprachbezeichnungen oder Beziehungen zu „realen“
Objekten – Deleuze (1993). Psychoanalytisch:
‘Gott’ gehört der repressiven Realität des Über-Ich
an, wie Vater und Mutter; mit Hilfe seiner Repressionskraft wird das
Es kanalisiert und das Ich
stabilisiert (Deleuze, Anti-Oedipus). Dekonstruktivistisch:
‘Gott’ bedeutet eine begriffliche Vereinnahmung von
Differenz als Einheit, da, wo es keine Einheit gibt. Wo Differenz
als Differenz zu denken begonnen wird, da hört „Gott“ auf, ein
einheitsstiftender Name zu sein. [4]
Beide Werke sind durch eine Auseinandersetzung mit Levinas’ kritischem Leser, Derrida, getrennt. Und Levinas hat auf
Derridas Kritik mit seinem zweiten Hauptwerk reagiert; cf. zur
Darlegung der Differenzen dieser Werke und Levinas’ Entwicklungen
zwischen 1961 und 1974: Davis (1996) 63-74. [5]
Levinas’ Begriff des ‘Anderen’ geht auf die Schrift Le Même et l’autre von Vincent Descombe von 1933 zurück; cf.
Davis (1996) 3. [6]
Drischler (1996) 107. Levinas stellt sich gegen die abendländische
Tendenz zum reflexiven Bewußtsein, das „durch
alle Abenteuer hindurch. . .selber wieder. . .zu sich zurück[kehrt]
wie Odysseus, der bei allen Fahrten nur auf seine Geburtsinsel
zugeht“, Levinas (21987) 212. [7]
Cf. Levinas (1949). Cf. zu Levinas’ Heideggerkritik: Davis (1996)
7-33. [8]
Cf. Levinas (21987) 212. [9]
Levinas (21987) 189. [10]
Levinas (21987) 202. [11]
Aus dem ‘Anderssein’, das nicht unter den Begriff des
‘Seins’ subsumiert werden kann, ohne sein Anderssein zu
verlieren, mache Heidegger ein „Neutrum, das
die Gedanken und die Seienden ordnet“, Levinas (21987)
193. [12]
Heideggers ‘Dasein’
bleibe auch noch als ‘Mitsein’(!)
egologisch strukturiert und solipsistisch orientiert. Denn das
‘Andere’ werde als alter
ego mißdeutet, als ‘anderes Ich’, das so ist wie
ich. In diesem Falle aber wird es so erfaßt, daß es schon seines
Andersseins beraubt ist. Cf. Levinas (1978) 145. [13]
Der Sinn dieser Phrase ist äußerst schwer zu entziffern und hat
keine Konsistenz, die, ohne sich in Paradoxa zu verstricken, denkbar
wäre. Wichtig ist allerdings die Anonymität, ja Impersonalität
des il y a, vergleichbar mit Phrasen wie il pleut, „es regnet“. [14]
Cf. Levinas (1978) 10 & (1979) 26. [15]
Cf. Levinas (1979) 14. [16]
Cf. dazu die Analyse von Levinas’ Kritik der durchaus nicht
solipsistisch intendierten Ansätze von Husserl und Heidegger in
Davis (1996) 26-30. [17]
So in einer von Levinas’ jüngeren Vortagsreihen La Mort et le temps (1991). [18]
Cf. Levinas (1979) 59.62. [19]
Cf. Levinas (1961) 33. [20]
Cf. Levinas (1961) 112-119. [21]
Cf. Levinas (1961) 211. [22]
Im Englischen ist dies besser auszudrücken, nämlich mit dem
Wortspiel ‘the face’ und ‘to face’; cf. Davis (1996) 46. [23]
Cf. Levinas (21987) 221. [24]
Cf. Levinas (21987) 246. [25]
Levinas (21987) 254-255. [26]
So verliert das ‘Andere’ weitgehend an Bedeutung und wird
gemeinhin durch le prochain,
den ‘Nachbarn’, ersetzt; nicht das ‘Andere’ steht jetzt im
Mittelpunkt, sondern das ‘Subjekt’; in der Verwandlung
vertrauter Begriffe und ihrem Erscheinen in überraschenden
Bedeutungsvarianten erlangen Ausdrücke wie an-archique,
re-presentation, oder dia-chronie
an Bedeutung. Cf. zur Komplexität, ja Verworrenheit dieses Werks
auch Davis (1996) 71-72. Levinas beginnt sogar das fundamentale
ontologische Verb être (‘sein’)
neuerlich zu verwenden. Cf. Levinas (1974). [27]
Im philosophischen Diskurs allerdings wird ‘das Andere des Seins’
unwillkürlich in ein (ontologisches) ‘anderes Sein’ verwandelt,
sobald es als Objekt eines Diskurses erscheint (cf. Levinas [1974]
74). Dies hängt mit Levinas’ Unterscheidung von ‘Sagen’ (le
Dire) und ‘Gesagtem’ (le
Dit) zusammen (cf. die Analyse bei Davis [1996] 74-79): Das
‘Gesagte’ führt zur Ontologie; das ‘Sagen’ hingegen führt
zum ‘Anderen’ in einer ‘Signifizierung’ (cf. Levinas [1974]
81: „lui bailler signifiance“). [28]
Cf. Levinas (1974) 80: „c’est répondre d’autrui“. [29]
Cf. Levinas (1974) 82. [30]
Cf. Levinas (1974) 81. [31]
Cf. Levinas (1974) 83. [32]
Cf. Levinas (1974) 82. Diesen
Vorgang der Subjektivität nennt Levinas témoignage
(Zeugenschaft): im Zeugen des Anderen wird das ‘Selbst’ dem
‘Anderen’ selbstkonstituierend ‘ausgesetzt’; cf. Levinas
(1974) 223-238. [33]
„It is the vague grasp of
reality, dissecting it into a threefold scheme, namely, „The
Whole,“ „That Other,“ and „This-My-Self.“. . .The sense of
totality obscures the analysis into self and others.“ (MT 110). Cf.:
„Our enjoyment of actuality is a realization of worth, good or bad. It is
a value experience. Its basic expression is – Have a care, here is
something that matters!. . .Attention yields a three-fold character
in the „Something that matters.“ „Totality,“
„Externality,“ and „Internality“ are the primary
characterizations of „that which matters.“ (MT
116) [34]
Cf. Drischler (1996) 416. Auch in der Analyse des „Anderen“ bei
Deleuze besagt das „Andere“ präzise den Einbruch von Möglichkeiten
in die Identität von „Ich“ und „meiner Welt“. Die ganze
Wahrnehmungsstruktur ist daher auf diese Möglichkeiten - das Andere
in der Wahrnahme - ausgerichtet; cf. Deleuze, in: Logik des Sinns.
Cf. Levinas (1961) 64. [35]
Das ‘Andere’ realisiert dies in dreifacher Weise: (a) als
‘reale Potentialität’ des Vergangenen; (b) als ‘initial
aim’ der Ausgangspunkt für Subjektivität jenseits
ihrer selbst (cf. PR 244); und (c) in der Aktivität der
‘creativity’, die das Selbst-Werden trägt, ohne selbst
subjektiv zu sein. Inwiefern Levinas’ Verständnis des
‘Anderen’ gerade in diese Richtung zu erweitern sei, hat die
Kritik Ricoers an Levinas gezeigt, der einfordert - cf. Taureck (21997)
91 -, daß Andersheit auch Faktizität
einbegreife. Das trifft sehr genau Whiteheads Konstitution von
Ereignissen aus ihrer Welt, die das Vorübergegangene ist; das
Vergangene, das Gewordene und zugleich die Natur des Neuen. [36]
Whiteheads ‘eternal objects’ sind ja als Ingredienzien im Prozeß
zwar konkretisiert, ‘für sich’ (weil absolut leer, ohne eigenes
Sein) aber nicht erfaßbar; sie entziehen sich jeder partikulären
Verwirklichung in Ereignisse. Dies ist die Lehre von der
individuellen Essenz der ‘eternal objects’ in SMW 175.
Whiteheads Ausdruck für diese Nicht-Assimilierbarkeit der
‘eternal objects’ ist letztlich die Inkommensurabilität der
‘primordial nature’ Gottes, die die Wertung dieser Möglichkeiten
in Gottes Konkreszenz darstellt. [37]
Levinas’ Interpretation
dieses Geschehens kann als präzise Interpretation des
Whiteheadschen ‘becoming/perishing’ verstanden werden: „Nun
macht das Nichts wie das des Todes streng genommen den
Hauptteil von nichts
aus. Es ist ein absolut unbestimmtes Nichts, das auf keinerlei Sein
anspielt, und kein Chaos, das nach Form strebt: Der Tod ist Tod von
jemandem, und das Gewesen-Sein von jemandem wird nicht vom
Sterbenden, sondern vom Überlebenden getragen.“ Cf.
Levinas (1996) 82. Hervorhebung im Text. Außerdem gilt für ein
vollendetes Ereignis in seiner satifaction: it
„has attained its
individual separation from other things“ (PR 154); es
bezeichnet ein „‘great
refusal’, . . .is its primary characteristic“ (SMW 158). [38]
Denn erst, wenn das ‘Subjekt’, dem sich dieser Zirkel als irreal
darbietet, selbst
relativiert wird, kann ‘ontologisches Denken’ zur Gänze überwunden
werden. Für Whitehead geschieht das mit Hilfe des
reformierten subjektivistischen Prinzips. Für Levinas ist das,
was nach dem Zerbrechen von ‘Totalität’ jenseits ontologischer
Geltungsansprüche sich als philosophischer Anspruch darbietet,
nicht ein ‘Subjekt’ in radikal pluralistischem Subjektivismus,
sondern das alle Subjektivität prinzipiell transzendierende ‘Andere’,
das Anders- und Fremdartige, das autrui,
oder personifiziert: Autrui
(cf. Hügli/Lübcke [1997] 380; cf. Davis [1996] 6). Das
‘Andere’ zeigt sich für Levinas im Anderen, der anderen Person,
in der mir das (göttliche) Andere zum unbedingten ethischen
Anspruch wird (cf. Davis [1996] 93 ff). [39]
Mit l’éthique meint
Levinas nicht einfach ‘Ethik’, sondern alles menschliche
‘Sein’ und Handeln Betreffende, etwa Politik. Nichts
Menschliches kann ausgeschlossen werden. Cf. Davis (1996) 3. [40]
Cf. Hügli/Lübcke (1997) 380; cf. den wichtigen Aufsatz von Derrida
(1964) 159 ff. [41]
Gottes Anderssein kann nicht auf der Basis des il y a verstanden werden. Cf. Levinas (1992) 115. Wenn Drischler
(1996) 371 bemerkt: „Das
‘es gibt’ (il y a) des Seins beschreibt Levinas somit grundsätzlich
anders als Heidegger. Das hängt zutiefst mit dem ‘mal d’être’,
dem ‘Übel zu sein’ zusammen“, dann entspricht das
insofern Whiteheads ursprünglicher Intention, ‘creativity’ von
Gott zu unterscheiden. Denn die Aktivität der Kreativität ist
neutral gegenüber ästhetisch Gelungenem oder Übel oder ethisch
Geglücktem oder Bösem. Gott hingegen ist nur
gut. Cf. dafür Whiteheads Ausführungen in SMW 179. [42]
Cf. Levinas (1992) 113-114. [43]
Cf. Faber (2000b) 452-464. [44]
Cf. Weber, in: Balke/Vogl (1996) 198. [45]
Cf. Nancy, in: Patton (1996) 110. [46]
Cf. Smith, in: Patton (1996) 30f. [47]
Cf. Bogue (41996) 70. [48]
Cf. Bogue (41996) 72. [49]
Cf. Badiou, in: Boundas/Olkowski (1994) 65-61. [50]
Cf. Bogue (41996)
62ff. [51]
Cf. Bogue (41996) 62f. [52]
Cf. Bogue (41996) 63. [53]
Cf. Frémont, in: Balke/Vogl (1996) 64 f. [54]
Bei Deleuze die Bezeichnung von Dingen (Wahrheit) und die
Signifikation von Begriffen (Wahrheitsbeding-ungen). [55]
‘Spatium’ – der
metaphysische Horizont ‘virtueller Ereignisse’ – erinnert
nicht ohne Grund an Whiteheads von Platon übernommenen Begriff des
‘receptacles’, jenes
nicht-existierende „invisible,
formless and all-receptive“ Worin der Ereignisse (AI 187).
Nach Garland kann es als
Moment der transzendenten
Kreativität der Whiteheadschen Kreativitätssprache integriert
werden. Cf. Garland, in: Ford/Kline (1983) 227 f. [56]
Cf. Cobb (1974) 209: „Creativity, for Whitehead, does not ‘exist’“. [57]
Cf. Weber, in: Balke/Vogl (1996) 202. [58]
Cf. Bauch, in: Balke/Vogl (1996) 37.45-49. [59]
Cf. Bauch, in: Balke/Vogl (1996) 47. [60]
Cf. Davis (1996) 53. [61]
Mit den Kantschen Kritiken hat eine Bewegung begonnen, die sich in
Whiteheads (aber auch Levinas’)
neuer Kritik nur fortsetzt: In der KrV
zeigt Kant, daß ‘Gott’ nicht im Kontext ontologischer Aussagen
ausgesagt werden kann, weil Gott kein Gegenstand sinnlicher
Wahrnehmung werden kann. Vielmehr sei Gott Postulat praktischer
Vernunft. Gott kommt die „Realität“ nicht eines
Wahrnehmungsobjekts zu, und Gott kann nicht hinsichtlich „existiert“/“existiert
nicht“ besprochen werden. Vielmehr ist Gottes „Realität“ die
einer „regulativen Idee“ in Kants zweiter Kritik. Gott verweist
nicht auf eine Tatsache theoretischer Erkenntnis, sondern bezeichnet
eine conditio sine qua non praktischer
Vernunft. [62]
Das ‘subjective aim’ jedes Ereignisses wird mit seiner Intensität
bezeichnet - und zwar in zweifacher Hinsicht: (a) Je mehr ein
Ereignis in seinem Prozeß ‘Anderes’ als
Anderes, ja Fremdes und Widersprüchliches, Nicht-Assimilierbares
wahrnehmen kann, um so intensiver ist sein Werden (Das Werden eines
Ereignisses ist das Verwandeln von Widersprüchen in Kontraste; cf.
PR 22, CatExst VIII.). ‘Physical prehension’ bedeutet
‘Wahrnahme des Anderen’ in seiner Andersheit, auch wenn diese
Wahrnahme befremdliche Fremde bedeuten würde. Je intensiver
solche Wahrnahme als Selbstkonstitution gelingt (je weniger durch
‘negative prehensions’ ausgeschlossen werden muß), desto mehr
verwandelt sich die Widersprüchlichkeit und Fremdheit des
‘Anderen’ in der Wahrnahme zur Natur
des neuen Subjekts/Superjekts. Weil Gott keine ‘negative
prehensions kennt’, ist Gott in seiner ‘consequent nature’ die
Wahrnahme des Anderen in all seiner Fremde, seiner Widersprüchlichkeit,
seinem Verfall, ja selbst in seiner abgründigen Bosheit. (b) Je
mehr ein Ereignis sein eigenes Sterben als Begegnung mit der
‘Essenz von Alterität’ in seinen Prozeß des Werdens als
Selbstrelativierung aufnehmen kann, je intensiver sein Fühlen der
Selbst-Aufgabe, der Selbst-Hingabe an das Jenseits-seiner-Selbst ist,
je mehr es um sein Nichts im Tode weiß (cf. Levinas [1996] 81 &
82: „Das Nichts des Todes
ist unleugbar, aber die Beziehung zum Tod als Nichts stellt in jedem
Fall eine Negativität dar, die sich radikal von der Negativität
unterscheidet, die in der griechischen Philosophie. . .gedacht wurde“),
desto mehr erfüllt es seinen Sinn. Gottes Intensität ist aufgrund
der unableitbaren ‘primordial nature’ inkommensurabel und der
unendliche ‘standard of intensity’ (PR 47). [63]
Cf. Bogue (41996) 56 ff. [64]
Cf. für Deleuze: Smith, in: Patton (1996) 29; für Whitehead: Wiehl,
in: Holzhey u.a. (1990) 216. [65]
Nur einmal, wenn Kant in
der Kritik der Urteilskraft von der Erfahrung des ‘Überragenden’
(sublime) spricht, meldet sich diese „Realität in der Begegnung
(encounter)“ an. Hier konfrontiert uns der Dissens von Vernunft
(reason) und Imagination mit einer Realität, die wir zwar denken,
nicht aber erfassen können. Cf.
Smith, in: Patton (1996) 33. [66]
Cf. Poser, in: Rapp/Wiehl (1986)105ff. [67]
Cf. Bradley: Process Studies 23/3-4 (1994) 162-163. [68]
Cf. Deleuze, in: Balke/Vogl (1996) 29 f: Wie bei Deleuze weisen
Whiteheads Bedingungen nur wiederum auf den konkreszierenden Prozeß
zurück. Das „transzendentale Feld“ bezeichnet immer eine
Immanenzebene der Ereignisfolge selbst und nicht – wie bei Kant
– eine objektive Struktur jenseits dieses Prozesses. Sie bleibt
ihm immanent. [69]
Cf. Balke/Vogl, in : Balke/Vogl (1996) 8. [70]
Cf. Wiehl, in: Holzhey u.a. (1990) 219. Damit wird nach Wiehl überhaupt
erst die Grundlage für die erste Kritik Kants geschaffen. [71]
Für das Verständnis der „Realität“ ästhetischer Entität
(und also auch Gottes) ist es nun wichtig zu verstehen, daß der
Status der unverwechselbaren Singularitäten diesen nicht „in sich“
zukommt, sondern nur als Fühlungen in einem (neuen) ästhetischen
Prozeß: Weder „ist“ der ästhetische Prozeß im Sinne ontischen/ontologischen
„Existierens“, noch bezieht sich die ästhetische Wahrnahme auf
die Welt des Existenten: Denn die „ontische/ontologische“ Realität
des Gefühlten kann nur als „real
potentiality“, als Universal, „be-griffen“ werden. Nur
im ästhetischen Prozeß
erlangt diese „potentiality“
den Status von unverwechselbaren Singularitäten. Das Gefühlte „ist“
nur im Fühlen als es selbst, als Unverwechselbares gegenwärtig. Nicht
als ontischer/ontologischer Gegenstand, sondern nur als ästhetische
Realität kommt den „Gegenständen“ des Fühlens Konkretheit zu. [72]
Weber, in: Balke/Vogl (1996) 202. [73]
Deleuze, in: Francis Bacon,
34: „Sensations cease to be
representative and become real“; Smith, in: Patton (1996) 37. [74]
Cf. DR 230: „Intensity
is both the unsensible and that which can only be sensed“; cf.
Smith, in: Patton (1996) 37. [75]
Cf. Wiehl, in: Holzhey u.a. (1990) 219ff. [76]
Cf. Levinas (21987) 212. [77]
Cf. Smith, in: Patton (1996) 37. „.
. .the power of the active ‘I think’. . .“ [78]
Cf. Badiou, in: Boundas/Olkowski (1994) 62: „. . .Leibniz-Deleuze’s
subject is directly multiple.
. .“. [79]
Cf. Klossowski, in: Balke/Vogl (1996) 128. [80]
Der Begriff der ‘Eschatologie’, mit dem sich theologisch diese
Expressivität Gottes „jenseits von Existenz“ bedeuzum Ausdruck
bringen läßt, bedeutet nicht einfach die Lehre von Ende/der
Vollendung der Welt oder von den novissima,
den „Letzten Dingen“, sondern – mit Moltmann
– die Hoffnung auf das „Kommen
Gottes“. Für den eschatologischen Gottesbegriff liegt Gottes
„Realität“ nicht vor, sondern ‘kommt’ aus der Zukunft.
Die eschatologische Zukunft Gottes bezeichnet kein futurum, in das hinein sich Welt entwickelt, sondern adventus
Gottes, der auf die Welt als ihre Zukunft zukommt. Hier gilt: Weder
„ist“ Gott, noch „war“ er, noch „wird er sein“, sondern
Gottes Realität ist „im Kommen“
(cf. Apk 1,4). Cf. Moltmann (1995) 40.42 f. [81]
Cf. zur Auslegung Whiteheads in der Prozeßtheologie und ihre Kritik
hinsichtlich des Gottesbegriffs: Faber (2000b) passim. [82]
Prinzipien sind Regeln in
einem Prozeß, den die Ereignisse bestimmen; Gottes ‘Kommen’ aus
seiner eschatologischen Neuheit hat kein „standard of
comparison“ jenseits seiner selbst (cf. PR 47).
Zwar faßte Whitehead Gott zunächst noch als ‘Prinzip der
Konkretion’ (cf. SMW 178; cf. RM 115). Wird aber Gott als
‘Grund’ der Ereignisse verstanden, so muß Gott – gemäß dem
ontologischen Prinzip – selbst konkret
sein. Gott
bezeichnet daher kein ‘ultimate
metaphysical principle’ (PR 343) und „provides,
not is, the principle of
concretion“ (Conv. 5; cf. PR 244). In SMW 178 wird Gott noch als
abstraktes Prinzip gedeutet: „God
is not concrete, but He is the ground for concrete actuality“.
In
RM 88 ist Gott zwar ein ‘formatives Element’ von Ereignissen,
mithin also ein „Prinzip“, dennoch ist Gott dies hier als
„actual but non-temporal
entity“. Cf. Jung (1965) 606 dazu: „.
. .der Tatsache explizit Rechnung getragen, daß diese Einschränkung
des überhaupt Möglichen als ein Akt der Synthesis angesehen werden
muß, als wertender Entwurf einer Welt. Dann erst wird auch sichtbar,
was dieses zunächst nur als Prinzip bezeichnete Wesen überhaupt
mit dem zu tun hat, was wir göttliche Funktionen im religiösen
Sinn nennen, z.B. Erlösung“. Cf.
Johnsons alternative Formulierung vom „abstract first metaphysical
principle“ in Johnson (1983) 191. Wenn
Whitehead in Process and Reality dann den Grundsatz aufstellen wird, Gott „is
not to be treated as an exception to all metaphysical principles,
invoked to save their collapse“, sondern Gott „is
their chief exemplification“ (PR 343), so heißt dies zunächst,
daß Gott konkret ist, und
als konkretes Geschehen metaphysische Prinzipien „für die Welt“
vorsieht, indem er für sie vorsorgt. [83]
Gott ‘kommt’ hinsichtlich
seiner durch keine (alten) Kategorien faßbaren Neuheit auf die
Kategorien zu und ermächtigt sie, nicht unterliegt Gott ihnen. Zwar
war Whitehead versucht, „that
he should have introduced God’s primordial nature sooner“ (Conv.
5) unter den ‘categoreal notions’ (Conv. 4). Dennoch
erscheint ‘Gott’ in Process
and Reality als ein ‘abgeleiteter Begriff’ (cf. PR 31-34)
– abgeleitet nicht
hinsichtlich seiner Realität, sondern als Begriff.
Die
Komplexität der
Kategorien, die notwendig sind, um ‘Gott’ zur Sprache zu bringen,
bekennt das Scheitern der Kategorien an Gott. A. H. Johnson
formuliert, daß „the status
of ‘derivative’ is not assigned to the entity God but (i) to the
other actual entities and (ii) the results
of God’s function as primordial, in arranging and making available
the realm of eternal objects“; Johnson (1983) 129. Cf.
Wolf-Gazo (1989) 310: „Es
ist interessant, daß ‘Gott’ nicht in Whiteheads
Kategorientafel erscheint, sondern daß ‘Gott’ nach Whitehead in
allen Kategorien kreativ tätig ist“. [84]
Gott verkörpert daher auch keine Entität im
Sinne eines ‘imperial ruler’ (PR 242) oder einer
‘personification of moral energy’ (PR 243). [85]
Cf. auch die Analyse von solchen Mustern bei Koch (1983) 153-156.
Gegen die Absolutheit setzt Whitehead die Relativität. Gegen die
Vorstellung einer „Kontrollmacht“ setzt er die Überzeugungskraft
Gottes (‘persuation’). Gegen den „Gesetzgeber“ setzt
Whitehead die Verwandlung und das Leben; cf. Lachmann (1990) 133.
Gegen den status quo setzt
Whitehead die ‘Kontingenz’ Gottes. Gegen die männliche
Vorstellung von Gott die Übergeschlechtlichkeit.
Hartshorne (1967) 137 bezeichnet diese Vorstellung von Gott als der
Welt externem Monarchen, der darin aber wie ein Weltding vorgestellt
wird, als Konzeption eines ‘transcendental snob’ oder eines
‘transcendental tyrant’. [86]
Cf. Suchocki, in PS 5/4 (1975) 239-240. [87]
Cf. Ford, in: Process Studies 11/3 (1981) 172: „I
propose we conceive God to be a future activity creating the
conditions of the present“. [88]
Cf. Bracken (1995) 55. [89]
Whiteheads Bezeichnung Gottes als ‘Poet’ soll keine Abschwächung
sein - Poet ist im Griechischen ja ‘maker’ -, sondern die
Unvergleichbarkeit von Gottes Macht mit jeder weltlichen Macht
herausstellen. Dennoch ist Gottes Macht nicht „geringer“ als die
anderer ‘actual entities’ (cf. Conv. 8). Im Gegenteil: Gott
verströmt sich als eschatologische Zukunft (‘future’ and
‘coming’) schöpferisch in ideelle
Neuheit (e.o.) und aktuale
Neuheit (creativity). [90]
Dadurch ist der Solipsismus eines Genusses des Selbstseins bei
Whitehead wie bei Levinas unterbunden. Cf. auch Levinas (1961) 142:
Der Genuß ist das absolute Selbstsein eines Subjekts, in welchem es
mit sich allein ist, von der Welt solipsistisch abgehoben, ohne
Kommunikation. [91]
Whiteheads ‘Personen’ als personaler Nexus sind per definitionem nicht durch odysseisches Bewußtsein der Rückkehr
gekennzeichnet, sie verlassen sich ein für allemal auf andere
Ereignisse hin, die in einem Nexus die Illusion des Bei-sich-Seins
erwirken können. In der Tat sind aber in allem Bei-sich-Sein
wahrnehmendes Bewußtsein und wahrgenommenes Bewußtsein nicht
dasselbe Subjekt; cf. AI 181-183. [92]
Cf. zu diesem Mißverständnis von ‘satisfaction’ auch Schulte
(1986) 324n10. [93]
Inada (1975) 482-483 stellt die Verwandtschaft zwischen diesem
Aspekt von Unsterblichkeit, i.e. Bleiben in Gott, nämlich das
Bleiben als Wert, und dem buddhistischen Begriff von ‘Leere’ - sunyata
- heraus. Denn sunyata heißt
nicht nur Vergehen, Leere oder Nichts, sondern etymologisch auch
„the state of completeness or fullness of being“ (p. 483), aber
jenseits von Selbst-Sucht, Selbst-Genuß und Selbst-Sein-Wollen. [94]
„Vollendung in Gott“ bedeutet
– ganz ähnlich wie bei Levinas – ‘self-forgetful
transcendence’. Cf. Drischler (1996) 107: Levinas denkt hier gegen
das Paradigma des Odysseischen an, weil Odysseus nach seinen
Abenteuern wieder nur in der Heimkehr sein Ziel sieht - wenngleich
dies nicht gelingen kann und auch nicht gelingt. Auf p. 451 schreibt
er weiter: „Levinas läßt
ein solches Denken hinter sich und kann mit seiner Betonung der
unmittelbaren Nähe des Anderen nicht ohne absolute Trennung denken
zu können, das transzendentaltheologische Modell dahingehend
hinterfragen, ob es diesem wirklich gelingt, das Phänomen der
Unmittelbarkeit der Nähe Gottes und zum Nächsten zur Sprache zu
bringen. . .“. [95]
Cf. Suchocki (1975) 5: „[T]he actual occasion is in God is felt by God in terms of the highest
relationship made possible by that actualization relative to ever
other actuality prehended by the divine nature. . .[God] feels the
occasion in its immediacy and yet transcends the occasion by
relating it beyond its own finite vision to all others in the vision
of God. In God, the occasion is itself, and others, and God“. Nicht
von ungefähr erinnert diese Konzeption eschatologischer Alterität,
der Vollendung „jenseits von Freude und Leid“, mehr an die
buddhistische Konzeption des anatman denn an westliche Begriffe von Subjektivität. Für
beide gilt, daß in ihnen „the traditional view of the self breaks
down“. Wie
das paulinische Weizenkorn von 1 Kor 15,36 f muß ein Ereignis
vergehen, um zu leben. [96]
Cf. Suchocki (1988) 110 & 118. [97]
Cf. Suchocki (1995) 199-216. [98]
Cf. Ford (1977) passim:
Pannenbergs Idee von einem Gott, der aus der Zukunft der Vollendung
wirkt, ist hier bereits vertreten. Im übrigen wird diese Umkehrung
des Sinns von ‘Herkunft’ als ‘Zukunft’ den Schöpfungsbegriff
eminent bestimmen. [99]
Cf. Zur Weiterführung dieser Problematik der Überwindung von
Transzendenz- und Immenenz in einer „In/differenz“ Gotes, die
alle Differenz eröffnet und in ihr zugleich expressiv hinein „vergegenwärtigt“
(ohne erfüllte, statische Gegenwart zu werden): Faber (2000a)
192-194. [100]
Cf. zur Auslegung der expressiven Gottes-Bewegung als eine
eschatologische (zeit-analoge) Bewegung aus der „Zukunft“ Gottes:
Faber (2000c) 180-205. [101] Cf. zur Abgrenzung gegen „negative Theologie“ (im Aufgreifen ihrer Relevanz!) und zur Bedeutung der „Insistenz“ Gottes im Gespräch mit der ontologischen Frage (im Kontext ihrer positiv-univoken und negativ-neoplatonischen Ausformungen): Faber (2001) passim.
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