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Rolf
Kühn Sinnlichkeit
als Offenbarung. Eine
phänomenologische Analyse zum Denken Simone Weils
Simone Weil (1909-1943) bewegt sich in ihrem Spätwerk sowohl bezüglich
der unter Arbeitsbedingungen wahrgenommenen Materiestruktur wie
hinsichtlich der dazu erforderlichen Subjektveränderung eindeutig auf die
diesen Gegebenheiten "eingeschriebene" Kreuzesgestalt zu.[1]
Dass hierbei Elemente der antik-stoischen Kosmoslehre eine Rolle spielten,
aber auch das neuzeitliche Erbe eines total verfügten Kausalitätszusammenhanges
wie etwa bei Galilei, Descartes, Spinoza, Newton, Leibniz und Marx, bzw.
überhaupt bei ihr die Tendenz besteht, die expliziten christlichen
Glaubensmysterien für eine "dekreativ" freiheitsbezogene
Seinstransparenz in Anspruch zu nehmen oder diese Geheimnisse
gegebenenfalls sogar in letzteren aufgehen zu lassen – dies alles
wiegt als möglicher Einwand von vornherein geringer als die grundlegend
sich abzeichnende Konvergenz von göttlicher Offenbarung und menschlichen
Sinneskräften in einer prinzipiell religiös-ontologischen Sicht von phänomenologischer
Relevanz: Mit der Anordnung dieser Kräfte, so sagt sie, "gab Gott
uns ein vollkommenes Modell der Liebe, die wir ihm schulden. In unsere
Sinnlichkeit (sensibilité) selbst hat er eine Offenbarung
eingeschlossen". Die praktisch-methodische Bewusstseinsbestimmung im
Verlauf der Wahrnehmung, wie sie besonders der Arbeitsbezug nahelegt,
impliziert eine "Übertragungsleistung" in Hinsicht auf das
graduell zunehmende "Wirklichkeitsgefühl" (transfert du
sentiment de la réalité), welches für das Subjekt der aufmerksamen
Erkenntnis darin gipfelt, mit Gewissheit eine direkte Entsprechung
zwischen seinem Denken und der Materie in ihrer jeweilig kinästhetisch
leiblichen Apperzeptionsform zu besitzen. Aus der Analyse des von J.
Lagneau[2]
immer wieder herangezogenen Beispiels einer würfelförmigen Schachtel
ergibt sich nämlich, dass die Notwendigkeit des kubischen
Erscheinungsbildes sich phänomenologisch-reflektiv darstellt als
"ein Ganzes (ensemble) der Veränderungsgesetze, die von
festen und unveränderlichen Beziehungen bestimmt sind".[3] Mit jedem Wechsel der leiblich-standortgebundenen
Betrachterperspektive verschieben sich daher auch die Winkel und
Seitenansichten der kubischen Form, so dass eigentlich nicht behauptet
werden kann, man sähe eine solche Schachtelform oder berühre sie, wie im
Fall der taktilen Wahrnehmung: Die Gesamtheit der sinnlich unbegrenzt möglichen
Erscheinungsreihen ist in keinem Augenblick mit der Kubusform selbst
identisch, und noch weniger gilt dies a fortiori für einen
einzelnen Aspekt derselben. Trotzdem lautet das Wahrnehmungsurteil
unfehlbar auf eine evidente Erkenntnis des Schachtelkörpers. Hier liegt
sicher eine der größten Nähen Simone Weils zu Husserl vor, der nicht
nur gleichfalls ähnliche Beispiele wie Haus oder Tisch immer wieder
analysierte, sondern gerade in der wechselnden Aspekthaftigkeit eines
Wahrnehmungsgegenstandes dessen voll bestimmte Identität als idealen
Grenzfall sah, ohne die intentional-noetische Gewissheit von dessen
Transzendenz in Frage zu stellen.[4] 1.
Objekttranszendenz und christologische Figuration
Die
Lösung, dass die "wahre" Würfelform all ihren einzelnen
darstellenden Erscheinungsbildern "äußerlich" sei, mithin sich
"deren Bereich gegenüber transzendent" verhält, wird von
Simone Weil allerdings - über alle Kritik an psychologischen
Erkenntniskonstruktionen als Abbildtheorien hinaus - auch
metaphysisch als "Schlüssel zu jeder menschlichen Erkenntnis"
gewertet sowie gleichzeitig als Abgrenzung hinsichtlich der "Gefahr
eines pantheistischen Irrtums" genutzt, insoweit nämlich die
sinnlich urteilende Symbolkorrespondenz zwischen Gott und dem Universum
den Eindruck vermitteln könnte, die Realität des letzteren löse sich
zugunsten eines göttlichen "All-seins" auf. Der
Grundwiderspruch unserer interpretierenden Lektüreverfasstheit, "von
außen" von dem ergriffen zu werden, was das Ich jeweils an
Bedeutungen selbst hervorgebracht hat, kehrt im vorliegenden Fall darin
wieder, dass eine insgesamt nie berührbare Form - eben die
Vorstellung des Kubus als einer intelligibel notwendigen Invariante -
einen sichtbar begrenzten Raumkörper vermittelt. Die Realität der
Wahrnehmungswelt besteht so, allgemein beschrieben, in der Berührung (contact)
mit der Notwendigkeit, deren Wesen eine "bedingte Funktion oder
Proportion" ist, wobei der Materie ausschließlich die Rolle einer
"Grundlage" (support) zukommt, von der kein Begriff
gebildet werden kann, wie die ontologisch-metaphysische Tradition seit
Aristoteles lautet. Als das schlechthin Unbegrenzte (apeiron) ist
die Materie für den Menschen dennoch, "was der Notwendigkeit
unterworfen ist". Dies aber bedeutet nach Weils Worten, dass sie
selbst in ihrem Wesen "gehorsam" sei und deshalb ein nicht
hintergehbares Modell für die Erkenntnisfinalität des Menschen bilde,
der sich gleichfalls über die Aufmerksamkeit dem Universum gegenüber als
"Gehorsam" zu verstehen habe – allerdings nicht aufgrund
blinder Unterwerfung, sondern aus freier Liebe.[5]
Der Gegensatz zwischen dem beständig
vorhandenen Fluss des sinnlich Gegebenen in den manifesten Erscheinungen
und ihrer transzendent zeichenhaften Realität als einem unveränderlichen
Verhältnis der darin begrenzten wie relationalen Veränderungen
zueinander bildet dann nicht nur einen Weg, um "das natürliche Sein
zu berühren", sondern über "die wahrhaft als Einheit gedachten
Widersprüche" hinaus ergibt sich für Simone Weil so analog die Möglichkeit,
auf diese Weise auch "Gott zu berühren". Etwas vom Sein zu
ergreifen, es zu berühren, und zwar mit den "Zangen" des Verhältnisses
wie beim unendlich identifizierbaren Kubus, deutet sie als immer mehr
"Wirkliches" bis hin zu Gott. Allein durch diese durchaus phänomenologisch
beschriebene Erfahrung ließe sich feststellen, dass Gott der Wirklichste
ist, denn ohne diese Erprobung (épreuve) bliebe er ein leeres
Wort. Auf diese Weise birgt letztlich die Wahrnehmungspraxis als solche in
jedem Vollzug eine mögliche "vollkommene Metapher", wie Simone
Weil das modellhafte Würfelbeispiel auch nennt. Denn so wie im einzelnen
nicht die spitzen oder stumpfen Winkel und ungleichen Seitenlinien gesehen
werden, sondern immer derselbe Raumkörper phänomenal erscheint, ebenso
seien auch die Ereignisse in der Welt und die subjektiv inneren
Verfassungen des Ich an uns "kaum zu bemerken". Vielmehr kann
durch all das hindurch "allein eine feste und immer die gleiche
Ordnung der Welt gesehen werden, die keine mathematische Form, sondern
eine Person ist – und diese Person ist Gott".[6]
Imperativisch an das Subjekt heranzutreten,
um es mittels der Epoché einer anderen Finalität zuzuführen, als sie
das fraglos Hingenommene und augenscheinlich Gewisseste im
"Dahinleben" bieten, wie Husserl sagt, ist dem reflexiven
Selbstverständnis der philosophischen Erkenntniskritik von jeher eigen -
und insofern ist die Philosophie in gewisser Weise immer phänomenologisch
gewesen. In der gesamten Tradition, die für Simone Weil zählt, das heißt
in der pythagoreisch-platonisch bestimmten Antike, sodann bei Descartes,
Spinoza, Malebranche, Kant oder Maine de Biran besaß die
geometrisch-physikalische Denkmethode für diese Aufgabe einen
modellhaften Wert, insofern eine apriorische Weltkonstitution den naiven
Sinnesrealismus der Illusion wie der Subjektivität überführen und dem
Bewusstsein anstelle eines sensualistisch-pragmatisch orientierten
Relativismus ein zu erstrebendes Ideal ungetrübter Relationen vor
Augen stellen sollte, die zugleich eine kosmische Einwurzelung erlauben würden.
Von daher war neben der Moral auch die Wissenschaft durchaus eine Vorstufe
für die in der Religion bezeugte Übereinstimmung des
subjektiv-reduktiven Erkenntnisaktes oder begrenzten Ich mit dem
"absoluten Geist" bzw. Gott. Angesichts der technischen
Rationalisierungsmethoden mit ihren sozialen Konsequenzen ist Simone Weil
allerdings von früh an nicht geneigt gewesen, "die Führung [ihres]
Lebens der Autorität der Gelehrten zu unterwerfen", wohl aber war
sie bereit, zu erkunden, "ob die Wissenschaft die Freiheit bringt
oder legitime Fesseln".[7] Die zeitgenössisch in den 30er Jahren zu vertretende
Entscheidung zwischen einem epistemologischen Reduktionismus der
Philosophie (etwa bei Leon
Brunschvicg oder H. Poincaré) und dem Nachweis einer Kontinuität von
Alltagswahrnehmung und Wissenschaft (so bei Lagneau und Alain, die darin
Husserl gleichen) enthält deshalb bei Simone Weil eine doppelte Stoßrichtung
im phänomenologischen wie religiös-metaphysischen Sinne.
Die Annahme der res extensa als
gemeinsam definitorischem Nenner von Physik, Geometrie und Sinnesvermögen
erlaubt es ihr in der Tat, die Idee der Notwendigkeitsrelationalität für
alle innerweltlichen Bereiche als zwingenden Grundsatz zu betrachten. Dies
bedeutete einerseits eine Begrenzung des sich unendlich progressiv
gebenden Szientismus mit seinen Reduktionismen für weite menschliche
Bereiche, und zum anderen verschrieb sie sich mittels eines
transzendentalen Notwendigkeitsbegriffs der innerphilosophischen Epoché
als einer läuternden Dekreation (décréation), um die "Lektürekorrektur"
schließlich als ein Problem praktisch-spiritueller Philosophie
herauszustellen - das heißt als eine Anforderung an die Freiheit im
Sinne der Liebe, um sich analog zum genannten "Gehorsam" der
Materie ebenfalls einer subjektiv zu erstrebenden reinen Relationalität
zu unterwerfen. Auf diesem Hintergrund erscheint dann die bisher schon erwähnte
Gottesfrage als eine realitätssteigernde, symbolkorrelative Integration
von Wissenschaft und Glauben, deren kulturell oder lebensweltlich
wiederzugewinnende Einheit von Simone Weil als die moderne Überlebensfrage
schlechthin bereits vor vierzig Jahren entworfen wurde: "Um wie
vieles würde sich unser Leben ändern, wenn man sähe, dass die
griechische Geometrie und der christliche Glaube derselben Quelle
entsprungen sind."[8]
Auch hier ist die Ähnlichkeit mit Husserls "Urstiftung" von
Philosophie und Wissenschaft bei den Griechen nicht zu übersehen, von der
die Krisis-Schrift (§ 3) ausgeht. Aber es gibt auch einen
wesentlichen Unterschied in der dadurch europäisch grundgelegten
"transzendentalen Frage" als solcher, denn bei Simone Weil
handelt es sich nicht nur um die teleologische Weiterverfolgung eines
restlos aufzuklärenden Evidenzanspruchs der Vernunft, sondern gerade um
die Verwandlung dieser Vernunft in eine höhere Erkenntnisweise, welche für
sie jene der liebenden Aufmerksamkeit ist – womit sich schon
deutlich der motivational-finale Unterschied zwischen Epoché und
Dekreation bekundet. Denn selbst die Herausstellung bei Husserl in der 29.
Vorlesung der Ersten Philosophie von der schöpferisch-hingebenden
Liebe an die Wahrheit als höchstes Gut, intendiert eine endgültige
Erkenntnis ohne jede Preisgabe der Egokonsistenz. Das heißt, gerade wenn
die Zweckidee unendlich evidenten Erkennens auch dem ethischen Willen
untergeordnet wird, so gerät doch der Vernunftbesitz als solcher bei
Husserl nie in den Blick radikaler Fraglichkeit, die als Liebe gerade die
"Preisgabe" des Vernunftbesitzes fordern kann, wie Simone Weil
unterstreicht.
Nicht zu verkennen ist jedenfalls, dass die
Ansätze zu Simone Weils umfassendem religiös-kultursymbolischen Versöhnungsversuch
in ihren frühesten Voraussetzungen zur phänomenologisch-reflexiven
Wahrnehmungsbeschreibung als "Lektüre" liegen. Das identische
Festhalten an einer transzendenten Objektgestalt innerhalb des
sinnlich-noematisch bedingten Erkenntnisvollzuges weist nämlich
noetisch-symbolhaft über die Objektform auf die gesamte Weltgestalt als
solche hinaus, wobei dieser phänomenologische Umstand aber rückgebunden
bleibt an die willentlich-konkrete Geste, mit welcher der "Transferprozess
des Realitätsgefühls" bis hin zu einer in Gott umfassend geliebten
Notwendigkeitsstruktur anhebt. In genetisch-kinästhetischer Hinsicht ist
es offenkundig, dass ein Kind mit Hilfe einfachster Gegenstände aus
regelmäßigen Formen durch deren Betasten lernt, wie es die es umgebenden
Dinge wahrnehmen kann, um dann allmählich "analoge Übertragungsmechanismen
zu erwerben, die an die Lektüre oder an das neue Empfindungsvermögen
gebunden sind, das den Gebrauch der Werkzeuge begleitet". Dem
entspricht in der illusionsdiskriminierenden Vorstellungsanalyse, wie zum
Beispiel beim Traum, dass die phänomenologische Objektidentität nicht
vom noematisch Gesehenen selbst abhängig ist, sondern vom "Verhältnis
(rapport) zwischen uns und den Empfindungen", wobei dieser
Bezug wiederum konstituiert wird durch "eine gewisse
Handlungsdisposition, welche die Empfindungen in uns hervorrufen".
Ein bloß gedanklich vergegenwärtigter Würfel wird demnach nicht durch
die Analogie mit einem real existierenden Würfel wahrgenommen, weil
dieser ja nie ganz in mein Blickfeld rücken kann, sondern "der
kubische Raum besteht wesentlich in der Geste, das Objekt zu
ergreifen". Und dieser effektive Handlungsbezug kehrt im
vorgestellten, gezeichneten oder tatsächlich selbstgegebenen Würfel
wieder, wobei nur die "Empfindungsdaten" der qualitätsspezifischen
Realitätsgrundlage variieren, wie etwa die Farben. Alle Konturen, welche
als Linien die Objekte begrenzen und aus denen sich Formen im Seh- oder
Tastfeld bilden, sind durch die dem Subjekt inhärenten Bewegungen
gegeben, wie auch Lagneau lehrte. Als Reaktion bilden diese
leibgebundenen Bewegungen das konstitutive Wahrnehmungsverhältnis
zwischen dem Ich und der äußeren Welt, woraus von Simone Weil gefolgert
wird, dass "die Gesamtheit der Reaktionen, die ich einem Objekt gegenüber
habe, die Objektidentität erschafft (crée)".[9]
Dieser Schöpfungsbegriff als Ausdruck der
subjektiven Bedeutungslektüre vom Sinngehalt empfundener Formen und
Qualitäten bei der Objektkonstitution vereint eindeutig jene bisher kurz
beschriebenen perzeptiven Elemente, auf denen der einzige weilsche
Neologismus der Dé-création aufbauen konnte, und zwar als die
letztendlich übernatürlich verankerte "Nicht-Lektüre" von
immer schon sinnbesetzten Geltungsansprüchen in Gegenüberstellung zu
dem, was wir im Anschluss an zahlreiche weilsche Texte die christologische
Figuration im Sinne eingangs erwähnten Kreuzesgestalt nennen möchten.[10]
Die Geste – sei es die reelle Leibbewegung oder die sie affektiv
vorskizzierende, verlangende innere Disposition des Begehrens (désir)
- ist nämlich nur denkbar als die in-karnierte Identität jener Haltung,
die wir bezüglich des jeweiligen Dinges oder lebendigen Wesens als
unserem Gegenüber einnehmen, woraus dann, und zwar analog zur eigenen
Bewusstseinsdauer als habitualisiert gewusster Wesenseinheit, dessen
Individualität als ein einzeln bestimmtes Wahrnehmungsobjekt folgt.
Dieses passiv sedimentierte Bewusstsein einer stets gleichen Haltung mag
sich unter dem Einfluss der äußeren Naturkräfte sowie der energieabhängigen
Vorstellungskraft der "Selbsterhaltung" im Sinne Husserls
wandeln, was jedoch für Simone Weil nicht über die Grenzen jener
Geometrie hinaus möglich ist, die der Wahrnehmung innewohnt. Nie kann nämlich
ein gegebener Punkt dem Denken anders ansichtig werden als durch die
Gerade, die es sehend mit diesem Punkt vereint. So scheint es fast, als ob
unser Leib geometrische Theoreme kenne, die unser Geist zunächst noch
ignoriert. Dieses habitualisierte "Wissen" der Sinnlichkeit, das
durch die Bewegung in Zeit und Raum als die zugleich transzendentalen wie
praktisch-subjektiven Bedingungen von Welt und Existenz eingeübt und
gestiftet ist, macht es möglich, die imaginäre Überinterpretation als
reaktiv-individuelle Lektüre ständig zu überprüfen. Die Rückführung
unserer Leibgesten auf geometrisch grundgelegte Formung von Raumkörpern
garantiert deren Eigensein als objektiv transzendente Gestalten in
freiheitlich liebender Distanz oder Aufmerksamkeit, wodurch implizit
angezeigt ist, dass diese ständig neu vorgenommene Gestaltung durch das
Subjekt selbst einer letzten Figur oder einem Modell der Zustimmung in
allem gehorcht. Denn wenn es dieselbe gestenhaft projektive, das heißt
intentional begehrende Einbildungskraft (imagination) ist, die uns
das einfachste Objekt wahrnehmen sowie Geometrie und Wissenschaft treiben
lässt, so ist es auch kein anderes Vermögen, welches uns durch die Schönheit
einer Kathedrale oder einer Symphonie innerlich bewegt.
Genau damit aber erfolgt der Übergang zur
transzendent personalen Figuration, die Simone Weil zwischen der
Weltgestalt und Gott gewahrt. Die Schönheit ist sinnliches
Zustimmungserleben in eine harmonisch geordnet sich darbietende Welt ohne
irgendeine vorstellbare Veränderung für das Denken. Keine Note kann in
einer als vollendet empfundenen Musikkomposition anders gedacht werden.
Als Geste der Gestaltgebung sind Zeichen- und Symbolebene in der durch die
Schönheit gegebenen Wahrnehmungseinheit versöhnt, weil hierbei die
bejahten geometrischen Weltverhältnisse der ästhetisch vollzogenen
Sinnesempfindung stellvertretend die Liebe zum Weltganzen als
Notwendigkeit zu tragen vermögen. Dies ist das hervorzuhebende
Symbolkriterium bei Simone Weil, welches sich als geschärftes Bewusstsein
in der moralischen Geste wiederfinden lässt, sofern deren Bestimmung über
eine abstrakt imperative Regel darin gründet, etwa im kantischen
Imperativ, dass sie den Begriff des Guten als Bewegung dynamisiert. Schon
ein Objekt – und noch weniger ein lebendiges Wesen - können
solange nicht als eigentlich für sich existierend betrachtet werden, wie
ihre perzeptiven Vorformungen durch das Subjekt einen eigenen
Erscheinungsraum des symbolhaft in sich ruhenden Objektiven als
"Gegenstand" nicht zulassen. Etwas als vollkommen - oder
eben als schön - zu setzen bzw. zu erfahren, heißt, es für sich
selbst außerhalb des energetisch verzehrenden Begehrens gelten zu lassen:
"Das Objekt ist tot; Tod – Symbol des Lebens".[11]
Denn gestorben ist das begehrende Ich am Objekt, um demselben dessen
Eigenwesen durch die verzichtende Freiheit zu gewähren. In einer gewissen
Weise "ist" phänomenologisch gesehen damit das Objekt nie; es
entzieht sich am Erscheinungshorizont dem apperzeptiven Zugriff der
Vorstellungskraft, solange diese nicht reine Aufmerksamkeit, das heißt
Rezeptivität ohne verfälschendes Begehren geworden ist.
Doch jenes wahrnehmungsmetaphysisch hier
anklingende Motiv des "de-kreativen Todes" erlaubt es, und zwar
zusammen mit der sich hier ebenfalls thematisierenden passionshaften
"Leere", grundlegend zu erkennen, dass die seinstransparente
oder gehorsame Christuswirklichkeit als modellhafte Praxis der gesuchten
Wahrnehmungssynthese die Grundstruktur für einen radikal-phänomenologischen
Offenbarungsbezug der Sinnlichkeit abgibt. Dabei wird außerdem sichtbar,
dass in der weilschen Epoché als Dekreation auch die "Welt"
mehr als nur den All-Horizont
all unserer Aktionen und Affektion wie bei Husserl bedeutet. Sie ist als
reine Notwendigkeit bzw. als "Gehorsam" Offenbarungsmedium
Gottes, da Simone Weil wieder das Theion der Griechen in die originäre
Weltanalyse integrierte, welches in den zeitgenössischen Phänomenologien
fehlt, was besonders auffällig zum Beispiel in Heideggers "Sein und
Zeit" ist. Allerdings muss auf der anderen Seite auch gesehen werden,
dass ein Symbol keine "Selbstgegebenheit" im husserlschen Sinne
zulässt, weshalb Simone Weil manchmal dahin tendiert, die
"Einschreibung" des Symbols in die Realitätsstruktur zur
Originarität des Wirklichen selber werden zu lassen, womit dann
allerdings der Bezug zwischen Realem und Symbolhaftem problematisch wird
und beispielsweise der Aufmerksamkeit ihre metaphysisch-ontologische
Grundlage entzogen würde.
Mit der Leibgeste konstituieren sich
nichtsdestoweniger kinästhetisch-generativ Raum und Zeit als Bedingung
wahrgenommener Objektidentität, und zugleich sind diese beiden subjektiv
gebundenen Erscheinungsdeterminanten allgemeinster Art mittels der
erlebten Schönheit als bejahte apriorische Voraussetzungen der
intelligibel einsehbaren Notwendigkeitsrelationen anzunehmen. Jeglicher
Wille zur Handlung setzt eidetisch-notwendig die ganze Welt mit, in
welcher dieser Wille sich dann selbstausübend darzustellen hat, wie
gerade J. Lagneau vor Husserl immer wieder diesen Sachverhalt analysierte.[12]
Aber diese inchoative Bejahung des Seins insgesamt als gewollter Totalität
über Muskelanstrengung, Geste und Aktion wird erst mit der
zeichenreduziert reflexiven Lektüre eine wahrhaft auch verstandesmäßig
anerkannte Notwendigkeit, und zwar in dem Maße, wie ich in den sinnlichen
und affektiv-emotionalen Reaktionen die Handlungsregel erkenne, um das
Objekt vor mir in seinen Linien und Flächen zu errichten. Diese
kategorialen Handlungsregeln der Wahrnehmungsgestik implizieren das
universale Organisationsprinzip der subjektiven Vorstellung als apriorisch
praktischer Anschauung. "Verstehen" (com-prendre) ist
somit ein effektiv relationales Be-greifen. Und der ontologische Wert
dieser reflexiv-phänomenalen Relationalität vollendet sich schließlich
in der "unpersönlichen" Versöhnung mittels allgemeingültig
konkreter Wahrnehmungsurteile als einer objektiven Welt des Sein-sollens,
welche von der individuellen Freiheit im Sinne einer notwendigen
Transsubjektivität anerkannt wird, die letztlich allein aus der Liebe
geboren sein kann, sofern die Welt – als eine wirklich für alle
"gewollte" – die Perspektivenreduktion der ausschließlich
ich-eigenen Weltreferenz einschließt. Dies kann nicht mehr nur von der
Welt als "Universalhorizont" her geboten sein, sofern die Welt-für-den-anderen
mir perspektivisch-erkenntnismäßig an seinem "Dort" nicht
originär-selbstgegeben zugänglich ist, sondern eine Welt-für-alle kann
nur personal – oder eben liebend – gesetzt und bejaht sein.
Damit verknüpft auch Simone Weil – wie Husserl in der V.
Cartesianischen Meditation - die Fremdwahrnehmung mit der
gemeinsamen Weltwahrnehmung, aber da sie die eigentliche Anerkennung des
Anderen an Liebe und Aufmerksamkeit bindet, ist dessen Wahrnehmung nicht
schlechthin "naturalisiert", wie es oft Husserls Appräsentationthese
vorgeworfen wurde.[13]
Kant wies mit dem wohlbekannten spekulativen
Modell, "welche Welt wohl [ein Mensch], durch die praktische Vernunft
geleitet, erschaffen würde", auf diese implizit ethischen und
metaphysischen Konsequenzen einer umfassend aufgeklärten Weltlektüre
hin. Nicht nur wäre gefordert, dass ein solches Subjekt gedachter Schöpfung
sich als phänomenales "Glied" in die Kausalität selbst
"hineinsetzte" und seine individuelle Schöpfung nach der
"moralischen Idee vom höchsten Gut" wählte, sondern "er würde
auch wollen, dass eine Welt überhaupt existiere." Und diese tatsächlich
gewollte Wirklichkeit würde nicht einmal in Frage gestellt durch
"die Gefahr, für seine Person an Glückseligkeit sehr einzubüßen",
nämlich aufgrund des Umstandes, dass die allgemeinen Existenzbedingungen
der Welt ohne besondere Absichten in bezug auf meine subjektive
Selbstverwirklichung erscheinen. Aber gerade der hier als modellhaft von
Kant vorgestellte Weg von der Weltexistenz zur Schöpfungsfinalität, der
diese Einheit als Freiheit in Gott postuliert, ist der "unumgänglich"
notwendige Weg, der "von der Moral zur Religion führt",[14]
das heißt, Natur und Gnade ohne Quietismus zur Übereinstimmung bringt.
Die Religion wäre so in der Tat die subjektiv-konkrete Praxis der
Verwirklichung dessen, was jede angemessen gegenständliche Vorstellung
zeichenhaft-symbolisch an transzendenter oder relationaler
"Theorie" enthält. Je dichter die im Symbolisierungsprozess von
wahrnehmender Erkenntnis berücksichtigte Realität ist, umso höher ist
auch der Wert ihrer Vorstellung.
Oder mit Simone Weils Worten: je mehr sich
ein bestimmtes "Objekt" symbolisch
mit dem gesamten Schöpfungsgefüge identifizieren lässt, um
dieses in dessen "objektivem" Sein zu re-präsentieren, umso
mehr gewinnt auch jede Wahrnehmungslektüre an universaler Dimensionalität,
ohne dabei ihre konkrete, das heißt leiblich-situative Einwurzelung
aufgeben zu müssen, weil nach Simone Weil mit der Perzeption sinnlicher
Gegenstände "einfache Beziehungsbündel bezeichnet werden, die sich
dem Denken mittels der Sinne aufdrängen". Gefühle, Ideen, ja der
"gesamte psychologische Gehalt des menschlichen Bewusstseins"
sind, wie schon erwähnt wurde, nichts anderes als solche Beziehungen (rapports),
aus denen die Realität um uns herum besteht, während "im Licht der
Wirklichkeit alles an sich göttliche Vermittlung ist". Was der
Verstand in seiner ihm transparenten Notwendigkeit als relationale
Klarheit kategorial-anschaulich begreift, ist entsprechend dieser
intelligibel und ästhetisch fundierten Symbolkorrelation "ein
abgestuftes Bild" mediativer Grundbestimmung des Seins: "Gott
ist Vermittlung, und alle Mittlerschaft (médiation) ist Gott. Gott
ist Vermittlung zwischen Gott und Gott, zwischen Gott und Mensch, zwischen
Mensch und Mensch, zwischen Gott und den Dingen, zwischen Dingen und
Dingen, ja sogar zwischen jeder Seele und ihr selbst." Zwar vermag
der Mensch "dieses göttliche Wirken (opération) der
Mittlerschaft" nicht direkt an sich zu begreifen, aber er kann es zum
höchsten Gegenstand seiner Liebe machen und in jeder erfahrenen Relation
eben ergreifen: "Diese Identität drückte der heilige Johannes aus,
wenn er Christus den Namen der Beziehung (rapport) gab, logos; und
dies meinten die Pythagoreer, wenn sie sagten: 'Alles ist Zahl.' [...] Und
die Mittlerschaft ist genau dasselbe wie die Liebe."[15]
Wenn Simone Weil daher in ihrem Essay über
"Die Gottesliebe und das Unglück" festhält, dass
"Christus die Welt allein dadurch bezwungen hat, weil er - als
die Wahrheit - bis auf den Grund selbst des äußersten Unglücks in
der Wahrheit verblieb",[16]
so verdeutlicht sie damit in Kontinuität mit ihren reduktiven Lektüreanalysen
die Kreuzessituation als jenes Ausharren im rein liebenden Gehorsam als
Abweis von je innerweltlichen Finalitätsbezügen im Sinne begrenzt
subjektiver Schöpfungen. Das Ausweichen in deren schützend imaginäre Lügenhaftigkeit
als Ersatzvorstellungen für verloren gegangenen "Lebenssinn"
ist unter anderem jedem größeren Leid nur zutiefst eigen, weshalb es als
Anlass zur Errichtung einer neuen perzeptiven Weltsymbolik angesprochen
wurde. Gerade damit jedoch wird der allein angemessene Gegenstand der
Liebe vernichtet: Dass nämlich die Notwendigkeit die "Substanz des
Universums" sei, und zwar als Gehorsam gegenüber der untrüglichen
Liebe Gottes im platonischen Sinne des gewaltfreien "Überzeugens".
Ein solches Passionsverständnis qualifiziert dann aber die Realität
insgesamt um, indem konsequent die unaufhebbare Herrschaft einer
"mathematischen, absolut tauben und blinden Notwendigkeit durch das
ganze Universum hindurch" nach der intelligiblen Seite hin so
verstanden wird, dass gerade jenes "ganze Universum in der Gesamtheit
von Raum und Zeit als das Kreuz Christi erschaffen worden ist".[17]
Hierdurch hat nun explizit jede Bewegungsgeste, durch die ein
Wahrnehmungsgegenstand Gestalt gewinnen kann, Anteil an dieser universal
christologischen Wirklichkeitsform der Sinnlichkeit, denn je reiner diese
transzendental raumzeitlichen Bedingungen einer jeden Erscheinungsrelation
phänomenal bewusst werden, umso mehr wächst auch die Liebe zu ihrem
Eigensein, das sich mit der Schönheit als - nur in der rezeptiven
Aufmerksamkeit - geschenkter Gegenwart vollendet.
Ist diese Epoché als Dekreation auch
dergestalt eindeutig religiös konnotiert, so kann man ihr dennoch nicht
absprechen, dass es Simone Weil dadurch gelingt, phänomenologisch alle
affektiv-leiblichen wie noetisch-intentionalen Vermögen in den Vollzug
dieser Epoché einzubeziehen und der Reduktion eine letzte
"Wesensgegenständlichkeit" zu überlassen, welche der
Motivation zur freien Epoché selbst entspricht - nämlich eine
Wahrheitspräsenz zu ermöglichen, die nichts Wirkliches außerhalb von
sich lässt. Insofern kann man Jan Patocka recht geben, dass "die
Konstitution die durchgeführte Reduktion" darstelle, auch wenn er
selbst nicht nur eine letzte religiöse Verwirklichung gerade solcher
Weltkonstitution ausschließen würde, sondern ebenfalls die immanente
Seinsart der reduzierten Bewusstseinssphäre von der Welt als
"Bedingung der Möglichkeit des Erscheinens des Selbst" abhängig
macht: "Nicht zum unendlichen Seienden führt die konsequent zu Ende
geführte epoché, sondern zum Apriori, welches in keiner Weise als seiend
angesprochen werden kann, sondern seine Funktion darin entfaltet, dass es
ein Selbstverhältnis ermöglicht, eine Seinsstruktur, ohne welche kein
Erscheinen möglich ist."[18]
Daß im Gegensatz zu solcher Anonymisierung
der phänomenologischen Originarität von Simone Weil der Versuch
unternommen wurde, die ästhetisch-ontologische "Übereinstimmung"
(convenance) gerade als eine "Gnade" einzuführen, die
zugleich unabhängig von uns gegeben ist, wie aber auch leibhaft
sakramental verwurzelt bleibt,[19]
liegt insofern auf der Hand, als die beiden bestimmenden Anschauungsformen
a priori unserer Sinnlichkeit, nämlich Raum und Zeit, mit gleichem
Recht in ihrer universalen wie subjektiven Natur auftreten. Auf der einen
Seite bilden der je individuell-situative Ort und Augenblick ja den
Vorwand, und zwar entgegen Kants erwähnten allgemeinem Schöpfungswillen,
befriedigte Existenz allein für sich selbst unter Hinweis auf den
raum-zeitlich singulären Standpunkt eines begrenzten Ich zu beanspruchen.
Aber auf der anderen Seite umschließen die Anschauungsbedingungen der
Verstandessynthesis die Gegebenheit einer kosmischen Ordnung, wodurch
Geist und Sinnlichkeit dank der Schönheit miteinander verbunden sind und
in einer Art "Trans-perspektivismus" theoretische und praktische
Vernunft vereinen.[20]
Folglich erweist sich jedes dekreativ reduzierte Objektbegehren grundsätzlich
als die oben erwähnte inchoative Zustimmung in das Wirklichkeitsganze –
und dadurch ist auch die Gnade als virtuelle Vollendung der Welt in ihrer
impliziten Anerkennung nach Simone Weil mitgesetzt. Dies bedeutet natürlich
nicht, dass sich eine subjektive Vorstellung irgendwie ein solches Bild
der Welt aus der Sicht des Übernatürlichen ausmalen kann, da dieses nur
in der Liebe als christologische Inkarnation gegeben ist, wobei unter
Liebe kein Zustand, sondern die "Orientierung des Blickes"
verstanden wird: "Wir sind nichts anderes als ein Ort, durch den die
göttliche Liebe Gottes zu sich selbst geht."[21]
Und dieser "Ort" wäre dann die Intentionalität als Liebe, das
heißt als radikale Epoché jedes verlangenden Blickes, der seine
Intentionalität an seine Wurzel zurückgenommen hat.
Die Einschreibung des Bewusstseinsbestandes
in die christologische Figuration als Anschauungsprinzip gehorcht damit
einer Bedeutungsschöpfung, die realitätsgerechter eben von Simone Weil
eine "Ent-schöpfung" (dé-création) in bezug auf die
bis dahin rein egohaft erfolgten Sinnfixierungen genannt wird und schließlich
die gesamte durchlebte Wahrnehmungstätigkeit zu einem "Symbol
Gottes" werden lässt.[22]
Wo dieses Symbol als das reine Begehren des Guten selber identifiziert
wird, mußte dessen Entstehungsort im Subjekt genau mit jenem
"Schnittpunkt" gleichbedeutend werden, durch den die Liebe
Gottes zu sich selbst hindurchgeht. Das heißt, diese Liebe wird in einem
kreatürlichen "Ja" vermittelt, das - angenagelt auf dem
Kreuz von Raum und Zeit - darauf verharrt, und zwar zur Ausformung
der dekreativ christologischen Passionsrealität als einer übereigneten
neuen Subjektidentität. Diese Ich-Leerstelle bildet zugleich die
transzendentale Ermöglichung der weltlichen Textfülle bzw. mit Simone
Weils eigenen Worten die "transzendente Vollendung der Schöpfung".
Die Bestimmung der Schöpfung lautet also keineswegs auf Vernichtung,
sondern es handelt sich um eine göttliche Gewährung der Seinsteilhabe
als eines "mit-kreativen" Aktes: "Alles von den natürlichen
Vermögen Begriffene ist hypothetisch. Allein die übernatürliche Liebe
setzt [Wirkliches]. Auf diese Weise sind wir Mit-Schöpfer (co-créateurs). Wir nehmen an der Erschaffung (création)
der Welt teil, indem wir uns selbst ent-schaffen (en nous dé-créant)."[23]
In der dekreativen Praxis erscheint somit
rein die auf christuskonforme Weise entzifferte "Geste" des göttlich-schöpferischen
Gründungsaktes der Welt, so dass die Philosophie als Diskursivität zu
einem "liebend eröffnenden Blick" auf eben jene absolute
"Bedeutung" des Universums eingeladen wird, wie sie im Moment
der Kreuzesverlassenheit des Sohnes durch den Vater zeitdurchdringend
offenliegen. Darin vollendet sich die weilsche Epoché als Dekreation im
Sinne eines alles Sein resymbolisierenden Entwurfs konkreter Phänomenologie
und Metaphysik, nämlich als die für sich zu ergreifende Idee
christologischer Wirklichkeit, welche die realitätsbegründende
Wahrheitsoffenbarung im Sinne der Schöpfungsinitiative Gottes schlechthin
darstellt. Im Maße ihrer Versöhnung von Erscheinen und Sein, von
welthafter Abwesenheit und tatsächlicher Wirklichkeitsfülle Gottes, wird
diese verlangend-übernatürlich sich anzueignende Lektüre als
"Nicht-Lektüre" zudem unmittelbar zur wirkkräftigen Triebfeder
praktisch-dekreativen Handelns, das alle subjektiv-projektive
Intentionalität als Interpretation von diesem realitätsneuschaffenden
An-erkennen (re-co[n]-naissance) her durchbricht. 2.
De-kreation und Wert in der Phänomenologie Die
weilsche dekreative Epoché erweist sich in solcher Beschreibung als die
restituierte Dignität des impressional oder sinnlich Flüchtigsten im
Wahrnehmungs- und Erkenntnisvorgang, so wie auch Husserl immer wieder
herausstellt, dass durch die Epoché als Reduktion der Welt in ihrer
Glaubensgeltung diese nicht verlorengeht oder ontologisch verringert wird,
sondern gerade erst dadurch ihre allseitig konstitutiven Bezüge dem
reduktiv-transzendentalen Blick sichtbar werden. Nur gewinnt die Welt bei
Simone Weil durch ihre Reduktion auf die Offenbarung übernatürlicher
Liebe hin eine zusätzlich transzendente Dimension, die Husserl ausschließlich
dem religiösen Glauben zuordnet. Aber auch dieser muss phänomenologisch
in seiner Sinnstruktur aufweisbar sein. Erschien nämlich bei Simone Weil
das sinnliche Empfindungsvermögen zunächst als unser trügerischster
Besitz in Ansehung des Wahrheitszuganges, so muss es jetzt rückblickend
als jener Einwurzelungsgrund bewertet werden, auf dem nicht nur jede echte
Erkenntnis wächst, sondern auch jeder "religiöse Glaube" (foi)
im fundamentalsten Sinne: "Die Ehrfurcht vor dem Menschenwesen [...]
beruht auf einer Verknüpfung, die in der menschlichen Natur zwischen der
Forderung nach dem Guten, welche das Wesen des Menschen ausmacht, und dem
Empfindungsvermögen besteht [...] Sie bewirkt, dass – wenn das
Leben eines Menschen infolge der Handlungen oder Unterlassungen anderer
Menschen, durch eine Verletzung oder Beraubung der Seele oder des Leibes
zerstört oder verstümmelt wird - in ihm nicht allein das
Empfindungsvermögen diesen Schlag empfängt, sondern ebenso das Verlangen
nach dem Guten. Es ist dann an dem ein Sakrileg begangen worden, was der
Mensch an Heiligem (sacré) in sich schließt."[24]
Damit nähert sich Simone Weil, wenn auch auf
eigenen Wegen, der radikalphänomenologischen Gegen-Reduktion in dem Sinne
an, dass die Sinnlichkeit als immanente Selbstaffektion ein absolut-phänomenologisch
Gutes ist, welches eine originäre Selbstoffenbarung Gottes in sich birgt.[25]
Da Simone Weil jedoch den intentional-transzendenten Bezug zu diesem Guten
als sinnlich verborgenem Begehren nicht einklammert, wirkt bei ihr – phänomenologisch
unbefragt - unbefragt das platonische und cartesianisch-kantische Erbe
weiter. Aber der von ihr prinzipiell gesehene Zusammenhang zwischen der
sinnenhaften Konstitution des Menschen mit seiner originär nach dem Guten
begehrenden Liebe als einer lektüre-reduzierend aufweisbaren Vermittlung
von Verstand und Vernunft bzw. von Erkennen und Praxis lässt alle
Sinnverleihungen im Rahmen der transzendental-lebensweltlichen Bestimmung
von Bedeutungen als eine phänomenologische Vorzeichnung auf eine darin
grundgelegte metaphysisch-religiöse Gestalt erscheinen: "Sobald man
das gesamte menschliche Leben, das gewöhnlichste Leben, das natürlichste
Leben untersucht, besteht es aus einem der Intelligenz völlig
undurchdringlichen Gewebe von Geheimnissen (mystères), welche die
Bilder der übernatürlichen Geheimnisse sind und über die man nur durch
diese Ähnlichkeit Rechenschaft ablegen kann. – Das menschliche
Denken und das Universum bilden so die recht eigentlich offenbarten Bücher,
wenn die durch Liebe und Glaube erhellte Aufmerksamkeit sie zu entziffern
weiß."[26]
Dass die einfachste Vorstellung mit ihren
zeichenhaft reduzierten Formen in Eindrücken wie Gefühlen über die
jeweilige Wertintentionalität – kraft deren Horizonte ein Netz von
perzeptiv-axiologischen Beziehungen entsteht – auch
"Gott" miteinschließt, dürfte in dieser allgemeinsten
Feststellung kaum einen wesentlichen Unterschied zur
zeitgenössischen spirituell phänomenologischen
Geistesphilosophie, wie etwa bei Gaston Berger,[27]
ausmachen. Die sich verdichtende Differenz Simone Weils gegenüber allen
bisherigen Phänomenologien tritt erst dort besonders prägnant hervor, wo
am offenbarungsbezogenen Inkarnationsgeheimnis in Gegenüberstellung mit
der geometrisch-relationalen Gestik die passionshaft bezeugte
Notwendigkeit übernatürlicher Liebe als trans-hypothetisches Realitätskriterium
abgelesen wird.[28]
Da das Unglück zum Prüfstein aller Philosophie bei Simone Weil wird,
also weder nachempfindende Worte noch rational zur Behebung
bereitgestellte Mittel über dessen Zerstörung und Leere hinweghelfen,
ist solches Malheur die unversöhnlich erscheinende Verweigerung von
Existenz seitens der Welt bzw. letzte Abwesenheit von Schönheit, Freude
und Gnade für das Bewusstsein, obwohl gerade letztere die an sich reinen
Besitzformen ohne Gier am Wirklichen darstellen. Unglück ist Entzug des
weder kalkulier- noch deduzierbaren Geheimnisses der Zuneigung von Welt für
Sinne wie Geist, und daher ist es für das Subjekt Berührung als
Konfrontation mit der Wirklichkeit in buchstäblichster Bedeutung. Es ist
Erleben "roher Kraft" schlechthin, wie Simone Weil sagt, und
damit "Gegenwart" in einem heterogener akzentuierten Sinne, als
es die Reduktion auf "leibhafte Selbstgebung" bei Husserl zum
Ausdruck bringt.
Die Versöhnung zwischen dem Wirklichen und
dem Notwendigen darf gewiss nicht zu einem apologetischen Vorwand für
nicht zu rechtfertigende "Objektivitäten" sozialer oder
gesellschaftlicher Art beispielsweise werden, aber nichtsdestoweniger
bleibt die Freiheit bei Simone Weil im Sinne der gehorsamen Liebe
aufgerufen, jede Realität des Grauens mit dem Guten zusammenzudenken.
Dies ist sogar die der Freiheit als Liebe zufallende synthetische Leistung
originärster Natur im Augenblick aller sich auflösenden Sinnbeziehungen
und ihrer daran noch phänomenal geknüpften "Bedeutungen",
womit der Begriff der Synthesis sowohl im kantischen wie im husserlschen
Sinne sich radikal ändert, wo er gerade (objektive)
"Sinnstiftung" bedeutet. Im Verweis auf Shakespeare und
Velasquez, die Narren seien bei ihnen die einzigen Figuren, welche der
Wahrheit Wert verliehen, fährt Simone Weil in einem Brief kurz vor ihrem
Tode mit vierunddreißig Jahren fort: "In dieser Welt haben tatsächlich
diejenigen allein die Möglichkeit, die Wahrheit zu sagen, die dem
tiefsten Grad der Demütigung verfallen sind, weit unterhalb des
Bettlertums, nicht nur ohne jede soziale Achtung, sondern vor allem so
angesehen, als wären sie der wichtigsten menschlichen Würde entblößt -
der Vernunft. Sie allein sagen die Wahrheit, alle anderen lügen."[29]
Nicht übergehbar ist hier die äußerste
Epoché, welche der Vernunft zugemutet wird, wenn sie bei ihrer Frage nach
dem Wahren an Narrheit und Wahnsinn (folie) verwiesen wird -
eine Epoché, welche die Vernunft nicht mehr als Vernunft leisten kann,
sondern nur noch aus einer Motivation heraus, die kein besonderes Motiv
mehr ist. Ohne partikuläres Motiv zu handeln, entspricht aber genau der
Leere, wenn nichts Äußeres mehr dem Inneren entspricht; anders gesagt,
wenn die Epoché selbst zur Aufhebung jeder noch unter Einzelaspekten
gesehenen Weltgestalt geworden ist, um "Welt" als solche in
ihrer rein transzendentalen Welthaftigkeit zu erkennen, die dem phänomenologisch
implodierten Leben keine inhaltliche Erfüllung mehr bieten kann. Diese
Reduktion der Welt durch die radikale Aufhebung ihres Finalitätsscheins
tritt in der religiösen Epoché wie bei Simone Weil als der Anruf einer
anderen Möglichkeit phänomenologischer Selbstgebung auf, nämlich als
das Sein, welches nicht mehr "ist", sondern sich nur mehr noch
"gibt", damit Sein "sein" kann. Die Narrheit hat
keinen Grund mehr aufgrund ihrer wahn-sinnigen Ver-rücktheit, Existenz
noch mit irgendwelchen einzelnen Motiven zu rechtfertigen; sie besitzt nämlich
keinen vorweisbaren "Rechtstitel" der Vernunft mehr, was sie
aber nicht daran hindert, ein freies Fiat gegenüber der Welt zu sein:
"Modalisierung [der Bejahung und Verneinung] ist nicht bloß ein Phänomen,
das die Gegenstände und die gegenständliche und praktische Welt in ihrem
Seinscharakter betrifft, sondern der Urteilende ist persönlich betroffen,
wenn er genötigt ist, eine Urteilsgewissheit (und so überhaupt eine
Glaubensgewißheit) preiszugeben."[30]
Die Hinwendung Simone Weils zu Dichtung und
Malerei, wie zum Beispiel zu Shakespeare, Velasquez und anderen, ist daher
für die dekreative Epoché in ihrer absolut "personalen"
Betroffenheit und Umgestaltung als die Möglichkeit der
Wahrheitsoffenbarung im extremen Widerspruch zu deren doxischer
Erscheinung zu werten. Der synthetische Zwang zur Erkenntnislösung in der
identifizierenden Vernunft schlägt hier um in die stumme, sinnentleerte
Geste von Narrheit und Wahnsinn als Bedeutungsentzug von an sich zu erfüllender
Weltinhaltlichkeit: Wahrheit soll sein, aber sie wird verborgen zuteil,
als das "Andere" dessen, was "ist" oder erwartet wurde -
und je in teleologischer Typik erwartet werden konnte. Das nicht selbst
setzbare Ziel der weilschen Epoché bildet die Selbsterkenntnis der reinen
Negativität des Subjekts als Realitätsinstanz der projektiv
wirklichkeitsverfehlenden Teilintentionalitäten – und nicht bloß
eine relative Erkenntniskontingenz der Welt, da der "Weltglaube"
durch einen möglichen Wahrnehmungserfüllungsabbruch bzw. durch ein
"Erscheinungsgewühl" (Kant) wie bei "Verrücktheit"
verlorengehen kann. Dieser Verlust des "harmonischen
Approximationsideals" bezieht sich jedoch bei Husserl nur auf die
Erkenntnisfrage der Welt und ihre zunächst notwendige Einklammerung
"kommunikativer Evidenz" immer mitgegebener Anderer, ohne dass
der Wahrheitsstatus durch ein entsprechendes "Unglück" des
Wahnsinns radikalisiert würde, um Liebe und Aufmerksamkeit an die Stelle
des Erkennens treten zu lassen.
Erst der energetische und perspektivische
Nullpunkt des positionalen Ego der Geltungen, noch reduzierter als der
Raumnullpunkt meines Körpers bei Husserl, offenbart daher eindeutiger die
eigentliche Bestimmung dieses Ego, die mit einer Neuschöpfung aus
"Gott" als dem absolut Anderen von "Welt" auf dem
Hintergrund des Wahnsinns zusammenfällt. Ich-Kontinuität wird so, wie
angedeutet wurde, ein christologisch zu motivierendes Leben, was nur heißen
kann: durch den Ab-grund des Kreuzes als göttlich-menschliche Seinsleere
hindurch. Philosophisch problematisch erscheinen danach bei Simone Weil
alle Versuche einer Seins-, Lebens-, Bewusstseins- oder Geistmetaphysik,
die jene im subjektiv täuschenden Zielverlangen gegebene Negativität zu
vorschnell integrieren oder aufheben, ohne den – alle
perspektivischen Festschreibungen verändernden – Gehalt von Schöpfung
und Inkarnation als Modelle radikaler Epoché wirklich ermessen zu wollen:
"Die Passion kann von der Schöpfung nicht getrennt werden. Die Schöpfung
selbst ist eine Art Passion. Meine Existenz selber ist wie ein Zerreißen
Gottes, ein Zerrissenwerden aus Liebe. Je armseliger ich bin, desto
sichtbarer wird die ungeheure Weite der Liebe, die mich in der Existenz
erhält."[31]
Sofern Klassifizierungen heuristisch
weiterhelfen können, führt diese passionshafte Distanz wie Nähe in
ihrer phänomenologisch-reduktiv verantworteten Darstellung zu einer
religiösen Epoché, welche die Einheit der Gegensätze auf
theo-ontologischer Ebene zugleich als Existenzialverfasstheit
durchscheinen lässt, das heißt, die Reduktion welthaften Seins kehrt
sich in die Wahrheit unseres passiv-originären Lebens um. Daher bleibt
auch die oben gewonnene Wahrheitsverwurzelung der Sinnlichkeit gültig,
obwohl sie, rein projektiv-intentional gesehen, ohne Ausflucht an die
Auslieferung in Irrtum und Illusion hinein gekettet ist. Da das Anderssein
zugleich das unverfügbare "Selbst" unserer göttlich-christologischen
Neuschöpfung ist, vollzieht sich die reduktive Logik der zu treffenden
Scheidung zwischen Realität und Schein im originären Ergreifenlassen
durch das Symbol der Wirklichkeit Desjenigen, bei dem dieser Widerspruch
und dessen Einheit das inkarniert offenbare Sein als solches ausmachen:
"Das Kreuz ist unsere Heimat. Die Erkenntnis des Unglücks ist der
Schlüssel des Christentums. Aber diese Erkenntnis ist unmöglich. Es ist
unmöglich, das Unglück zu kennen, ohne hindurchgegangen zu sein."[32]
Gerade mit solchen Sätzen einer schwer- bis todkranken Emigrantin, die
Erkenntnisprobleme – woran zu erinnern bleibt –
"ausschließlich als Handlung und praktisch bestimmt" ansah,
wird keineswegs, etwa eilfertig aus bloßer Hoffnung oder Schwäche
heraus, eine metábasis eis állo génos postuliert, auf der zu
gewichtig das Verdikt jeder transzendentalen Methodenlehre lastet. Wenn
jedoch für Simone Weil die wahn-sinnige Wahrheitsteilhabe in dem
privilegiertesten Augenblick des spirituellen oder physischen Todes als
Narrheit gesehen wird, dann hat sie damit wahrnehmungsanalytisch nur
vertiefend ihre Auseinandersetzung mit der phänomenologisch-reflexiven
Lektürereduktion seit ihren Frühschriften weiterverfolgt: "Das
Handeln lässt sich nicht vom Denken unterscheiden. Denn sobald Freiheit
gegeben ist, liegt auch vollkommene Erkenntnis vor [...] In der Erkenntnis
wie im Handeln hebt Subjektivität mit dem Augenblick der Knechtschaft an;
wäre der Geist stets und gänzlich frei, so wüßte er demnach alleSimone"[33]
Die äußerste Epoché ist jener Augenblick,
wo Denken und Handeln eins sind; die Motivation mit anderen Worten nicht
mehr vorgestellt wird, sondern nur als Vollzug ganz gegeben sein kann,
sofern die Epoché eben jede Vorstellungs(voraus)setzung aufhebt. Es ist
nicht möglich, die Epoché zu vollziehen und dabei zugleich den Blick
"auf sich selbst" beizubehalten. Denn es gibt nicht nur keinen
"Blick des Blicks", sondern jedem Selbstsein als einer solchen
re-flektiven Seinsversicherung ist durch die Aufhebung des
mundan-doxischen Welthorizontes einschließlich der naturalen
Selbstapperzeption der Boden entzogen. Im Unglück als Wahnsinn sowie Tod
wird genau diese Reduktion vollzogen, so dass die Epoché auch mit dem
platonischen "Sterbenlernen'" von Simone Weil verglichen wird:
"Man kann dem Unglück nicht von ganz nahe mit beständiger
Aufmerksamkeit ins Gesicht blicken, wenn man nicht den Tod der Seele aus
Liebe zur Wahrheit angenommen hat. Von diesem Tod der Seele sprach Platon,
als er sagte: 'Philosophieren heißt sterben lernen.'"[34] Wenn Husserl die Universalität der Epoché begrenzt,
wie er in Ideen I () 32) sagt, dann geschieht dies genau aus dem
Motiv einer möglichen Wissenschaftsbegründung herauSimone Narrheit und
Tod sind jedoch keine Themen der Wissenschaft mehr, was ihren
transzendental lebendigen oder affektiven Vollzug betrifft; weshalb die
Epoché, will man die methodische Begrenzung Husserls angesichts ihrer
vollen Möglichkeiten aufheben, wieder in ihre ganze Universalität
einzusetzen ist. Simone Weils Dekreation ist ein Beitrag dazu, der für
die Phänomenologie nicht mehr übersehen werden kann.[35]
Die Entblößung im Tode korreliert bei
Simone Weil mit einem "von außen" sich mitteilenden
offenbarungsspezifischen Gewissheitscharakter, der keine Evidenz mehr sein
kann, da die Welt als Inhaltlichkeit der Vorstellung aufgehoben ist,
sondern immanente Gewißheit des entleerten Epochévollzuges als solchen
sein muss. Dabei zeigt sich jede Synthesisleistung, unabhängig von ihren
passiven Vorleistungen, als ein problematisches zeitliches Bestimmungsverhältnis,
denn in der genannten Epoché stellen sich Freiheit wie Wahrheit als Liebe
und Gehorsam ebenso momenthaft wie umfassend ein und ergeben sich nicht
erst sukzessiv-intentional im Sinne eines Werdens möglicher
Bestimmungsanreicherung. Was Kant diesbezüglich noch über das praktische
Unendlichkeitspostulat zu lösen vermeinte: nämlich die in der Zeit nie
endgültig bewerkstelligte Selbstbestimmung allein aus dem frei gewollten
kategorischen Imperativ heraus, wird bei Simone Weil zur je aktuellen
Grundentscheidung der konstitutiven wie regulativen Rolle der Freiheit als
einer Liebe, welche die Realität übernatürlich durch aufmerkende
Zustimmung "setzt" und bejaht. Als dekreative Ermöglichung
einer in ihrer ontologischen Gültigkeit nicht mehr zu überbietenden
Gestalt von Welt und Subjekt lässt das jeweilig
energetisch-perspektivische "Sterben am Objekt" als
gleichzeitiges "Symbol des Lebens", wie wir sahen, keine andere
Wahl als jene zwischen tatsächlich gewolltem Sein und illusionärem Chaos
als dem "Nichts" der Wahrnehmung: "Die moralische Handlung
ist Bestätigung des Menschen an sich; dadurch finden wir Kants
kategorischen Imperativ wieder, der zweifelsohne alles über diese Frage
gesagt hat, obwohl es leicht zu verkennen ist [...] Wenn wir schlafen,
sind wir mit dem Ding (la chose) vermengt, und jeder unserer Wünsche
verändert das Ding [...] Aufwachen aus der Knechtschaft, das heißt
gerade, dem toten Ding verwehren, ihm Leben zu verleihen [...] Das Ding
allein also, das Chaos, ist nicht tot, sondern nichts [...] 'Sein oder
Nichtsein, sich selbst und alle Dinge, man muss wählen.'"[36] Zur Epoché als Wahrheitszugang gibt es folglich keine
phänomenologische Alternative, denn letztere würde einen Vergleich von
Weltvorstellungen voraussetzen, die noch nicht selbst der Epoché
unterzogen wurden. Mithin ergreift erst die Epoché die Dinge wirklich,
indem sie sich selbst praktisch ergreift.
Wo unter dieser Voraussetzung sich
transzendental auszuweisender Seinsberechtigung kein Raum mehr für
irgendwelche Art andersgestalteter Existenz nach Simone Weil verbleibt -
keinerlei Ich-Welt in all deren denkbaren Schattierungen und partikulären
Rechtfertigungen, da gilt folglich von jedem dekreativ freien Akt, dass er
in seiner sinnlich phänomenalen Gebundenheit als solcher jenes Moment des
Apodiktischen verwirklicht, welches alle noumenale Gesetzesübernahme überhaupt
charakterisiert. Der Tod ist daher keine reine Möglichkeit des sich
allein entwerfenden Ich als "Dasein" mehr, so wenig wie er das
Objekt irgendeiner weltbegrenzten Wahrnehmung sein kann. Die für die
nicht-dekreative Analyse nur sehr schwer durchschaubaren Selbsttäuschungen
über die Natur der bei solcher phänomenologischen Grenzbestimmung
vorausgesetzten Entscheidungsradikalität (da solche Illusionen sich
letzterer ebenso subtil wie imaginär zu substituieren wissen) verstärken
die ohne Zweifel von vornherein verspürbare Tendenz weilschen Denkens,
die Bedingungen des faktisch letzten Augenblicks zeitlicher Existenz zu
antizipieren, um sie als eben diejenigen des effektiven Wahrheitszuganges
mittels Epoché zu erweisen. Dem Sterben wird damit seine letzte,
notwendige "Bitterkeit" nicht genommen, wie sie sagt,[37]
noch aber auch der Tod zum Ideal der "Eigentlichkeit" erhoben,
als ob sich in ihm eigenmächtig das Wesen des Daseins ereigne, wie dies
Heidegger nahelegt.[38] Simone Weils Forderung, "tot sein zu müssen, um
die Dinge nackt zu sehen", stellt nämlich ebenso radikal die
Kategorie des "Subjekts" im Sinne der Selbst- und Seinssetzung
in Frage, wie es die existenziale Metaphysikdestruktion tut, denn
"die Einbildung ist immer mit Begehren verbunden, das heißt mit dem
Wert. Allein das Begehren ohne Objekt ist leer an Einbildung. Das Schöne
ist nackt, nicht von Einbildung verhüllt. Gottes wirkliche Gegenwart ist
in allen nicht von der Einbildung verhüllten Dingen gegeben."[39]
Genau betrachtet gibt es hier sogar keinerlei
Verwirklichungsdimension des Daseins mehr auf der Ebene des naturalen oder
seinsimmanenten Faktums - denn solches bliebe letztlich die reine Möglichkeit
eines von mir erwirkten Todessinnes als meiner Daseinsleistung. Das Gute
und das Schöne offenbaren in der Abhängigkeit ihrer Zugänglichkeit von
einer Todeserfahrung in der Zeit für das Ich die Notwendigkeit eines
Aktes selbstabrückender Zustimmung, die für Simone Weil nur im Verbund
mit Gottes Weltandersheit als Liebe zu denken ist. Zugleich jedoch birgt
bei ihr jeder intentional-objektkonstituierende Akt mittels der
dekreativen Epoché diese Möglichkeit, um die "Loslösung" von
der egohaften Selbstreferenz in der Gebung als Gnade zu vollziehen.
Deshalb entzieht sich die weilsche Epoché in ihrem offenbarenden
Stellenwert gerade auch nicht - wie die husserlsche eidetische
Reduktion - der Alltäglichkeit, deren konkretester wie
bedeutungsreichster Ort die Arbeit darstellt: "Was auch im Himmel die
geheimnisvolle Bedeutung des Todes sein mag, auf Erden ist er die
Verwandlung eines Wesens aus zuckendem Fleisch und denkendem Geist, eines
Wesens, das begehrt und haßt, hofft und fürchtet, will und nicht will,
in einen kleinen Haufen regloser Materie. - Die Zustimmung in diese
Verwandlung ist für den Menschen der höchste Akt vollkommenen Gehorsams
[...] Die körperliche Arbeit ist ein täglicher Tod. Arbeiten heißt,
sein eigenes Sein, mit Leib und Seele, in den Kreislauf der reglosen
Materie einbringen, es zu einem Verbindungsglied (intermédiaire)
zu machen zwischen einem Zustand eines Materieteils und einem
darauffolgenden, heißt, sich zu einem Werkzeug (instrument) zu
machen. Die Leibbewegungen und die Aufmerksamkeit des Geistes entsprechen
den Anforderungen des Werkzeugs (outil), das seinerseits der zu
bearbeitenden Materie angepasst ist [...] Die Zustimmung in den Tod, wenn
der Tod gegenwärtig ist und in seiner Nacktheit erscheint, ist ein äußerstes
augenblickhaftes Sich-Losreißen von dem, was jeder sein Ich (moi)
nennt. Die Einwilligung in die Arbeit ist weniger gewaltsam, [aber]
unmittelbar nach der Einwilligung in den Tod [...] der vollkommenste Akt
des Gehorsams, den der Mensch zu leisten vermag."[40]
Davon kann auch die Epoché nicht befreien,
selbst wenn - wie Husserl sagt – ihre Duchführung die Formen
einer "Tortur" anzunehmen vermag.[41]
Hierin nicht nur eine Metapher zu erblicken, sondern eine tatsächlich phänomenologische
Vollzugswirklichkeit, vereint in solcher Bemühung beide Philosophen. Ihre
Übereinstimmungen wie Unterschiede sind dann nicht zuerst eine Frage der
Terminologie, obwohl auch diese sich annähern ließe, wenn Husserl etwa
vom "Entwerden des endlichen Menschentums im Werden zum Menschentum
unendlicher Aufgaben" spricht.[42]
Vielmehr geht es um ein Grundanliegen, dass sich durch die
Charakterisierung "unendlich zu beschreibende Horizonte" und
"ontologische Stufung" ausdrücken ließe. Dabei sind solche
konstitutiven Stufungsbetrachtungen gerade auch bei Husserl in seiner
statischen Phänomenologie festzustellen (zum Beispiel Natur, Leib, Seele,
Person, Kulturwelt), aber wie gerade das "unendliche kulturelle
Werden" zuvor zeigte, handelt es sich bei ihm um eine durchgehende
Strebenstendenz des transzendental-intentionalen Lebens, das letztlich die
gesamte Monadologie von der latenten, dann passiv-urtrieblichen Hyle bis
hin zur geschichtlichen Verzeitlichung des Absoluten selbst umfasst.
Hierbei gelingt Husserl insbesondere die Aufklärung einer passiven
Genesis durch eine reduktive Abbauanalyse hindurch, die bei Simone Weil in
dieser Weise eindeutig fehlt. Das heißt, ihre ontologisch axiologische
Stufung von Lektüre, Dekreation und Übernatürlichem (bzw. Gott oder dem
absolut Guten) vermag zwar durch den intentionalanalogen Begriff des
Begehrens oder Begehrens (désir) die affektiv-perzeptive
Erscheinensoriginarität in die Gesamtbewegung der schöpferisch-ontologischen
Nicht-Lektüre zu integrieren, aber es findet bei ihr kein eigentlicher
Aufweis der phänomenologischen Positivität von Affektion, Leidenschaft,
Trieb, Leben usw. statt, wie sie durch die Vorstellungs- und Urteilsepoché
als Fundierungsboden aller weiteren Geltungssymbolisierung im Sinne des
Werthaften freigelegt werden. Es scheint daher, dass Simone Weil sich zu
schnell von der rein subjektiven, originären Erfahrungsgrundlage befreien
will, um sie mittels Zeichen-, Anstrengungs-, Arbeits- und "Todes"-Reduktion
auf eine intelligible Notwendigkeitsstufe innerhalb perzeptiver Eidetik
und sodann auf die Ebene liebenden Gehorsams hin zu funktionalisieren.
Husserl wie Simone Weil kritisieren in diesem
Kontext die Abstraktion der Wissenschaften von jener
urdoxisch-lebensweltlichen Einwurzelung, wie wir sahen. Aber wenn man
Husserl vorwerfen kann, dass er durch seine Wissenschaftsreduktion die
Epoché der Wissenschaftlichkeit selber als rational teleologischer und
gemeinschaftlicher Geschichtsvernunft im letzten nicht vornimmt, um
wirklich phänomenologisch das reine "Wie" der passiv-originären
Selbstverlebendigung zu befragen, so kann man bei Simone Weil erkennen,
dass ihre dekreative Reduktion vom vorausgesetzten Ideal einer letztlich
spirituellen Axiologie getragen ist, und zwar von Beginn ihrer zunächst
atheistisch bzw. agnostizistisch geprägten Untersuchungen an. Steht die
Epoché aber prinzipiell bereits in einem Motivationshorizont von
"Vernunft" oder "Wert", so bleibt zu fragen, ob damit
ihrer eigenwesentlichen Radikalität Rechnung getragen wird, die Husserl
wie Simone Weil beanspruchen. Beider Ziel ist ohne Zweifel die von allen
Vor-urteilen geläuterte Möglichkeit, das reine, ontologische
Selbsterscheinen in allen Erscheinungen der "Realität"
deskriptiv zu gewährleisten. Da jedoch bei Simone Weil die de-kreative
Vorentscheidung für den Wert des "Guten" gegeben ist, und
dieses Gute schwierig auf der passiven Ebene reiner Originarität oder
Affektion zu fassen ist (weil das Sinnliche hier wie ein Adiaphoron
scheinbar auftritt), muss sie methodenimmanent daraufhin zu einer
Hermeneutik der religiösen Traditionen greifen, um die Ausweisung des Übergangs
von der phänomenalen Zeichenlektüre zur metaphysischen
Symbol-"Entzifferung" hin durch die liebend entleerte
Aufmerksamkeit vornehmen zu können. Damit ergibt sich jedoch zugleich
auch eine phänomenologisch-hermeneutische Aktualität Simone Weils,
insofern gegenwärtige Forschung gerade an dem inhärenten oder
kontingenten Bezug von Phänomenologie/Hermeneutik arbeitet, die eine rein
analytische Rationalität von Ich und Lebenswelt hinterschreitet.[43]
Die Spannung zwischen Religion - oder
sogar Mystik – und reinem Vernunftmenschentum, wobei allerdings
sowohl Simone Weil wie E. Husserl eine ethisch-kulturelle Verantwortung
der transzendentalen Epoché und Reflexion im Auge haben, scheint uns
eindeutig schließlich die Problematik der wirklich
"voraussetzungslosen" Selbstexplikation des absolut-phänomenologischen
Lebens aufzuwerfen. Da Simone Weil keinen reinen Lebensbegriff erarbeitet
hat, sondern das Leben (wie übrigens das Dasein) allein von der
vitalistisch-mechanischen Kraftgesetzlichkeit (Force) her bestimmt
sieht,[44] war es ihr nahezu unmöglich, eine gesellschaftliche,
politische wie kulturelle Zukunft zu denken, die sich allein aus einem
"ewigen" transzendentalen Leben ergibt. Genau diese
Schwierigkeit wird am Zusammenhang von Ich-Leere-Gott (anstelle der
Systematik ego-cogitata-alter ego bei Husserl) als Knotenpunkt
ihrer dekreativen Lektüre sichtbar, denn sie fordert nicht nur von Gott,
dass er sich von seinem All-Sein "zurückziehe", damit
Nicht-Absolutes "außerhalb" von ihm als creatio
existieren könne, sondern sie verlangt parallel dazu vom "Ich",
in sich eine "Leere des Begehrens" zu schaffen, um dann Gott
oder die Gnade darin zu empfangen. Übergehen wir das
metaphysisch-theologische Problem hierbei, dass Simone Weil Gott eine Art
Bedingung für dessen Selbstoffenbarung auferlegt sowie eine auffallend
gleiche räumliche Schematisierung bei solchem Ent-werden als "Rückzug"
und "Entleeren" vornimmt, so bleibt das radikalphänomenologische
Hauptproblem, dass selbst jede Ent-leerung als äußerte Epoché von Wert-
und Sinngeltungen der Welt gerade einer Kraft noch bedarf, um diese Epoché
auszuführen oder zumindest geschehen zu lassen. Da wir hier auf der Ebene
letzter Fundierung operieren, wo sowohl jede psychologische
Selbstreflexion wie aber auch die transzendentale Egohaftigkeit als überdeterminierte
Selbstvergewisserung im Sinne eines "uninteressierten
Zuschauers" radikal aufgehoben ist, besteht nur die Möglichkeit,
dass diese vital energetische wie gegenständlich inhaltliche Leere des
Begehrens genau das noch in Anspruch nimmt, was als "Kraft"
desavouiert wurde – nämlich ein bis auf die Gegen-Reduktion
reduziertes Leben. In einem letzten Sinne kann man sich gerade von diesem
nicht lösen, weil es die Selbstbindung des Erscheinens selbst ist - und
daher auch die Offenbarung des Absoluten birgt.
In der dekreativen Leere verzichten Ich wie
Ego darauf, noch irgendwie das Bewusstsein einer Gabe zu haben, und eben
darin besteht genau die Selbstoffenbarung Gottes, dass sie als solche
zugleich unersetzbar ihre eigene Bedingung ist, mit anderen Worten an
keinerlei Schematisierung mehr gebunden werden kann, sondern sich im
reinen Wesen des passiven Begehrens als dessen Selbstgebung im Sinne des
absolut-phänomenologischen Lebens gibt. Besäße das reine Begehren nach
Simone Weil keinerlei material-phänomenologische Substanz mehr, dann würde
nicht sichtbar, wie sich "Gott" als das schlechthin
"Gute" dem Ich/Ego (Moi/Je) substituieren könnte. Das
ent-schaffene bzw. ent-wordene Begehren hinsichtlich aller partikulär
transzendenten Objekterfüllung muss in seine selbstaffektive Originarität
eingesetzt bleiben, damit es überhaupt Begehren als eine Modalität des
Lebens bleiben kann, wie dies vom reinen Begehren des übernatürlichen
Guten gefordert ist. Anders gesagt ist das reine Begehren als absolute
Passivität im Sinne der Rezeptivität gegenüber Gottes Selbstgebung
jenes apodiktisch transzendentale Leben, in dem sich so etwas wie
"Verzicht" und "Erfüllung" überhaupt noch ereignen
kann, weil das individuell subjektive Leben immer schon durch seine
absolute Lebensabkünftigkeit jene phänomenologisch-bestimmte Weise
bildet, in der sich die Selbstoffenbarung Gottes als dessen Selbstgebung
vollzogen hat. Die radikale Epoché auf das Begehren ohne Form und Inhalt
hin (das heißt ohne intuitive Kategorialität im Sinne Kants bzw. ohne
Horizontstruktur in husserlscher Terminologie) impliziert also geradezu
die zuvor genannte Gegen-Reduktion vom Leben aus, die nichts anderes mehr
in Anspruch nimmt als nur dessen eigene Selbstmotivation - nämlich
keinen partikulären Wert mehr für ihren Vollzug zu fixieren, sondern das
reine "Wie" der Phänomenalisierung allen Erscheinens zu sein,
wobei diese reinste Passivität zugleich die höchste Selbstgebung
darstellt.
Da diese absolute Phänomenalisierung
jegliches Wissen um eine Gabe im transzendenten Sinne aus schließt, berührt
Simone Weil damit notwendigerweise ebenfalls die Frage des Immemorialen.
Bevor das "Ich" nämlich in irgendeiner Weise ein intentionales
Ego abgibt, ist es ein "Mich" im Akkusativ, das jede um sich
selbst wissende Konstitution ausschließt und somit auch nicht das
Sich-geben des absoluten Lebens oder "Gottes" in die Form einer
wahrnehmenden Schau erheben kann. Das Sich-selbst-gegeben-sein ist daher
ebenso "verborgen", wie die absolute Lebensgabe im intentionalen
Sinne "vergessen" ist, da sie nicht retentional-horizonthaft
erinnert werden kann. Wenn Simone Weil die Kreuzesverlassenheit Christi,
ja Christus selbst, als "das Schweigen" Gottes" versteht,[45]
dann kann dies nicht nur als die äußerste Form der religiösen
Dekreation verstanden werden, sondern auch als der zentrale, radikal-phänomenologische
Sachverhalt, dass Vergessenheit wie Schweigen als Modi der absoluten
Lebensgabe eine konkrete Selbstheit (Ipseität) bergen, die christologisch ausgedrückt den "Gehorsam" des
Sohnes Gottes als "Wahrheit" darstellt. Diese Wahrheit, so sagte
Simone Weil, ist ohne jede innerweltliche Finalität, weil sie die
Wahrheit der reinen Lebenspassivität als lebendiges "Wort" der
Selbstoffenbarung Gottes ist. In dieser Hinsicht ist die weilsche Epoché
einer der wenigen gegenwärtigen Versuche, die christologischen
Theologoumena für die reine Erscheinensrealität einer radikalen Phänomenologie
fruchtbar
zu machen,[46] –
weshalb
Simone Weil über die reduktive Kraft ihres dekreativen Ansatzes hinaus
auch ein zu berücksichtigender Platz innerhalb der gegenwärtigen
Forschungen um das "Wie" des originären Erscheinens gebührt.
Schließt unsere Sinnlichkeit nach den
fundamentalen Einsichten Simone Weils eine wirklich göttliche Offenbarung
ein, dann umfasst gerade unsere rein passive Affektivität als phänomenologische
Materialität jenen genannten Gehorsam, mit dem der Sohn Gottes in seinem
Tod selbst Materie wurde, das heißt, das Pathos der innertrinitarischen
Selbstgebung als Selbstgebung im inkarnierten Gehorsam vollzogen hat, der
sein Wesen als Logos der Wahrheit ist. In dieser rein passiven
Sinnlichkeit als der dekreativen Entleerung jeglicher Objekt- und
Wertgestalt bedeutet dann Christus den "Zugang" zum absoluten
Leben, der keines Blickes oder keiner Intention mehr bedarf, weil die phänomenologische
Materialität dieser Sinnlichkeit qua christologischer Ipseisierung
bereits das Leben schlechthin ist, mit anderen Worten: Leben mit all
seinen weiteren, sich entfaltenden Möglichkeiten. Simone Weil schreibt in
ihren zentralen "Vorchristlichen Intuitionen", dass "man zu
nichts übergehen kann, ohne durch Gott hindurchzugehen", was genau die nicht-ekstatische, höchste Phänomenalisierung als
Lebendig-sein in und aus Gott zusammenfasst. Ohne jeden Mystizismus lässt
sich dann auch im Sinne der weilschen Dekreation sagen (die eigentlich
hier des eidetischen Platonismus nicht mehr bedürfte), dass unsere
passiv-transzendentale Sinnlichkeit bereits das "übernatürliche
Leben" in seiner ganzen Selbstgebung umfasst. Simone Weils Beitrag
zur radikalisierten Epoché würde daher abschließend bedeuten, dass die
unmittelbar beim Leben selbst anzusetzende Gegen-Reduktion jede
traditionelle Vormeinung, naiv oder metaphysisch, über das Leben und
seine "Stufungen" aufzugeben hat, wie sie etwa seit Aristoteles
überliefert werden, um mit dem "übernatürlichen Leben" die
volle Originarität des Lebens in phänomenologischer Analysehinsicht in
den Blick zu bekommen. Damit würde Simone Weil auf ihre Weise durch den
Dekreationsgedanken jenes phänomenologische Prinzip bezeugen, das besagt,
dass die Gebung umso größer ist, je radikaler die Reduktion ausfällt –
um auf diese Weise der Phänomenologie ihre reichsten Möglichkeiten zu eröffnen. Anmerkungen
[1]
Vgl. dazu auch M. Vetö, La métaphysique religieuse de S. Weil.
Paris: Vrin 1971 (Repr. Paris:
L'Harmattan 1997); R. Kühn, Französische Reflexions- und
Geistesphilosophie. Profile und Analysen. Frankfurt/M: Athenäum-Hain
1993, 126-156; E. Gabellieri, Etre et don. La
pensée de Simone Weil.
Thèse
d'Etat: Univ. de Nice 1998 (Paris: PUF im Erscheinen)
[2]
Vgl. Célèbres leçons et fragments. Paris: PUF 1966, 204 ff.
[3]
S. Weil, Intuitions pré-chrétiennes. Paris:
La Colombe 1951, 142 (dt. Vorchristliche Schau. München: Barth
1956, 126).
[4]
Vgl. unter anderem: Erfahrung und Urteil. Hamburg: Meiner
61985, 54 ff., 66 ff. u. ö.
[5]
Vgl. Intuitions pré-chrétiennes, 143 f. (dt. 127 f.).
[6]
Ebd. 169 f. (dt. 150 f.).
[7]
Premiers écrits
philosophiques.
In: Oeuvres Complètes I. Paris: Gallimard 1988, 162.
[8]
S. Weil, Lettre à un religieux. Paris:
Gallimard 1951, 92 (dt. Entscheidung zur Distanz. Fragen an die
Kirche. München: Kösel 1988, 70). Zum Hinweis auf Husserl vgl.
auch E. Gabellieri, Etre et don, vol. 1, 116 ff.
[9]
Vgl. S. Weil, Intuitions pré-chrétiennes, 169 f. (dt. 150
f.); Premiers écrits philosophiques, 71 f., 127 ff. Dazu auch
S. Pétrement, Remarques sur Lagneau, Alain, et la philosophie
allemande contemporaine.- Revue de Métaphysique et de Morale
3 (1970) 292-300.
[10]
Vgl. besonders S. Weil, Pensées sans ordre concernant l'amour de
Dieu. Paris: Gallimard 1962, 85-131: L'amour de Dieu et le
malheur (dt. in: Zeugnis für das Gute. München:
DTV 1990, 13-44: Die Gottesliebe und das Unglück).
[11]
S. Weil, Premiers écrits philosophiques, 72.
[12]
Vgl. Célèbres leçons et fragments, 194 ff.
[13]
Vgl. E. Husserl, Cartesianische Meditationen. In:
Husserliana, Bd. I. Den
Haag: Nijhoff 1963, 148-49: "Danach gehört zur Konstitution der
objektiven Welt wesensmäßig eine Harmonie der Monaden, eben diese
harmonische Einzelkonstitution in den einzelnen Monanden, und demgemäß
auch eine harmonisch in den einzelnen verlaufenden Genesis."
[14]
I. Kant, Die
Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft.
In: Kants
Werke. Akademie Textausgabe VI. Berlin: De Gruyter 1968, 5 f. (Vorrede zur 1. Aufl.
1793).
[15]
S. Weil, Intuitions pré-chrétiennes, 165 f. (dt. 147 f.).
[16]
S. Weil, Pensées sans ordre concernant l'amour de Dieu, 114
(dt. 33).
[17]
S. Weil, Intuitions pré-chrétiennes,
167 (dt. 149).
[18]
Epoché und Reduktion. Einige Bemerkungen. In: A. J. Bucher u.
a. (Hg.), Bewußt sein. Gerhard Funke zu eigen. Bonn: Bouvier
1975, 76-85, hier 76 u. 83.
[19]
Vgl. S. Weil, Théorie des sacrements. In: S. Weil, Pensées
sans ordre concernant l'amour de Dieu, 135-148.
[20]
Über eine
entsprechende Kantlektüre in der französischen Tradition vgl. zum
Beispiel J. Nabert, L'expérience intérieure de la liberté, et
autres essais de philosophie morale. Préface
de P. Ricoeur. Paris: PUF 1994.
[21]
S. Weil, Intuitions pré-chrétiennes, 166 f. (dt. 148).
[22]
S. Weil, Premiers écrits philosophiques, 72. Will
man einen Begriff wählen, der ebenso eindeutig die phänomenologisch
erkenntniskritische wie religiös mystische Seite betont, dann ließe
sich Dé-création im Deutschen auch mit Ent-werden im Anschluß an
Meister Eckhart übersetzen (Predigt 26: Deutsche Predigten und
Traktate. München: Diogenes 1979, 272). Vgl. auch R. Kühn, La dé-création.
Annotations
sur un néologisme philosophique, religieux et littéraire.-
Revue d'Histoire et de Philosophie Religieuse 1 (1985) 45-52.
[23]
S. Weil, Cahiers II (Oeuvres Complètes VI). Paris:
Gallimard 1997 (dt. Aufzeichnungen/Cahiers. München:
Hanser 1996, 254).
[24]
S. Weil, Ecrits des Londres et dernières lettres. Paris:
Gallimard 1961, 77 (dt. Zeugnis für das Gute, 63 f.).
[25]
Vgl. dazu auch M. Henry, C'est Moi la Vérité. Pour une
philosophie du christianisme. Paris: Seuil 1996 (dt. Ich
bin die Wahrheit. Für eine Philosophie des Christentums.
Freiburg/München: Alber 1997).
[26]
S. Weil, Intuitions pré-chrétiennes, 170 f. (dt. 152).
[27]
Vgl. zuletzt hierzu als umfassendste Darstellung N. Monseau, La phénoménologie
déplacée. L'itinéraire
philosophique de Gaston Berger.
Louvain-la-Neuve: Mémoire de licence en philosophie 1999.
[28]
Hier würde sich ein weiterer Vergleich mit Edith Stein, einer
direkten Husserlschülerin, anbieten. Vgl. für eine frühe,
grundorientierende Studie E. Przywara, Edith Stein et Simone Weil. Essentialisme,
existentialisme, analogie. Les Etudes Philosophiques 3 (1956) 458-472.
[29]
S. Weil, Ecrits de Londres, 255 f.
[30]E.
Husserl, Erfahrung und Urteil, 351 () 71). Vgl. des weiteren
zur gegenwärtigen Reduktionsdiskussion R. Kühn/M. Staudigl (Hg.), Epoché
und Reduktion. Formen und Praxis der Reduktion. Freiburg/München:
Alber 2000.
[31]
S. Weil, Pensées sans ordres concernant l'amour de Dieu, 36.
[32]
Ebd. 113.
[33]
Action et pensée
(1926), zit. S. Pétrement, La vie de Simone Weil I. Paris:
Fayard 1976, 86.
[34]
Pensées sans
ordre concernant l'amour de Dieu,
114 f. Vgl. auch E. Birkenstock, Heißt philosophieren sterben
lernen? Antworten der Existenzphilosophie.
Kierkegaard, Heidegger, Sartre, Rosenzweig. Freiburg/München: Alber
1997.
[35]
Darauf verweist auch B. C. Farron-Landry, Lecture et non-lecture
chez S. Weil. -
Cahiers
Simone Weil
III/4 (1980) 225-244, hier 234. Mit dem Unterschied jedoch, daß sie
eine finale Epoché (Nicht-Lektüre) dort sieht, wo Husserl mit einer
radikalen Reduktion beginnt. Dann wäre aber nicht gesehen, daß S.
Weil von vornherein die perzeptive Lektüre in eine eidetische
Intuition (Erkenntnisnotwendigkeit des transzendent unsichtbaren
Objekts) verwandelt, um dann zur letzten Stufe form- und inhaltloser
Epoché (Wirklichkeitssetzung aus Liebe) vorzustoßen.
[36]
S. Weil, Premiers écrits philosophiques, 71-73. Der letzte, von S. Weil zitierte Satz findet sich bei J. Lagneau, Célèbres
leçons et fragments, 153. Vgl. auch R. Kühn, Französische
Reflexions- und Geistesphilosophie, 56-72.
[37]
Vgl. S. Weil, Cahiers
III. Paris:
Plon 1974, 94 (dt. Aufzeichnungen
III,
147).
[38]
Zum weiteren Vergleich zwischen S. Weil und Heidegger vgl. M. Sourisse,
Simone Weil et Heidegger. -
Cahiers
Simone Weil XII/3
(1989) 226-239; E. Gabellieri, Etre et don I, 70 ff.; II, 394
f., 490 f.
[39]
S. Weil, Cahiers
III, 192 (Aufzeichnungen III, 258).
[40]
S. Weil, L'enracinement. Paris:
Gallimard 1949 (dt. Die
Einwurzelung.
München: Kösel 1954, 438 f.).
[41]
Vgl. E. Husserl, Die
Krisis der europäischen Wissenschaften und die transzendentale Phänomenologie.
In: Husserliana,
Bd. VI. Den
Haag: Nijhoff 1976, 407. Zwar sagt Husserl dies näherhin in bezug auf
Descartes' Zweifelversuch, aber auch an anderen Stellen wird von einer
"völlig personalen Verwandlung", "Hölle" oder
"absoluten Einsamkeit" gesprochen (78, 140, 187 f., 250).
[42]
Ebd. 325 (Wiener Vortrag 1935). Daß solches Entwerden letztlich auf
die immanente Zeitanalyse zurückführt, zeigt auch der an Begson wie
Husserl gewonnene Gedanke bei A. Schütz, daß im Strom des Werdens
und Entwerdens das Ich dauert. Vgl. Theorie der Lebensformen.
Frühe Manuskripte der Begson-Periode. Frankfurt/M: Suhrkamp 1981, 30.
[43]
Für einen Vergleich mit H. Arendt in diesem Zusammenhang vgl. Modernité,
démocratie et totalitarisme. Simone Weil et Hannah Arendt. Paris:
Kliensieck 1996; Les Catégories de l'universel. Simone Weil,
Hannah Arendt. Paris: Collège International de Philosophie 1997.
[44]
Den Nachweis dazu führt mit allen notwendigen Quellenangaben aus dem
19. und 20, Jahrhundert E. Gabellieri, Etre et don II, 412 ff.
[45]
Pensées sans ordre concernant l'amour de Dieu, 129.
[46]
In dieser Hinsicht
vgl. gerade die phänomenologischen Beiträge in: M. M. Olivetti
(Hg.), Philosophie de la révélation. Biblioteca
dell "Archivio di Filosofia" 11. Rom:
Cedam 1994.
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