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Stefan Knoche Die
Wiederentdeckung des Politischen. Zur
postmodernen politischen Philosophie Ich
folge hier einer Unterscheidung zwischen der Theorie der Politik als Lehre von den politischen Institutionen im
engeren Sinne (Politikwissenschaft) und politischer
Philosophie und werde mich mit der Postmoderne als Philosophie des Politischen beschäftigen. Einleitend einige
Bemerkungen zum Titel. 1. Was bedeutet hier Postmoderne?
2. Was ist postmoderne politische
Philosophie und 3. Worauf zielt die Rede von der Wiederentdeckung des Politischen? Postmoderne Zuerst
einmal geht es hier um eine wissenschafts-historische Bestimmung des
Materialbereichs. Als postmodern bezeichne ich die
philosophischen Konzeptionen, die vor allem in Frankreich entstanden sind im
Anschluß an den linguistischen und ethnologischen Strukturalismus (Saussure
und Levi-Strauss), im Anschluß an Nietzsches und Heideggers auch sprachphilosophische Vernunftkritik und Destruktion der
Metaphysik. Als 1979 Francois Lyotards La
condition postmoderne erscheint, sind viele der nachhaltig wirkenden
Texte von Bataille, Lacan, Foucault oder Derrida schon Klassiker. Die
Postmoderne wird vielfach als Posthistoire
interpretiert, als das Ende der Geschichte, an die ein konservativer
Kulturkritiker wie Arnold Gehlen die Moderne angelangt sieht: alle in der
Moderne angelegten Möglichkeiten sind entwickelt und Grundlagenveränderungen
sind nicht mehr möglich. Auch
Baudrillard vertritt, eher von links kommend, eine geschichtspessimistische
Position: Reale Oppositionen und Polaritäten werden in der medialen
Pluralisierung indifferent und beliebig. Dann
gibt es noch auf Seiten des politische Liberalismus eine solche Perspektive
vom Ende der Geschichte. Francis Fukuyama z.B. vertritt die naive und
zugleich unwiderstehliche These, daß die liberale parlamentarische
Demokratie der qualitative Endpunkt der Geschichte sei, und daß die
Nachgeschichte in nichts anderem als der Aufgabe ihrer globalen Durchsetzung
bestünde. Ich
möchte diesen Gedanken eines Endes der Geschichte zurückweisen und
betrachte die Postmoderne vielmehr als eine ganz bestimmte geschichtliche
Neuorientierung. Als charakteristisch für die Moderne
erachtet Max Weber ein Ende der Einheitlichkeit, den Bruch mit jedem
unbefragten Konsens über die Grundorientierungen des Lebens. "Postmodern
heißt" nun, wie Lyotard sagt, "nicht das Ende der Moderne, sondern
eine andere Beziehung zu ihr."[1]
Und zwar in einem Sinn, den Anthony Giddens mit den Worten beschrieben hat,
daß wir nicht "in eine Periode der Postmoderne" eintreten, sondern
"uns auf eine Zeit" zubewegen, "in der sich die Konsequenzen
der Moderne radikaler und allgemeiner auswirken als bisher."[2]
Wenn
also für die Moderne der Verlust
von unbefragten Grundorientierungen kennzeichnend ist (der "radikale
Niedergang der Funktion des Herrn",[3]
wie Lacan das nennt), dann ist das Besondere an der Postmoderne eine
Radikalisierung dieses Verlust-Vorgangs, nämlich gerade der Verlust dieses
eindeutigen Verlustgefühls. Im Kontext politischer Philosophie bedeutet
dies, daß Ambivalenz nicht länger als ein Mangel
wahrgenommen werden muß, der nach Herstellung
von Ordung durch Politik verlangt, sondern das positive Medium der politischen
Daseinsform des Menschen ist, die Hannah Arendt in dem Begriff des
Handelns als eigentliche Dimension unseres Zusammenlebens von den Grundtätigkeiten
des Arbeitens (Reproduktion) und des Herstellens (Produktion und Konsum)
abhebt. Die
politische Daseinsform des Menschen verlangt nicht nach Ordnung, sondern ist
selbst eine Ordnung, und meine Vermutung ist, daß die postmoderne
Philosophie dieser Ordnung, diesem Beziehungsgewebe, in dem, wie Arendt
schreibt, "die Folgen jeder Tat schrankenlos" sind, jede Handlung
"nicht nur eine Reaktion" auslöst, "sondern eine
Kettenreaktion, jeder Vorgang [...] Ursache ist für unvorhersagbare neue
Vorgänge", und dessen Schrankenlosigkeit unvermeidlich ist, auf der
Spur ist. Postmoderne
politische Philosophie Ich
werde nicht eingehen auf den Postmodernismus im weiten kulturalistischen
Sinne, also vor allem Lyotards schon erwähnte Philosophie radikaler Pluralität
und das weite Spektrum interkultureller Philosophie, Kulturwissenschaft und
Ethnologie. Und ich werde auch fast nichts über Foucaults Theorien der
Disziplinargesellschaft und produktiver Macht sagen. Ebenfalls unberücksichtigt
bleiben Deleuze/Guattari und die feministische Rationalitätskritik (sowie
Blanchot oder Bataille, obwohl Jean-Luc Nancys Lektüre Batailles in Die
undarstellbare Gemeinschaft schon hier hin gehörte). Vielmehr
stehen hier bestimmte Konzepte von Derrida und Lacan sowie ein seinerseits
weites Umfeld im Mittelpunkt. Derridas Dekonstruktion im engeren Sinne, dann
aber auch das, was man als postmoderne Transformation des Marxismus
bezeichnen könnte: politische Philosophen wie Jacques Rancière, vor allem
aber die Arbeiten von Claude Lefort, Ernesto Laclau, Chantal Mouffe und
Slavoj Zizek. Diese unterschiedlichsten Texte und Theorien werde ich als
Dekonstruktivismus bezeichnen. Dekonstruktivismus
und politische Philosophie Erste
These: Der Dekonstruktivismus bestimmt das
Politische als den irreduziblen Vorgang unserer Vergesellschaftung.
Zweite
These: Diese Irreduzibilität des Politischen ist die Irreduzibilität von Konflikten und Antagonismen. Dritte
These: Die gängigen philosophischen Politikkonzeptionen Liberalismus,
Kommunitarismus, Diskurstheorie und Pragmatismus gleichen sich in ihrer
Weigerung, das so verstandene Politische, d.h. den Konflikt, die
antagonistische Konfrontation, als fundamental bzw. irreduzibel anzuerkennen.
Sie betrachten den Konflikt als einen Zustand des Mangels, den es - auf
unterschiedlichen Wegen, unter unterschiedlichen Maßgaben - zu beheben gilt
und betreiben die Ausschließung des Politischen. Vierte
These (ergibt sich aus den Thesen eins bis drei): Durch sein Eintreten für
die Unumgänglichkeit von Konflikt unterscheidet sich der Dekonstruktivismus
von allen anderen Konzeptionen und ist somit die
Philosophie des Politischen. Im
Liberalismus als Ausdruck bürgerlicher Emanzipation stehen das Individuum
und sein Recht auf private Freiheit im Vordergrund, weshalb alle Formen des
Totalitären, der absolute Staat, aber auch radikaldemokratische Bewegungen,
d.h. unmittelbare Volksherrschaft, ablehnt werden. Wesentlich ist also diese
zu beiden Seiten betriebene Abwehr politischer Omnipotenz. Der
liberalistische Personenbegriff ist abstrakt und individualistisch: als Träger
natürlicher Rechte, als Nutzen-Maximierer, als rationaler Egoist oder als
Subjekt einer universalistischen Vernunft wird das Individuum von sozialen
Beziehungen und Machtrelationen, Sprache, Kultur und den Praktiken des
Handelns abstrahiert. Die
politischen Grundrechte und Freiheiten bedeuten gerade einen Schutz
des Individuums vor dem Staat, vor institutionalisierter Politik. Seit Thomas
Hobbes ist es die Aufgabe von öffentlicher Gewalt und Gesetz, diese
universalistischen Rechte zu garantieren. In John Rawls Theorie der
Gerechtigkeit hat der unparteiliche Staat die Aufgabe, eine formale
Verfahrensgerechtigkeit, d.h. gleiches Recht auf gleiche Grundfreiheiten zu
garantieren. Gegen
diese abstrakten Normen und das Individuum setzt der Kommunitarismus
kontextualistische Güter: Tradition, Tugend, kollektive Wertüberlegungen
und konkrete Anerkennungsforderungen. Er definiert einen homogenen, organisch
geschlossenen Raum gesellschaftlicher Beziehungen. Konflikt existiert nur als
innerorganische Differenz. Der
Dekonstruktivismus setzt sich vom Liberalismus ab durch die Ablehnung seiner
grundsätzlichen Prämissen: er verneint die Existenz einer
universalistischen Rationalität. D.h.: gegen Habermas und dessen Verknüpfung
von Universalismus, Rationalismus und Demokratie vertritt der
Dekonstruktivismus die Position, daß die Demokratie ohne abstrakte und
allgemeine Bestimmungen von Freiheit und Gleichheit auskommen muß. Und
vor allem: der Dekonstruktivismus bezweifelt die Möglichkeit, "das
destabilisierende Potential des Politischen"[4]
durch die Festlegung von Regeln für
den politischen Wettstreit suspendieren zu können: Politik kann nicht
auf institutionelle und formale Verfahren reduziert werden. Der
kommunitaristischen Betonung des Organischen, d.h. der "Rückkehr zum präpolitischen
Gesellschaftskörper"[5]
setzt der Dekonstruktivismus die Irreduzibilität von Konflikt, die Logik des
Supplements und die Unabgeschlossenheit von Kontext entgegen. Die
größte Nähe zur Denkonstruktion unterhält der Pragmatismus als ein nicht-fundamentalistisches
Denken der gesellschaftlichen Organisation. Es gibt keinen philosophischen Standpunkt, von dem aus die Überlegenheit einer
bestimmten Vergesellschaftungsweise behauptet werden kann. Richard Rorty
empfiehlt, die Suche nach politisch neutralen philosophischen Prämissen
aufzugeben. Dies
bedeutet, daß Fortschritte in der Demokratie keine natürliche Verbindung zu
Forstschritten in der Rationalität haben. Wir sollten aufhören, die
Institutionen der liberalen westlichen Gesellschaften als rationale Lösung für das Problem des menschlichen Zusammenlebens
auszugeben, als Lösung also, die andere Menschen notwendig übernehmen müssen,
wenn sie aufhören, irrational zu sein. Demokratisches Handeln braucht
demzufolge keine Wahrheit und Begriffe universaler Gültigkeit, sondern
Praktiken und pragmatische Züge, um Menschen zu überzeugen, um ihren Willen
zu bezwingen. Chantal
Mouffe kritisiert am Pragmatismus neben der liberalen Trennung von Öffentlichkeit
und Privatsphäre vor allem die Mißachtung der Komplexität und der Abgründigkeit
von Politik. Für Rorty ist Politik eine Sache pragmatischer Reformen und
Kompromisse, deren Ziel das Erreichen eines größtmöglichen Konsenses ist.
Für den Dekonstruktivismus hingegen ist der Konflikt das zentrale Merkmal
des Politischen, also die Unmöglichkeit, einen Konsens zu finden, ohne einen
Ausschluß zu produzieren (die Vorstellung von gelingender Kommunikation ist
also nicht kontrafaktisch (Habermas), sondern ideologisch, d.h. nur unter der
Bedingung einer Leugnung des Ausgeschlossenen denkbar). Die
Wiederentdeckung des Politischen Die
Rede vom Politischen macht mißtrauisch. Da denkt man dann an Machiavelli, an
Staatsräson, die Befreiung des Handelns von ethischen Normen; der Leviathan
fällt einem ein, Nietzsches Wille zur Macht, Carl Schmitt und der
Ausnahmezustand. Dazu kommt dann, daß alle "echten politischen Theorien",
wie Carl Schmitt schreibt, "den Menschen als »böse« voraussetzen,
d.h. als keineswegs unproblematisches, sondern als »gefährliches« und
dynamisches Wesen."[6]
Das ist auch kein angenehmer Gedanke. Diese
Vorstellungen folgen einem gemeinsamen Muster: der Mensch als böses
Naturwesen muß durch die politische Ordnung bezwungen werden. Das Politische
geht auf im Ordnungsgedanken. Mit Hannah Arendt möchte ich hier die
Irreduzibilität des Politischen konsequenter denken: der Mensch ist überhaupt
nur Mensch als politisches Wesen, das Politische ist nicht das sekundäre
Korrektiv der menschlichen Natur, sondern sein ursprüngliches Wesen.
"Leben", so schreibt Hannah Arendt, heißt "soviel wie »unter
Menschen weilen« (inter homines esse)".[7] Das Politische in diesem Sinne ist dann genau das, was
in totalitären politischen Ordnungen zu verschwinden droht. Gleichwohl
sorgt die Rede vom Politischen für Unruhe. Vom Ausnahmezustand ist der Weg
nicht weit bis zu den totalitären Regimes des 20. Jahrhunderts. Und
dann die Postmoderne!, die
universale rationale Verfahren ablehnt und also unweigerlich in einen
politischen Dezisionismus und demokratiefeindlichen Irrationalismus münden
muß, also dort, wo man nach dem 2. Weltkrieg ganz sicher nicht wieder
hinwollte. Das Politische und die Postmoderne, das klingt nach einer gefährlichen
Beziehung. Natürlich
ist die Wiederentdeckung des Politischen in der Postmoderne nicht
gleichbedeutend mit einer Wiederaufnahme des Dezisionismus. Mit dem Gedanken
der Irreduzibilität von Konflikt sowie der Ablehnung einer universalen Vernunft und rationaler
Institutionen geht es gerade nicht
um den Ausnahmezustand, die Aushebelung der Demokratie, sondern um ihre Stärkung
(These Nummer fünf). Ich
will dies am Unterschied zu Carl Schmitt kurz verdeutlichen. Schmitt kritisiert den Parlamentarismus und die Unterscheidung
zwischen Zivilgesellschaft und Staat als liberalistische Schwächung von
Herrschaft - er denkt das Politische - den Konflikt - ausgehend von einer
totalen staatlichen Einheit, in der jedes gesellschaftliche Element politisch
ist, insofern es die reale Möglichkeit in sich trägt, als seinsmäßige
Verneinung der Einheit - d.h. als Feind - bestimmt und bekämpft zu werden. Der
Dekonstruktivismus kritisiert den
Liberalismus für seine Rationalität,
in der er noch zuviel
Herrschaftsanspruch vermutet und denkt das Politische als die Verhinderung
der staatlichen und
gesellschaftlichen Totalität (ganz zu schweigen von der totalitären Identität von Staat und Gesellschaft - also das, was bei Schmitt
ausgerechnet Demokratie heißt).[8]
Wenn
in der Postmoderne der Staat nicht
das eigentliche Problem ist, bedeutet das keine neokonservative oder einfach
nur apathische Rückkehr zu ihm,
sondern drückt die Einsicht aus, daß der Staat in der Moderne, statt Ursprung
der Gewalt zu sein, nur ein Element
der umfassenden Mikrophysik der
Macht ist. Der Schmittschen Entscheidung für Staat und Diktatur entspricht
auf Seiten der Postmoderne überhaupt nichts. Die Differenz könnte gar nicht
größer sein. Macht
wird als ein irreduzibles Faktum anerkannt. Aber Gesellschaft als totales
System und das Denken in binären Codes (Schmitts Freund - Feind - Schema)
das kommt im Dekonstruktivismus gerade nicht
vor. Die Postmoderne versteht das Primat des Politischen als das Primat von Unabschließbarkeit
jenseits einer totalitären Staatsidee oder der binär codierten
Selbstreferentialität geschlossener Systeme. Schmitts Behauptung, daß es
keine politische Gesellschaft, sondern "nur eine politische Einheit"[9]
gibt, wird durch die Postmoderne auf den Kopf gestellt: es gibt nur eine
politische Gesellschaft, niemals aber politische Einheit. Das
läßt sich auch am Begriff des Individuums zeigen. Schmitt sieht im Liberalismus
die Unterwerfung von Staat und Politik unter die Prinzipien des Individualismus
(d.h. unter private Moral und ein individualistisches ökonomisches Kalkül,
unter Heterogenität und einen dysfunktionalen Pluralismus); die Postmoderne
sieht in eben diesem Individualismus
die Unterwerfung der Fremd- und Andersheit des Individuums unter die
abstrakte Rationalität seines Begriffs.
Die
Wiederentdeckung des Politischen
verweigert nicht nur dem
institutionalisierten Staat, sondern auch
noch dem liberalen Begriff den Zugriff auf das Individuum, das gerade als
reines und abstraktes kein Transzendental oder auch nur eine unschuldige
Fiktion ist, sondern ein politisch konstituierte Ausschlußbestimmung
konkreter Erscheinungsweisen. Wo
Universalismus, Rationalismus und Individualismus die konstitutive Rolle von
Antagonismen und Macht unterschätzen, da geschieht die postmoderne Rückkehr
zum Konflikt (zu Destruktion, Dekonstruktion und Negativität) nicht in
totalitärer Absicht, sondern um Phänomene wie ethnische, religiöse und
nationalistische Konflikte besser verstehen zu können. Der
Beitrag der Postmoderne zur politischen Philosophie besteht also in der
Einsicht, daß Konflikte keinen Mangel
vor dem Hintergrund einer universalen Rationalität bedeuten,
sondern konstitutiv und unverzichtbar sind für jede Form von politischer,
gesellschaftlicher oder ethischer Identität. Im Folgenden möchte ich zeigen
- und damit wiederhole ich meine fünfte These -, daß diese Anerkennung des
Konflikts keinen Rückfall in einen politischen Naturzustand bedeutet,
sondern die Existenz und Möglichkeit des Demokratischen voraussetzt und bestärkt
(wobei Demokratie hier auf eine ganz bestimmte Weise - ausgehend von Konflikt
- und nicht wie bei Schmitt - ausgehend von Einheit und Identität - gedacht
wird). Durch
die Reduzierung des Politischen auf institutionalisierte Politik sieht der
Dekonstruktivismus gerade die harterkämpften Ergebnisse der politischen und
demokratischen Revolutionen gefährdet. Zentrale Kategorien wie Bürgerrechte,
Gemeinschaft und Pluralismus müssen vor einem anti-essentialistischen
Hintergrund neu formuliert werden. Es geht darum, die Demokratie-Theorie an
die turbulenten Ereignisse einer in Un-Ordnung befindlichen Welt anzunähern. Folgenden
Fragen werde ich mich nun zuwenden: 1.
Was ist
der Unterschied zwischen dem Politischen und Politik?
Das ist die Frage nach der Unabschließbarkeit. Dazu werde ich mich mit
Claude Lefort beschäftigen. Der gehört vielleicht nicht zur Postmoderne,
sondern eher zu Demokratietheorie und Phänomenologie, spielt aber hier eine
entscheidende Rolle, weil er Gesellschaft und Demokratie vom Konflikt her
denkt. 2.
Was ist
eine Ideologie und warum ist sie unvausweichlich?
Das ist die Frage nach der Notwendigkeit von Schließung. 3.
Wie
funktioniert Ideologiekritik? Das ist die Frage
nach dem Verhältnis von Unabschließbarkeit
und Schließung. 4.
Welche
Rolle spielt die Demokratie? Sie ist die
Form der Vergesellschaftung, die aus dem Verhältnis von Unabschließbarkeit
und Schließung existiert. 5.
Welche
Bedeutung hat das Universale? (Vor dem Hintergrund,
daß man trotz einer Absage an eine universale Vernunft oder Rationalität
nicht auf den Gedanken allgemein verbindlicher Menschenrechte verzichten möchte). 6.
Wie läßt
sich linke von rechter Politik unterscheiden? Der
Begriff des Politischen (Claude Lefort) In
seinem Nachwort zu Merleau-Pontys Das
Sichtbare und das Unsichtbare erwähnt Claude Lefort Franz Kafka, der
geschrieben hat, daß sich ihm die Dinge »nicht von der Wurzel aus ...,
sondern erst irgendwo gegen ihre Mitte«[10]
gezeigt haben. Kafkaesk also mutet jenes Denken an, dem man bei Merleau-Ponty
begegnet, ein Denken, dem es, so Lefort, nicht
darum geht, "Trümmer
zu beseitigen, um ein neues Fundament zu legen, sondern ... vielmehr um die
Einsicht, daß, was immer wir vom
Sein sagen, wir selbst ganz
in ihm wohnen, daß wir mit unserem Bemühen um einen Ausdruck
uns selbst noch in ihm einrichten,
und daß schließlich unser Fragen aus ebendemselben Grunde keinen Anfang und
kein Ende hat, da unsere Fragen immer aus noch älteren Fragen entstehen und
keine Antwort das Geheimnis unserer Beziehung zum Sein jemals lüften kann."[11] Wenn
der Merleau-Ponty-Schüler Lefort das eigentlich Politische (Le Politique) von der Politik als gesellschaftlicher Institution
unterscheidet (La Politique), dann
geht es mit dem Rückgang auf den Institutionalisierungsvorgang (auf das mise-en-forme)
nicht darum, der institutionalisierten Gesellschaft und ihrer Politik ein
neues Fundament zu legen, sondern mit diesem Schritt zurück vollzieht Lefort
den Eintritt in das politische Sein, in dem wir immer schon wohnen, und das wir unmöglich als
Gegenstand des Denkens vor uns stellen können, da wir uns mit unseren Fragen
und Antworten vielmehr darin einrichten. Dieses
Sein ist der Teil der Wirklichkeit,
"der - ich zitiere erneut
Lefort - unaufhörlich die den
Institutionen zugrundeliegenden, formalen Prinzipien untergräbt."[12] Was
bezeichnen wir gewöhnlich mit dem Wort »Politik«? Ich fasse kurz zusammen,
was Peter Wagner in seiner Laudatio anläßlich der Verleihung des Bremer
Hannah-Arendt-Preises für politisches Denken 1999 an Claude Lefort auf diese
Frage geantwortet hat: Politik ist eine besondere Sphäre der Gesellschaft,
die, emanzipiert von religiösen Vorgaben in einer funktionalen
Arbeitsteilung mit Wissenschaft, Wirtschaft, Kultur und Recht steht, und in
der es um die Lenkung der Gesellschaft geht, wobei die egalitäre
Rekrutierung der politischen Klasse aus der Gesellschaft mittels
demokratischer Wahlen erfolgt. Politische
Praxis ist orientiert an Funktionalität, Legitimität und Leistungsfähigkeit
und wird durch die politischen Wissenschaften empirisch erforscht. Der
demokratische Liberalismus und die parlamentarische Demokratie sind das Gefüge,
in dem sich die politische Praxis im Westen abspielt. Eine Gesellschaft repräsentiert
sich in ihren gleichermaßen staatlichen und außerstaatlichen Institutionen,
von denen die Politik eine ist. Claude
Lefort unterlegt nun dieser Gleichung von Gesellschaft als Summe der
Institutionen den Begriff des Politischen und geht von der prinzipiellen
Nichtrepräsentierbarkeit der Gesellschaft aus. Gesellschaft und Demokratie
sind keineswegs als institutionell Seiendes zu begreifen, d.h. sie sind nicht
objektiv darstellbar. Wie
der Leib bzw. das Fleisch in Merleau-Pontys Philosophie ist für Claude
Lefort das Politische jenes Doppelte, das Sehendes und Gesehenes zugleich ist,
das »politische Fleisch« gewissermaßen (auf diese Verbindung weisen die
Herausgeber von Leforts Essai Fortdauer
des Theologisch-Politischen?, Hans Scheulen und Zoltán Szánkay, in
einer Fußnote hin).[13] Derart
für uns selbst unsichtbar, sind Gesellschaft, Demokratie und Freiheit
kontingent und in ihrer Form ereignishaft, was soviel bedeutet wie zu sagen,
daß sie ohne Form sind, daß sie Form aus sich hervorgehen lassen.
Demokratie als revolutionäres Ereignis ist keine neue Ordnung, da sich
Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit nicht endgültig in institutionelle
Regeln und Formen übersetzen bzw. festsetzen lassen. Das
Politische, der »geheime Teil des sozialen Lebens«, jene Prozesse, »die
die Zustimmung der Menschen zu ihrem Regime bewirken«[14]
(mehr noch: die ihre Weise, in
Gesellschaft zu sein, bestimmen) ist nicht etwas in sich Seiendes, kein
noch so komplexes System von Beziehungen, sondern die originäre Dimension
des Sozialen. Diese politische Formgebung ist als Prinzip der
Interiorisierung das unfaßbare Objekt, das gleichzeitig die Gesellschaft
formiert und ihre Totalisierung verhindert. Lefort
denkt an gegen die "Illusion einer reinen Immanenz",[15]
aber die Exteriorität der Gesellschaft ist keine Beziehung zu einem göttlichen
Außen, sondern "eine Exteriorität der Gesellschaft zu sich selbst".[16]
In der Demokratie ist nicht das Religiöse, sondern Macht der symbolische Pol - von der Macht aus ist die Frage nach dem
Bruch zu stellen, "der gleichzeitig ein In-Beziehung-Setzen ist".[17]
Der
Ort der Macht ist ein "leerer Ort",
nicht nur ein Ort, der niemandem gehört, sondern ein prinzipiell leerer Ort,
der durch die (zumeist) gewählten Vertreter des Volkes nicht eingenommen
werden kann. Als symbolischer Pol der Gesellschaft ist Macht die "Institutionalisierung
des Konflikts"[18]:
Macht existiert als symbolischer Pol nur, solange sie umstritten und nicht in
einer Institution, Partei oder Person realisiert wird. Realisierte Macht
bedeutet die Reduzierung des Politischen auf Politik. Ideologie Die
Differenz zwischen dem uneinnehmbaren, unabschließbaren Raum des Politischen
und seiner immer ungenügenden Repräsentation in der Politik läßt sich in
Derridas Logik des Supplements übersetzen. Nach dieser Logik setzt sich
immer ein selbst bedeutungsloses Bild, ein Repräsentant oder eben
Signifikant an die Stelle des Repräsentierten, schiebt dieses gerade durch
den Akt der Repräsentation auf und läßt es nicht zu sich, d.h. in seine
reine Präsenz kommen. Diese
Logik zielt auf die Performativität der Gründung moderner demokratischer
Verfassungsstaaten. Entgegen der Theorie des Volkssouveräns (Kant, Rousseau)
kann die Dekonstruktion zeigen, "daß der Volkssouverän dem von ihm
konstitutierten Gemeinwesen nicht als Präsenz und Ursprung vorausgesetzt
werden kann."[19]
Das Volk, das sich im Akt der Verfassungsgebung repräsentiert, wird durch
diesen Akt allererst als Rechtssubjekt hervorgebracht. Oder wie Derrida sagt:
"Unterzeichnend autorisiert es sich zu unterzeichnen. Unterzeichnend
sagt es [...]: Fortan habe ich das Recht zu unterzeichnen, mithin werde ich
es schon gehabt haben, da ich es mir ja gegeben habe."[20] Der
Repräsentant (z.B. Thomas Jefferson als Repräsentant des Volkes der
Vereinigten Staaten als Autor der Unabhängigkeitserklärung, in der sich das
Volk seine Verfassung gibt) ist immer mehr als nur Repräsentant, weil sich
das Volk erst durch ihn konstituiert und er mithin im Moment der Formulierung
der Verfassung gerade noch nicht der Vertreter eines
Volkes sein kann. Der
Witz an dieser Überlegung ist nun, daß sich diese Logik des Supplements
auch in der konstituierten Gesellschaft fortsetzt. Das
Volk
oder die Bevölkerung kann
sich niemals in seiner Fülle und Präsenz darstellen, ohne auf einen Repräsentanten
angewiesen zu sein, was nichts anderes ist als zu sagen, daß es sich nie in
seiner Fülle repräsentiert. Das
»Wir« der Bevölkerung ist niemals mit sich selbst identisch, es ist ständig
aufgeschoben. Die Bevölkerung als
präsente Einheit gibt es nicht, was es gibt, das ist der Name des Volkes.
Und das ist keine empirische Unmöglichkeit, sondern eine prinzipielle.
Selbst wenn man willens wäre, alle Angehörigen eines Gemeinwesens öffentlich
zu versammeln, wäre doch die Entscheidung über die Zugehörigkeit weiterhin
verwiesen auf bereits in seinem eigenen Namen begründete Ausschließungen. Auch
Chantal Mouffe und Ernesto Laclau gehen von einer Gesellschaft ohne positive
Determination aus. »Gesellschaft existiert nicht«, schreiben sie in
Anlehnung an den berühmten Satz von Lacan (la
femme n'existe pas),[21]
und wollen das so verstanden wissen, daß die Vorstellung einer ursprünglichen
Wirklichkeit des Sozialen, die sich in
und mit den Mitteln der Politik
repräsentiert, unhaltbar ist. Das ursprüngliche Wesen der Gesellschaft ist
negativ, es hat keine Existenz. »Gesellschaft« gibt es nur als politische
Artikulation (identitätsstiftende Praxis) und wird ständig neu geschaffen,
erweitert, differenziert, bzw. vorübergehend zur prekären Totalität »genäht«.
Und
Slavoj Zizek behauptet in The Sublime Object of Ideology, »daß die radikalste Dimension der
Theorie Lacans nicht in der
Anerkennung der Tatsache liegt, daß das Subjekt
gespalten, durchgestrichen, identisch mit einem Mangel in einer
Signifikantenkette ist, sondern in der Realisierung, daß der grosse Andere,
die symbolische Ordnung an sich, genauso gebarrt ist, durchgestrichen von
einer fundamentalen Unmöglichkeit, strukturiert um einen unmöglichen/
traumatischen Kern, um einen zentralen Mangel«.[22] Durch
die Konzentration auf das Trauma verkehrt sich hier eine vertraute
Perspektive der Ideologiekritik. Üblicherweise wird eine Ideologie als der
Schein betrachtet, der wirkliche Unrechtsverhältnisse mit einer falschen
Notwendigkeit versieht. Luis
Althusser hat nun darauf hingewiesen, daß Ideologie ein wesentliches Element
jeder sozialen Formation und somit überdeterminiert ist, d.h. nicht
eindeutig auf bestimmte zugrunde
liegende Verhältnisse (z.B. ökonomische) zurückgeführt werden kann. Zizek
liegt auf der Linie dieses Arguments, wenn er behauptet, daß die Ideologie
den Menschen erst mit der sozialen
Wirklichkeit versieht, die ihm dazu
verhilft, das notwendig
traumatische Reale - die Nicht-Existenz der Gesellschaft an sich, vor jeder
politischen Artikulation - zu ertragen.[23]
Eine
Ideologie ist nicht erst die
Verhinderung des möglichen wahren Genießens (eine befreite Menschheit)
durch eine Lüge (die die Unrechtsverhältnisse zwischen Kapital und Arbeit
aufrechterhalten soll), ideologisch ist schon der Glaube an ein reines Genießen
(als könnte es so etwas geben wie eine vollständig befreite Menschheit (Kommunismus);
und heute natürlich vor allem die Vorstellung, es könnte einen beherrschten
Kapitalismus geben, der ohne Ausbeutung auskäme (die Ideologie der liberalen Demokratie)). Ein
reines Genießen, d.h. die Existenz des reinen Sozialen, bedeutet, einen
gesellschaftlichen Zustand zu organisieren, in dem das Politische, die reale
Unabschließbarkeit und Konflikthaftigkeit des gesellschaftlichen
Institutionalisierungs-vorgangs, geleugnet wird. Ideologisch ist also die
Vorstellung, das amerikanische Volk habe sich selbst seine Verfassung gegeben.
Geleugnet wird dabei, daß es Thomas Jefferson unter ganz bestimmten
politischen Bedingungen war, der das Volk erst hervorgebracht hat. Politik
partizipiert notwendig an diesem Moment der Leugnung des Politischen. Diesem
perversen Genießen hält Zizek entgegen, daß die emanzipatorische Dimension
Lacans geade im Festhalten an
diesem zentralen Mangel der Gesellschaft liegt: die Möglichkeit einer
Ent-Entfremdung (de-alienation) besteht in der Erkenntnis, daß der große
Andere die endgültige Antwort (Auf die Frage »Wer bin ich?«) auch nicht
hat,[24]
d.h. hier, daß der Begriff vom deutschen Volk und seine Repräsentation
durch die Institutionen der parlamentarischen Demokratie auch nicht die endgültige
Antwort auf die Frage nach der fundamentalen Wahrheit der Gesellschaft sind,
in der wir »immer schon« leben. Ideologiekritik Ernesto
Laclau und Chantal Mouffe kombinieren Derridas Logik des Supplements mit
Elementen der marxistischen Theorie und formulieren eine Logik der Hegemonie.
Eine hegemoniale Beziehung besteht gerade darin, daß die unmögliche Fülle
einer Struktur durch einen bestimmten ihrer Teile repräsentiert werden muß.
Diese hegemoniale Differenz zwischen einem Ganzen und der Partikularität
seines Repräsentanten ist das Politische. Bestände diese Differenz nicht, würde
also entweder jeder Teil des Ganzen nur für sich sprechen oder würde sich
das Ganze als Ganzes repräsentieren, dann gäbe es das Politische - diese
unmögliche Beziehung zwischen Unabschließbarkeit und Schließung - als
fundamentale Logik der Gesellschaft nicht mehr. Ohne
das Politische bestände die Gesellschaft also entweder aus den blinden und
unvermittelbaren Zusammenstößen abgeschlossener sozialer Elemente (jeder
Teil spricht nur für sich selbst; das ist der Naturzustand), oder aber das
Ganze müßte unmittelbar anwesend sein, eine Qualität, die wohl Gott
vorbehalten bleiben muß. Ausgehend
von dieser Differenz zwischen einem unmöglichen Ganzen und seiner Repräsentation
in einem Partikularen entwickelt Zizek in der Terminologie von Freuds
Traumdeutung ein allgemeines Modell der Ideologiekritik. Freud
unterscheidet am Traum drei Elemente: den Traumtext (oder: manifester
Trauminhalt), den latenten Traumgedanken sowie die Traumarbeit. Im Traum
geschieht eine unbewußte Wunscherfüllung, wobei der latente Traumgedanke
durch die Traumarbeit in den manifesten Traumtext übersetzt wird. Freud
steht vor der Frage, warum die Träume diese Wunscherfüllung nicht unverhüllt
zeigen. Und die Antwort ist, daß nicht der Wunsch das eigentliche Problem
ist, das im Traum bearbeitet wird, sondern sich in der Traumarbeit
selbst ein unbewußtes Begehren ausdrückt, die Traumzensur, die den
latenten Wunsch in seine konkrete Traumgestalt verzerrt.[25] Zizek
überträgt diese Konstruktion auf politische Artikulationen. Dem manifesten
Trauminhalt der Nazis von einem homogenen, von Nicht-Ariern und Juden
gereinigten deutschen Reich liegt ein latenter Traumgedanke zugrunde, der an
sich gar nichts faschistisches hat: die authentische und weit verbreitete
Sehnsucht nach Gemeinschaft und gesellschaftlicher Solidarität. Durch
ein unbewußtes Begehren wird nun die nichtfaschistische Sehnsucht in den
perversen Plan einer völkisch homogenen Einheit verzerrt. Dieses unbewußte Begehren ist
nun gerade das verdrängte kapitalistische Begehren nach technologischer und
organizistischer Mobilisierung der Gesellschaft. Es ist nicht der
Gemeinschaftswunsch, der faschistisch ist, sondern seine perverse
Realisierung in der Zerstörung der
letzten Spuren bestehender
organischer Gemeinschaften, ausgehend von dem verdrängten kapitalistischen
Begehren nach organizistischer Restrukturierung und Beherrschbarkeit der Bevölkerung.
So
also funktioniert Ideologie. Die reine Idee der Gemeinschaft ist das
vorideologische Ganze oder Universale, die unabschließbare Einheit des Repräsentierten,
die auf eine bestimmte (organizistische und völkische, also
faschistische) Weise hegemonisiert, d.h. repräsentiert wird. Gerade durch
diese ideologische Realisierung verdrängt der Faschist sein eigentliches
Begehren: die Partizipation an kapitalistischer Ausbeutung und Entfremdung. Der
eigentlich skandalöse Gedanke, den dieses Ideologiekritik-Modell nahe legt,
ist nun der, daß es eine nichtideologische, d.h. nichthegemoniale Repräsentation
nicht geben kann. Es gibt keine unmittelbare
Realisierung eines Wunsches, d.h. hier: eines gesellschaftlichen Ganzen oder
einer universalen Utopie. Denn erstens muß jeder Wunsch, jeder latente
Traumgedanke, durch die Traumarbeit hindurchgehen, und zweitens, und das ist
der eigentliche Kern des Gedankens, kann man den reinen Wunsch nur durch
Destruktion der Traumarbeit hinter dieser als ihr Material erahnen. Wir träumen
nicht, weil wir Wünsche haben (die dann unglücklicherweise durch die
Traumarbeit entstellt werden), sondern wir haben Wünsche, weil die
Traumarbeit Material für ihre unbewußte Arbeit verlangt. Ein
Wunsch, wir können hier auch sagen: eine Utopie, wie Gemeinschaft oder auch
Gerechtigkeit in reiner Universalität, ist eigentlich nur ein Symptom, das
auf die reale Fortexistenz ideologischer Verhältnisse hinweist: die Existenz
des Volks, das auf die bestimmte politische Situation seiner Gründung;
oder der Traum von Gerechtigkeit, der auf politisch und ethisch umstrittene
Verhältnisse weist: Beide sind retroaktive Objekt-Ursachen des Begehrens, wie es bei Lacan und
Zizek heißt. Demokratie Nun
ist natürlich ganz klar, daß nicht alle hegemoniale Artikulationen in
gleicher Weise problematisch sind. Die schlimmsten sind die totalitären, die
absolute Ideologien erzeugen und keine Gegenrede, keinen politischen Konflikt
mehr erlauben. Sie verdienen eigentlich gar nicht mehr, ideologisch genannt
zu werden, weil eine Ideologie nur im Feld des Politischen funktioniert (siehe
die Definition der Hegemonie). Sie beseitigen die konstitutive
Unabgeschlossenheit des Politischen vollständig. Der
deutsche Faschismus besorgt diese absolute Schließung des Politischen nun
genau dadurch, daß er die Unmöglichkeit des reinen Geniessens (also die Unmöglichkeit, reine Gemeinschaft zu haben) externalisiert: in die
Juden als die Anderen, die das eigene deutsche Geniessen durch ihre
Anwesenheit stehlen und verunmöglichen. Die totale Realisierung der unmöglichen
deutschen Identität bedarf der absoluten Tat: die Vernichtung der Juden. Der
Kommunismus ist ebenfalls totalitär und beseitigt das Politische, indem er
die Möglichkeit sozialer Homogenität von der Existenz einer einzigen Klasse
abhängig macht, d.h. monokausal erklärt. Von
den totalitären Systemen unterscheidet sich nun die Demokratie zuallererst
dadurch, daß sie Konflikte und antagonistische, sich gegenseitig ausschließende
hegemoniale Artikulationen zuläßt, bzw. gerade in ihnen ihre Existenz hat.
Die Existenz des Politischen garantiert - und davon bin ich ja in meiner
Bestimmung der Postmoderne als Zuspitzung der Moderne ausgegangen - die
Ambivalenz einer jeden Entscheidung. Oder,
um es mit den Worten Claude Leforts zu sagen: "In meinen Augen ist das
Wesentliche, daß die Demokratie sich dadurch instituiert und erhält, daß
sie die Grundlagen aller Gewißheit
auflöst. Sie eröffnet eine Geschichte, in der die Menschen die Probe
auf eine letzte Unbestimmtheit machen, [...] was die Grundlagen der Macht,
des Rechts und des Wissens [...] betrifft [...]."[26] Im
Politischen ist somit ein ethisches Moment eingeschlossen, die Möglichkeit nämlich,
sich beständig selbst in Frage zu stellen. Auch die etabliertesten Formen
der Demokratie sind im Prinzip
Experimente. Die Unmöglichkeit
einer »eigentlichen« Gestalt der Demokratie ist konstitutiv.
Und für alle hier vertetenen Positionen gilt das Paradox, daß einzig die
nicht vollständig realisierte Demokratie eine erfolgreiche Demokratie ist.
Dazu noch einmal Zizek: "Es
stimmt, daß die Demokratie alle Arten von Manipulationen ermöglicht,
Korruption, Dämagogie usw., aber sobald wir die Möglichkeit solcher
Deformationen eliminieren, verlieren wir die Demokratie selbst - ein gutes
Beispiel für das Hegelsche Absolute, das sich nur in unreinen, deformierten
und korrupten Formen realisieren kann; wenn wir diese Deformationen
beseitigen und das Absolute in seiner intakten Reinheit zu fassen versuchen,
erreichen wir das genaue Gegenteil."[27] Es
gibt keine geschichtlich verpflichtende oder teleologisch leitende Form der
Demokratie, die politischen Artikulationen als Maßstab ihrer Beurteilung
unterlegt werden könnte. Es gibt den geschichtlichen Prozeß der
Demokratisierung (es gibt die Uneinnehmbarkeit des Ortes der Macht), aber es
gibt nicht die Demokratie. Laclau
und Mouffe gehen von der Grundannahme aus, daß die modernen kapitalistischen
Phänomene der Dislokation und Fragmentierung des Sozialen nicht nur die
politischen Möglichkeiten vermehren (anstatt sie zu verringern, wie noch
Marx mit seiner Theorie von der Vereinfachung der Klassengegensätze glaubte),
sondern auch, daß sie die Bedingungen sind, "unter denen so etwas wie
Freiheit möglich ist; daß Freiheit eine Konsequenz von Dislokation ist."[28]
Wobei Freiheit nicht als Wert,
sondern als politische Realität
gedacht wird, als Bedingung für
hegemoniale Artikulationen. Das
Universale Jacques
Rancière vertritt die These, daß mit »demos« (Volk) im politischen Sinne
niemals nur einfach die Mehrheit oder das Ganze der Bevölkerung gemeint ist,
sondern daß »demos« immer auch das Paradox eines »singulier universel«
bezeichnet, das Paradox, daß ein Teil der Bevölkerung die Stimme erhebt und
Forderungen mit universalen Ansprüchen stellt. Das
Universale, so muß man aus dem Bisherigen folgern, ist nicht die Summe der
Stimmberechtigen, alle, sondern der
Name für die unmögliche Ganzheit
des Gesellschaftlichen (an dieser Unmöglichkeit ändert sich auch dann
nichts, globalisierte man die Gesellschaft - was im Begriff der
Menschenrechte ja gewissermaßen passiert). Auch
für Rancière spielt das Moment der Artikulation in doppelter Hinsicht eine
entscheidende Rolle. Zum einen existiert das Universale - das er die »Voraussetzung
von Gleichheit« nennt - nicht unabhängig von der konkreten Formulierung
eines Unrechts: "Die Gleichheit hat keine ihr eigene Sichtbarkeit."[29]
Zum
anderen existiert auch das Partikulare nur vor dem Hintergrund jenes
universalen Anspruchs auf Gleichheit, in dessen Namen es sich als Subjekt
eines Unrechten (besser Nicht-Rechten, Jenseits-des-Rechts; frz.: le tort)
definiert (Hobbes' Naturzustand; wenn man es sich genau überlegt, das unmögliche
Element des Gesellschaftszustands). "Die
Parteien [existieren] nicht vor der Erklärung des Unrechten [...]. Subjekte, die vom
politischen Unrechten ins Spiel gebracht werden, [sind] nicht Entitäten
[...], denen zufälligerweise dieses oder jenes Unrecht geschieht. Sie sind
vielmehr Entitäten, deren Existenz
selbst die Äußerungsweise
dieses Unrechten ist."[30] Das
unterscheidet den politischen Konflikt vom juristischen Streitfall. Das
Proletariat als deplazierter Teil der Gesellschaft existiert nicht
vor dem Hintergrund eines Rechtssystems, auf das es sich berufen und vor dem
es das ihm widerfahrene Unrecht objektiv darlegen kann. Das Proletariat
existiert als das Unrechte, das durch das Rechtssystem gar nicht vorgesehen ist.
Und das Universale der Gerechtigkeit existiert nur als das partikulare,
deplazierte Unrechte. Dies
führt uns noch einmal auf Lacans Vorstellung zurück, daß die symbolische
Ordnung um einen irreduziblen Mangel herum strukturiert ist. Eine
gesellschaftliche Forderung ist im vollen Sinne nur dann politisch, wenn sie
im Namen des Universalen für einen bisher nicht ausreichend oder gar nicht
berücksichtigten Teil (Zizek
spricht vom »Teil ohne An-Teil«)[31]
des Ganzen Macht einklagt und damit die Struktur des Ganzen, das gerade durch den Ausschluß dieses Teils existierte,
erschüttert und revidiert. Reißt
dieser paradoxe Faden zwischen dem Universalen und dem Partikularen, spricht
also jeder Teil der Gesellschaft nur noch für sich selbst, dann
ist der Mangel durch eine ideologische Konstruktion unsichtbar gemacht worden,
und das politische verwandelt sich in ein polizeiliches System, in dem jeder
sichtbare Teil seinen Platz hat und das ausgeschlossene Reale unsichtbar ist.
Links
und Rechts Was
Rancière als polizeiliches System bezeichnet, heiß bei Zizek
Para-Politik.[32]
Der Konflikt zwischen Interessengruppen wird zwar akzeptiert, aber nur unter
ganz bestimmten und der Diskussion entzogenen Rahmenbedingungen, den
institutionellen (polizeilichen) Spielregeln, d.h eben jenen Elementen »organisierter
Demokratie«, aus denen der Parlamentarismus besteht (Zizek bezieht sich hier
aber auch auf Regel-Ethiken wie die von Habermas oder Rawls). Zizek
selber hält sich an den späten
Lacan und übersetzt dessen psychoanalytischen Hauptsatz von der
Identifikation mit dem Symptom in die Aufforderung, sich mit dem Mangel zu
identifizieren, mit eben jenem Element, das einer totalitären Ausschließung
des Politischen bzw. Abschließung
des Demokratischen im Wege steht. Dabei geht es darum, "die
Universalität", an dem das Politische hängt, "mit dem Punkt
des Ausschlusses zu identifizieren".[33]
Wenn
ein System sich abschließt, dann liegt die Kraft des Universalen bei den
partikularen Elementen, die aus strukturellen Gründen deplaziert, "»aus
den Fugen«"[34]
sind. In
seinem Plädoyer für die Intoleranz
warnt Zizek davor, daß wir uns heute auf ein Stadium der Post-Politik
zubewegen, in dem die Universalität
des Politischen einer Globalisierung
weicht, und eine Vielzahl von partikularen Kämpfen zwar politisiert, der
globale Prozess des Kapitals aber intakt gelassen wird.[35]
Die negative Universalität droht in die Pluralität multikultureller und
ethnischen Forderungen eingeschmolzen zu werden. Der
Antagonismus politischer Machtkämpfe wird in den Meinungsverschiedenheiten
aufgeklärter Technokraten und Expertengruppen entschärft.
Kurzum: authentische Politik als Kunst des Unmöglichen
- d.h. als Veränderung der »Parameter dessen, was in der existierenden
Konstellation als »möglich« angenommen wird«[36]
- wird reduziert auf die Gleichung von Politik als Kunst des Möglichen,
als funktionale Ausschöpfung gegebener Möglichkeiten. Linkssein
bedeutet nun, sich erstens dieser Entpolitisierung der Ökonomie
entgegenzustellen, und bedeutet zweitens, sich der Universalität zu
verschreiben und sich folglich den ausgeschlossenen, aus den Fugen geratenen
Teilen zuzuwenden, deren Unsichtbarkeit
das globale Ganze strukturiert. Die Universalität der Menschenrechte wird
nicht durch global ratifizierte Willensbekundungen repräsentiert, sondern »existiert«
einzig in jenen Elementen, in die jede Gesellschaft die konstitutive Unmöglichkeit
ihres reinen Geniessens externalisiert. Linkssein
bedeutet nicht, den
antagonistischen Charakter der Gesellschaft zu leugnen, es geht nicht
darum, den ausgeschlossenen Teil zu integrieren und dann ist alles gut, im
Gegenteil: "aus der Perspektive der Linken ist die Akzeptanz des radikal
antagonistischen - das heißt politischen
- Charakters des gesellschaftlichen Lebens, die Akzeptanz der Nowendigkeit,
»sich auf ein Seite zu stellen«; der einzige Weg, um tatsächlich universal
zu sein."[37] Der
Unterschied zwischen Links und Rechts besteht genau darin: linke Politik
nimmt Partei mit dem Ausgeschlossenen, weil sie sich dem Universalen
verschrieben hat, rechte Politik verteidigt partikulare Interessen auf
Kosten des Ausgeschlossenen. Das
Schlimme an der para-politischen Leugnung jeder radikalen Differenz durch die
Neue und Radikale
Mitte Blairs und Schröders ist, daß sie die Ökonomie
entpolitisiert und damit den radikalen Rechten das Feld der Differenz überläßt.
Jörg Haiders Rechtspopulismus ist nicht die obszöne Herausforderung
der multikulturalistischen Mitte, er repräsentiert gerade nicht nationale
Interessen oder irgend eine andere bestimmbare
Klientel, die es mit einer gezielten Kampagne zurückzuholen gälte ins Reich
der Mitte. Haider ist nicht der letzte Irrationale, den es zu bekehren gilt. Die
radikale Rechte ist vielmehr das Symptom der kulturalistischen Globalisierung, sie repräsentiert die
Leugnung der kapitalistischen Antagonismen durch
die Neue Mitte. Die Demokratie ist nicht durch die Differenz gefährdet, die
Haider setzt. Sie ist gefährdet durch die Leugnung der Differenzen in der
Rhetorik der Radikalen Mitte, die ihn möglich gemacht haben. Und weil die
Medien, in denen Haider sich sonnt, die Medien dieser Mitte sind, sind sie
auch so hilflos. Was
leistet der Dekonstruktivismus? Er ist eine starke politische Philosophie,
weil er von einer Irreduzibilität von Konflikten ausgeht und jede
Vorstellung von Homogenität unter Ideologie-Verdacht stellt. Dabei ist er
kein zynischer Relativismus, der jeden Wahrheits-Anspruch zur Machtäußerung erklärt und damit
jegliches Urteils- oder Distinktionsvermögen verspielt. Der
Dekonstruktivismus ist eine Demokratietheorie mit einem radikalen und
ethischen Begriff des Demokratischen: Demokratie ist ein unabschließbares
Projekt ohne definitive Form, aber mit dem Vermögen, sich beständig selbst
in Frage zu stellen. Seine Normativität besteht in der Identifikation mit
den für jede Schließung konstitutiven Elementen des Auschlusses. Leitend
ist dabei nicht ein Ideal globaler Harmonie und realisierter Freiheit,
sondern das Mißtrauen gegenüber fehlenden Widersprüchen und kultivierten
Differenzen. Seinen destruktiven Charakter teilt der Dekonstruktivismus mit der Kritischen Theorie: wie diese hütet er sich davor, zu sagen, wie die Welt denn aussehen soll. Sicher ist nur, daß sie, wie sie ist, nicht bleiben darf.
[1]
In: Walter Reese-Schäfer, Lyotard
zur Einführung, Hamburg 1988, S. 104.
[2]
Anthony Giddens, Konsequenzen der
Moderne, Frankfurt/ Main: Suhrkamp 1995, S. 11.
[3]
Jacques Lacan, Die Ethik der
Psychoanalyse. Das Seminar, Buch VII, Weinheim/ Berlin 1996, S. 19.
[4]
Slavoj Zizek, Ein Plädoyer für die Intolernz, Wien: Passagen 1998, S. 35.
[5]
Ibid.
[6]
Carl Schmitt, Der Begriff des
Politischen, Berlin: Duncker & Humblot 1996, S. 61.
[7]
Hannah Arendt, Vita Activa oder Vom tätigen
Leben, München: Piper 1967, S. 17.
[8]
Ibid., S. 25.
[9]
Ibid., S. 45.
[10]
Claude Lefort, Nachwort des
Herausgebers, in: Maurice Merleau-Ponty, Das
Sichtbare und das Unsichtbare, München: Fink 1986, S. 345-374, hier S.
365.
[11]
Ibid.
[12]
Claude Lefort/ Marcel Gauchet, Über
die Demokratie: Das Politische und die Instituierung des Gesellschaftlichen,
in: Ulrich Rödel (Hrsg.), Autonome
Gesellschaft und libertäre Demokratie, Frankfurt/ Main: Suhrkamp 1990,
S. 89-122, hier S. 106.
[13]
Claude Lefort, Fortdauer des
Theologisch-Politischen?, Wien: Passagen 1999, S. 98.
[14]
Ibid., S. 34f.
[15]
Ibid., S. 47.
[16]
Ibid., S. 49.
[17]
Ibid.
[18]
Ibid., S. 51.
[19]
Alex Demirovic, Freiheit oder Die
Dekonstruktion des Politischen. Ein Plädoyer für Kritik, in: Jutta
Georg-Lauer (Hrsg.), Postmoderne und
Politik, Tübingen: Edition discord, S. 121-143, hier S. 139.
[20]
Jacques Derrida, Nietzsches
Otobiographie oder Politik des Eigennamens, in: Fugen.
Deutsch-Französisches Jahrbuch für Text-Analytik, Olten/ Freiburg
1980, S. 60.
[21]
Vgl.: Ernesto Laclau/ Chantal Mouffe, Hegemonie
und radikale Demokratie. Zur Dekonstruktion des Marxismus, Wien:
Passagen 1991, S. 166.
[22]
Slavoj Zizek, The Sublime Object of
Ideology, London & New York 1989, S. 122.
[23]
Ibid., S. 45.
[24]
Ibid., S. 122.
[25]
Beispiel: Freuds Traum von Irmas Injektion. Vorgeschichte: gescheiterte
Behandlung. Traumtext: Gespräch über das Scheitern der Behandlung wegen
einer infizierten Spritze, Freunde treten auf, die verschiedene Gründe dafür
anführen, daß niemand an der Infektion Schuld trägt. Latenter
Traumgedanke ist natürlich der Wunsch Freuds, am Scheitern der Analyse
nicht Schuld zu sein. Die Frage ist nun, warum
sich der Wunsch, am Mißlingengen der Analyse nict Schuld zu sein,
zum Traumtext, an der mißlungenen Injektion keine Schuld zu haben,
verzerrt. Welches unbewußte Begehren drückt sich in der Traumarbeit, der
Zensur aus? Unbewußter Wunsch: den Freund Wilhlem Fließ, der tatsächlich
eine Nasenoperation an Irma vermasselt hat, zu entlasten. Zensiert wird
hier vor allem die starke Beziehung zu Fließ (und dessen Integrität als
Arzt). Vgl.: Sigmund Freud, Die Traumdeutung, Frankfurt/ Main: Fischer 1991, S. 120ff.
[26]
Claude Lefort, Die Frage der
Demokratie, in: U. Rödel (Hrsg.), Autonome
Gesellschaft, a.a.O., S. 281-297, hier S. 296. Ambivalenz bedeutet die
unmögliche Mitte zwischen der Unentscheidbarkeit des Ganzen (die unmögliche
Abgeschlossenheit) und der Notwendigkeit der Entscheidung. Derridas
Dekonstruktion ist weder dezisionistische Eindeutigkeit noch
entscheidungslose Beliebigkeit. Lassen Sie mich kurz erneut die Grenze zu
Carl Schmitt ziehen. Schmitts Dezisionismus setzt gegen abstrakte
Normativität und Regeln die Entscheidung,
in der sich "das gute Recht der richtig erkannten politischen
Situation" durchsetzt. Das Problem dabei die Punktualisierung des
Augenblicks, die dezisionistische Neugliederung des Ganzen durch die
zentrale Entscheidung (Totalitarismus). Derridas Entscheidung ist eine
Anmessung an die Unentscheidbarkeit des Ganzen, hat eine intensive
Temporalität und kommt, verglichen mit Carl Schmitt, eher einer
Nicht-Entscheidung gleich. Die Dekonstruktion steht im Gegensatz zur Kritik.
Sie verweigert die Möglichkeit einer Position des Aussen, von der aus das
Ganze einer Situation überblickt und beurteilt werden kann (eine Position,
die die Kritik im starken Sinne behauptet einnehmen zu können). Sie sieht
sich immer eingebunden in unendliche Kontextualität (dafür steht die Rede
vom Text), in der es kein
Absolutes gibt, jede Entscheidung ist unendlich und grundsätzlich
ambivalent. Es gibt keinen Souverän (der gegenüber seinen Entscheidungen
der gleiche bleibt), sondern die Entscheidungen konstituieren den
Handelnden und verändern ihn zugleich (da es nichts außer Kontext gibt,
ist das Subjekt auch nur Kontext).
[27]
Slavoj Zizek, The Sublime Object of
Ideology, a.a.O., S. 148.
[28]
Simon Critchley, Dekonstruktion,
Marxismus, Hegemonie. Zu Derrida und Laclau, in: J. Butler et. al., Das
Undarstellbare der Politik, a.a.O., S. 193-208, hier S. 201.
[29]
Jacques Rancière, Gibt es eine
politische Philosophie?, in: R. Riha (Hrsg.), Politik
der Wahrheit, a.a.O., S. 64-93, hier S. 69.
[30]
Ibid., S. 75.
[31]
S. Zizek, Ein Plädoyer für die
Intoleranz, a.a.O., S. 32.
[32]
Ibid., S. 33f.
[33]
Ibid., S. 88.
[34]
Ibid.
[35]
Ibid., S. 83.
[36]
Ibid., S. 39.
[37]
Ibid., S. 86.
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